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Dichtung vom Barock bis zur Gegenwart repräsentativ vorzustellen.
Freundliche Grüße
Wilhelm Castun
Rubrik: Lehrgedicht
Johann Wolfgang von Goethe
Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen,
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder!
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen!
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach, und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein!
Nein, nicht länger
Kann ichs lassen:
Will ihn fassen!
Das ist Tücke!
Ach, nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!
Willst am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten!
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!
Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Naß und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen:
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister, hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seids gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.«
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Klassisches Altertum
Johann Wolfgang von Goethe
Nach Korinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt.
Einen Bürger hofft er sich gewogen;
Beide Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam voraus genannt.
Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb und Treu
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.
Und schon lag das ganze Haus im stillen,
Vater, Töchter, nur die Mutter wacht;
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht.
Wein und Essen prangt,
Eh er es verlangt;
So versorgend wünscht sie gute Nacht.
Aber bei dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt;
Müdigkeit läßt Speis und Trank vergessen,
Daß er angekleidet sich aufs Bette legt;
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Tür herein bewegt.
Denn er sieht, bei seiner Lampe Schimmer
Tritt, mit weißem Schleier und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer,
Um die Stirn ein schwarz- und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weiße Hand.
Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause,
Daß ich von dem Gaste nichts vernahm?
Ach, so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier die Scham.
Ruhe nur so fort
Auf dem Lager dort,
Und ich gehe schnell, so wie ich kam.
Bleibe, schönes Mädchen! ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind:
Hier ist Ceres, hier ist Bacchus Gabe,
Und du bringst den Amor, liebes Kind!
Bist vor Schrecken blaß!
Liebe, komm und laß,
Laß uns sehn, wie froh die Götter sind!
Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen,
Ich gehöre nicht den Freuden an.
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen
Durch der guten Mutter kranken Wahn,
Die genesend schwur:
Jugend und Natur
Sei dem Himmel künftig untertan.
Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert.
Unsichtbar wird Einer nur im Himmel
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.
Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht.
Ist es möglich, daß am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht?
Sei die Meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.
Mich erhälst du nicht, du gute Seele!
Meiner zweiten Schwester gönnt man dich.
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt;
In die Erde bald verbirgt sie sich.
Nein! bei dieser Flamme seis geschworen,
Gütig zeigt sie Hymen uns voraus,
Bist der Freude nicht und mir verloren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen, bleibe hier!
Feire gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitschmaus!
Und schon wechseln sie der Treue Zeichen:
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silbern, künstlich, wie nicht eine war.
Die ist nicht für mich;
Doch, ich bitte dich,
Eine Locke gib von deinem Haar.
Eben schlug dumpf die Geisterstunde,
Und nun schien es ihr erst wohl zu sein.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein;
Doch vom Weizenbrot,
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.
Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der, wie sie, nun hastig lüstern trank.
Liebe fordert er beim stillen Mahle;
Ach, sein armes Herz war liebekrank.
Doch sie widersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.
Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
Ach, wie ungern seh ich dich gequält;
Aber, ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
Wie der Schnee so weiß,
Aber kalt wie Eis
Ist das Liebchen, das du dir erwählt.
Heftig faßt er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
Hoffe doch bei mir noch zu erwarmen,
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuß!
Liebesüberfluß!
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?
Liebe schließet fester sie zusammen,
Tränen mischen sich in ihre Lust;
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen,
Eins ist nur im andern sich bewußt.
Seine Liebeswut
Wärmt iht starres Blut;
Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.
Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbei,
Horchet an der Tür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sei:
Klag- und Wonnelaut
Bräutigams und Braut
Und des Liebestammelns Raserei.
Unbeweglich bleibt sie an der Türe,
Weil sie erst sich überzeugen muß,
Und sie hört die höchsten Liebesschwüre,
Lieb und Schmeichelworte mit Verdruß-
Still! der Hahn erwacht!-
Aber morgen Nacht
Bist du wieder da? - und Kuß auf Kuß.
Länger hält die Mutter nicht das Zürnen,
Öffnet das bekannte Schloß geschwind:
Gibt es hier im Hause solche Dirnen,
Die dem Fremden gleich zu Willen sind?-
So zur Tür hinein.
Bei der Lampe Schein
Sieht sie - Gott! sie sieht ihr eigen Kind.
Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken;
Doch sie windet gleich sich selbst hervor.
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt
Lang und langsam sich im Bett empor.
Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte,
So mißgönnt ihr mir die schöne Nacht!
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte,
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ists Euch nicht genug,
Daß ins Leichentuch,
Daß Ihr früh mich in das Grab gebracht?
Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht.
Eurer Priester summende Gesänge
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Nicht, wo Jugend fühlt;
Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.
Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus heitrer Tempel stand.
Mutter, habt Ihr doch das Wort gebrochen,
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd Euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört,
Zu versagen ihrer Tochter Hand.
Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermißte Gut,
Noch den schon verlornen Mann zu lieben
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ists um den geschehn,
Muß nach andern gehn,
Und das junge Volk erliegt der Wut.
Schöner Jüngling! kannst nicht länger leben;
Du versiechest nun an diesem Ort.
Meine Kette hab ich dir gegeben;
Deine Locke nehm ich mit mir fort.
Sieh sie an genau!
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort.
Höre, Mutter, nun die letzte Bitte:
Einen Scheiterhaufen schichte du;
Öffne meine bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zu Ruh;
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Bäume
Johann Wolfgang von Goethe
Nach dem Anakreon
Selig bist du, liebe Kleine,
Die du auf der Bäume Zweigen,
Von geringem Trank begeistert,
Singend, wie ein König lebest!
Dir gehöret eigen Alles,
Was du auf den Feldern siehest,
Alles, was die Stunden bringen;
Lebest unter Ackersleuten,
Ihre Freundin, unbeschädigt,
Du den Sterblichen Verehrte,
Süßen Frühlings süßer Bote!
Ja, dich lieben alle Musen,
Phöbus selber muß dich lieben,
Gaben dir die Silberstimme;
Dich ergreifet nie das Alter,
Weise, zarte, Dichterfreundin,
Ohne Fleisch und Blut Geborne,
Leidenlose Erdentochter,
Fast den Göttern zu vergleichen.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Naturgeister
Johann Wolfgang von Goethe
Um Mitternacht, wenn die Menschen erst schlafen,
Dann scheinet uns der Mond,
Dann leuchtet uns der Stern;
Wir wandeln und singen
Und tanzen erst gern.
Um Mitternacht, wenn die Menschen erst schlafen,
Auf Wiesen, an den Erlen
Wir suchen unsern Raum
Und wandeln und singen
Und tanzen einen Traum.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Naturgeister
Johann Wolfgang von Goethe
Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wies Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht.
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ewgen Tau?«
Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
Netzt ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da wars um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Tiere
Johann Wolfgang von Goethe
Ein großer Teich war zugefroren;
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber im halben Traum:
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Frühling
Johann Wolfgang von Goethe
Tage der Wonne,
Kommt ihr so bald?
Schenkt mir die Sonne,
Hügel und Wald?
Reichlicher fließen
Bächlein zumal.
Sind es die Wiesen?
Ist es das Tal?
Blauliche Frische!
Himmel und Höh!
Goldene Fische
Wimmeln im See.
Buntes Gefieder
Rauschet im Hain;
Himmlische Lieder
Schallen darein.
Unter des Grünen
Blühender Kraft
Naschen die Bienen
Summend am Saft.
Leise Bewegung
Bebt in der Luft,
Reizende Regung,
Schläfernder Duft.
Mächtiger rühret
Bald sich ein Hauch,
Doch er verlieret
Gleich sich im Strauch.
Aber zum Busen
Kehrt er zurück.
Helfet, ihr Musen,
Tragen das Glück!
Saget, seit gestern
Wie mir geschah?
Liebliche Schwestern,
Liebchen ist da!
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Ritterorden
Friedrich Schiller
Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?
Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen?
Es rottet sich im Sturm zusammen,
Und einen Ritter, hoch zu Roß,
Gewahr ich aus dem Menschentroß,
Und hinter ihm, welch Abenteuer!
Bringt man geschleppt ein Ungeheuer,
Ein Drache scheint es von Gestalt,
Mit weitem Krokodilesrachen,
Und alles blickt verwundert bald
Den Ritter an und bald den Drachen.
Und tausend Stimmen werden laut:
»Das ist der Lindwurm, kommt und schaut!
Der Hirt und Herden uns verschlungen,
Das ist der Held, der ihn bezwungen!
Viel andre zogen vor ihm aus,
Zu wagen den gewaltgen Strauß,
Doch keinen sah man wiederkehren,
Den kühnen Ritter soll man ehren!«
Und nach dem Kloster geht der Zug,
Wo Sankt Johanns des Täufers Orden,
Die Ritter des Spitals, im Flug
Zu Rate sind versammelt worden.
Und vor den edeln Meister tritt
Der Jüngling mit bescheidnem Schritt,
Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen,
Erfüllend des Geländes Stufen.
Und jener nimmt das Wort und spricht:
»Ich hab erfüllt die Ritterpflicht,
Der Drache, der das Land verödet,
Er liegt von meiner Hand getötet,
Frei ist dem Wanderer der Weg,
Der Hirte treibe ins Gefilde,
Froh Walle auf dem Felsensteg
Der Pilger zu dem Gnadenbilde.«
Doch strenge blickt der Fürst ihn an
Und spricht: »Du hast als Held getan,
Der Mut ists, der den Ritter ehret,
Du hast den kühnen Geist bewähret.
Doch sprich! Was ist die erste Pflicht
Des Ritters, der für Christum ficht,
Sich schmücket mit des Kreuzes Zeichen?«
Und alle ringsherum erbleichen.
Doch er, mit edelm Anstand, spricht,
Indem er sich errötend neiget:
»Gehorsam ist die erste Pflicht,
Die ihn des Schmuckes würdig zeiget.«
»Und diese Pflicht, mein Sohn«, versetzt
Der Meister, »hast du frech verletzt,
Den Kampf, den das Gesetz Versager,
Hast du mit frevlem Mut gewaget!«
»Herr, richte, wenn du alles weißt«,
Spricht jener mit gesetztem Geist,
»Denn des Gesetzes Sinn und Willen
Vermeint ich treulich zu erfüllen,
Nicht unbedachtsam zog ich hin,
Das Ungeheuer zu bekriegen,
Durch List und kluggewandten Sinn
Versucht ichs, in dem Kampf zu siegen.«
»Fünf unsers Ordens waren schon,
Die Zierden der Religion,
Des kühnen Mutes Opfer worden,
Da wehrtest du den Kampf dem Orden.
Doch an dem Herzen nagte mir
Der Unmut und die Streitbegier,
Ja selbst im Traum der stillen Nächte
Fand ich mich keuchend im Gefechte,
Und wenn der Morgen dämmernd kam
Und Kunde gab von neuen Plagen,
Da faßte mich ein wilder Gram,
Und ich beschloß, es frisch zu wagen.«
»Und zu mir selber sprach ich dann:
Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann,
Was leisteten die tapfern Helden,
Von denen uns die Lieder melden?
Die zu der Götter Glanz und Ruhm
Erhub das blinde Heidentum?
Sie reinigten von Ungeheuern
Die Welt in kühnen Abenteuern,
Begegneten im Kampf dem Leun
Und rangen mit dem Minotauren,
Die armen Oper zu beirein,
Und ließen sich das Blut nicht dauren.«
»Ist nur der Sarazen es wert,
Daß ihn bekämpft des Christen Schwert?
Bekriegt er nur die falschen Götter?
Gesandt ist er der Welt zum Retter,
Von jeder Not und jedem Harm
Befreien muß sein starker Arm,
Doch seinen Mut muß Weisheit leiten,
Und List muß mit der Stärke streiten.
So sprach ich oft und zog allein,
Des Raubtiers Fährte zu erkunden,
Da flößte mir der Geist es ein,
Froh rief ich aus: Ich habe gefunden!«
»Und trat zu dir und sprach dies Wort:
Mich zieht es nach der Heimat fort.
Du, Herr, willfahrtest meinen Bitten,
Und glücklich war das Meer durchschnitten.«
»Kaum stieg ich aus am heimschen Strand,
Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand.
Getreu den wohlbemerkten Zügen,
Ein Drachenbild zusammenfügen.
Auf kurzen Füßen wird die Last
Des langen Leibes aufgetürmet,
Ein schuppigt Panzerhemd umfaßt
Den Rücken, den es furchtbar schirmet.«
»Lang strecket sich der Hals hervor
Und gräßlich wie ein Höllentor
Als schnappt es gierig nach der Beute
Eröffnet sich des Rachens Weite,
Und aus dem schwarzen Schlunde dräun
Der Zähne stacheligte Reihn,
Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze
Die kleinen Augen sprühen Blitze
In einer Schlange endigt sich
Des Rückens ungeheure Länge,
Rollt um sich selber fürchterlich
Daß es um Mann und Roß sich schlänge.«
»Und alles bild ich nach genau
Und kleid es in ein scheußlich Grau,
Halb Wurm erschiene, halb Molch und Drache
Gezeuget in der giftgen Lache.
Und als das Bild vollendet war,
Erwähl ich mir ein Doggenpaar,
Gewaltig, schnell, von flinken Läufen
Gewohnt, den wilden Ur zu greifen.
Die hetz ich auf den Lindwurm an
Erhitze sie zu wildem Grimme,
Zu fassen ihn mit scharfem Zahn
Und lenke sie mit meiner Stimme.
Und wo des Bauches weiches Vlies
Den scharfen Bissen Blöße ließ,«
»Da reiz ich sie, den Wurm zu packen,
Die spitzen Zähne einzuhacken.
Ich selbst, bewaffnet mit Geschoß,
Besteige mein arabisch Roß,
Von adeliger Zucht entstammet,
Und als ich seinen Zorn entflammet,
Rasch auf den Drachen spreng ichs los
Und stachl es mit den scharfen Sporen
Und werfe zielend mein Geschoß,
Als wollt ich die Gestalt durchbohren.«
»Ob auch das Roß sich grauend bäumt
Und knirscht und in den Zügel schäumt,
Und meine Doggen ängstlich stöhnen,
Nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen.
So üb ichs aus mit Emsigkeit,
Bis dreimal sich der Mond erneut,
Und als sie jedes recht begriffen,
Führ ich sie her auf schnellen Schiffen.
Der dritte Morgen ist es nun,
Daß mirs gelungen, hier zu landen,
Den Gliedern gönnt ich kaum zu ruhn,
Bis ich das große Werk bestanden.«
»Denn heiß erregte mir das Herz
Des Landes frisch erneuter Schmerz,
Zerrissen fand man jüngst die Hirten,
Die nach dem Sumpfe sich verirrten,
Und ich beschließe rasch die Tat,
Nur von dem Herzen nehm ich Rat.
Flugs Unterricht ich meine Knappen,
Besteige den versuchten Rappen,
Und von dem edeln Doggenpaar
Begleitet, auf geheimen Wegen,
Wo meiner Tat kein Zeuge war,
Reit ich dem Feinde frisch entgegen.«
»Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch
Auf eines Felsenberges Joch,
Der weit die Insel überschauet,
Des Meisters kühner Geist erbauet.
Verächtlich scheint es, arm und klein
Doch ein Mirakel schließt es ein,
Die Mutter mit dem Jesusknaben,
Den die drei Könige begaben.
Auf dreimal dreißig Stufen steigt
Der Pilgrim nach der steilen Höhe,
Doch hat er schwindelnd sie erreicht,
Erquickt ihn seines Heilands Nähe.«
»Tief in den Fels, auf dem es hängt,
Ist eine Grotte eingesprengt,
Vom Tau des nahen Moors befeuchtet,
Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet
Hier hausete der Wurm und lag,
Den Raub erspähend, Nacht und Tag.
So hielt er wie der Höllendrache
Am Fuß des Gotteshauses Wache,
Und kam der Pilgrim hergewallt
Und lenkte in die Unglücksstraße,
Hervorbrach aus dem Hinterhalt
Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.«
»Den Felsen stieg ich jetzt hinan,
Eh ich den schweren Strauß begann,
Hin kniet ich vor dem Christuskinde
Und reinigte mein Herz von Sünde,
Drauf gürt ich mir im Heiligtum
Den blanken Schmuck der Waffen um
Bewehre mit dem Spieß die Rechte,
Und nieder steig ich zum Gefechte.
Zurücke bleibt der Knappen Troß,
Ich gebe scheidend die Befehle
Und schwinge mich behend aufs Roß,
Und Gott empfehl ich meine Seele.«
»Kaum seh ich mich im ebnen Plan,
Flugs schlagen meine Doggen an,
Und bang beginnt das Roß zu keuchen
Und bäumet sich und will nicht weichen,
Denn nahe liegt, zum Knäul geballt,
Des Feindes scheußliche Gestalt
Und sonnet sich auf warmem Grunde.
Auf jagen ihn die flinken Hunde,
Doch wenden sie sich pfeilgeschwind,
Als es den Rachen gähnend teilet
Und von sich haucht den giftgen Wind
Und winselnd wie der Schakal heulet.
Doch schnell erfrisch ich ihren Mut,«
»Sie fassen ihren Feind mit Wut,
Indem ich nach des Tieres Lende
Aus starker Faust den Speer versende,
Doch machtlos wie ein dünner Stab
Prallt er vom Schuppenpanzer ab,
Und eh ich meinen Wurf erneuet,
Da bäumet sich mein Roß und scheuet
An seinem Basiliskenblick
Und seines Atems giftgern Wehen,
Und mit Entsetzen springts zurück,
Und jetzo wars um mich geschehen«
»Da schwing ich mich behend vom Roß,
Schnell ist des Schwertes Schneide bloß,
Doch alle Streiche sind verloren,
Den Felsenharnisch zu durchbohren,
Und wütend mit des Schweifes Kraft
Hat es zur Erde mich gerafft,
Schon seh ich seinen Rachen gähnen,
Es haut nach mir mit grimmen Zähnen,
Als meine Hunde wutentbrannt
An seinen Bauch mit grimmgen Bissen
Sich warfen, daß es heulend stand,
Von ungeheurem Schmerz zerrissen.«
»Und eh es ihren Bissen sich
Entwindet, rasch erheb ich mich,
Erspähe mir des Feindes Blöße
Und stoße tief ihm ins Gekröse
Nachbohrend bis ans Heft den Stahl
Schwarzquellend springt des Blutes Strahl,
Hin sinkt es und begräbt im Falle
Mich mit des Leibes Riesenballe,
Daß schnell die Sinne mir vergehn.
Und als ich neugestärkt erwache
Seh ich die Knappen um mich stehn,
Und tot im Blute liegt der Drache.«
Des Beifalls lang gehemmte Lust
Befreit jetzt aller Hörer Brust
Sowie der Ritter dies gesprochen,
Und zehnfach am Gewölb gebrochen
Wälzt der vermischten Stimmen Schall
Sich brausend fort im Widerhall,
Laut fordern selbst des Ordens Söhne,
Daß man die Heldenstirne kröne,
Und dankbar im Triumphgepräng
Will ihn das Volk dem Volke zeigen,
Da faltet seine Stirne streng
Der Meister und gebietet Schweigen.
Und spricht: »Den Drachen, der dies Land
Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand,
Ein Gott bist du dem Volke worden,
Ein Feind kommst du zurück dem Orden,
Und einen schlimmern Wurm gebar
Dein Herz, als dieser Drache war.
Die Schlange, die das Herz vergiftet,
Die Zwietracht und Verderben stiftet,
Das ist der widerspenstge Geist
Der gegen Zucht sich frech empöret,
Der Ordnung heilig Band zerreißt,
Denn der ists, der die Welt zerstöret.
Mut zeiget auch der Mameluck,
Gehorsam ist des Christen Schmuck;
Denn wo der Herr in seiner Größe
Gewandelt hat in Knechtes Blöße,
Da stifteten, auf heilgem Grund,
Die Väter dieses Ordens Bund,
Der Pflichten schwerste zu erfüllen:
Zu bändigen den eignen Willen!
Dich hat der eitle Ruhm bewegt,
Drum wende dich aus meinen Blicken,
Denn wer des Herren Joch nicht trägt,
Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken.«
Da bricht die Menge tobend aus,
Gewaltger Sturm bewegt das Haus,
Um Gnade flehen alle Brüder,
Doch schweigend blickt der Jüngling nieder,
Still legt er von sich das Gewand
Und küßt des Meisters strenge Hand
Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke,
Dann ruft er liebend ihn zurücke
Und spricht: »Umarme mich, mein Sohn!
Dir ist der härtre Kampf gelungen.
Nimm dieses Kreuz: es ist der Lohn
Der Demut, die sich selbst bezwungen.«
ISBN der Quelle: 3458172351
Rubrik: Fabeltiere
Rainer Maria Rilke
Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet
fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte:
denn lautlos nahte sich das Niegeglaubte,
das weiße Tier, das wie eine geraubte
hülflose Hindin mit den Augen fleht.
Der Beine elfenbeinernes Gestell
bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell,
und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,
stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,
und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.
Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum
war leicht gerafft, so dass ein wenig Weiß
(weißer als alles) von den Zähnen glänzte;
die Nüstern nahmen auf und lechzten leis.
Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,
warfen sich Bilder in den Raum
und schlossen einen blauen Sagenkreis.
ISBN der Quelle: 3458173331
Rubrik: Tiere
Rainer Maria Rilke
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
ISBN der Quelle: 3458173331
Rubrik: Herbst
Rainer Maria Rilke
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
ISBN der Quelle: 3458173331
Rubrik: Tiere
Charles Baudelaire
Oft kommt es dass das schiffsvolk zum vergnügen
Die albatros · die grossen vögel · fängt
Die sorglos folgen wenn auf seinen zügen
Das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt.
Kaum sind sie unten auf des deckes gängen
Als sie · die herrn im azur · ungeschickt
Die grossen weissen flügel traurig hängen
Und an der seite schleifen wie geknickt.
Er sonst so flink ist nun der matte steife.
Der lüfte könig duldet spott und schmach:
Der eine neckt ihn mit der tabakspfeife ·
Ein andrer ahmt den flug des armen nach.
Der Dichter ist wie jener fürst der wolke ·
Er haust im sturm · er lacht dem bogenstrang.
Doch hindern drunten zwischen frechem volke
Die riesenhaften flügel ihn am gang.
(deutsch von Stefan George)
ISBN der Quelle: 3458349855
Rubrik: Pflanzen
Algernon Charles Swinburne
Ein Heidepflänzchen, gelb und grün,
Mit Lippen, drin die Flamme loht,
Gib acht, geh leis, dein Tritt bedoht,
Sonst Blumen, die dem Sumpf entblühn,
Und auch dies Haupt von zartem Rot.
Ob es lebendig sei – wer weiß?
Der Sommer sehrts mit seiner Glut,
Doch dichtes Moos hüllt süß und gut
Den Sproß und gibt im kühlen Kreis
Ihm vor der Juni-Hitze Hut.
Der tiefe Duft von Heidekraut
Brennt ihn, so steht er atemlos,
Knie hin und bete: was bleibt groß
Vor diesem Aug, das uns erschaut
Und auferstand aus grünem Schoß?
Wir sind der Erde fern, versucht
Von Wünschen, von Erinnerung,
Sie sehen die Mutter ewig jung,
Sie blühn, eh Sommers erste Frucht
Zu Boden fällt mit jähem Schwung.
Wind wehrt und bleicht das starke Gras,
Das zartem Blüher Obdach beut
Vor Tannenzapfen, Sumpfgekräut,
Pfad, den der Auerhahn bemaß,
Und weilder Weizen liegt verstreut.
Du nennst ihn Sonnentau: er blüht,
Ob Feuer-Odem ihn durchloht,
Ob ihm das Leben hold sei, Tod
Ihm Pein bereite – niemand sieht,
Was ihn beglückt, was ihn bedroht.
Mein Sonnentau, Kind froher Zeit,
Erwacht, als Frühling kaum begann,
April war, der so rasch verrann,
In dein Geheimnis eingeweiht,
Bis Mai der Sonne dich gewann.
Dein Mund berührt mit rotem Hauch
Mein Herz, das ein Geheimnis hegt:
Der Name, den die Liebe trägt,
Du kennst ihn und ihr Antlitz auch,
Das mein Entzücken stets erregt.
Die scharfe Sonne, die dich sehrt
Und trübem Wasser Farben schenkt,
Hat über euch das End verhängt:
Es war der hohen Glut nicht wert
Dein Herz, das ihrer nicht gedenkt.
(deutsch von Rolf Schilling)
ISBN der Quelle: 3926370076
Rubrik: Wald
Oda Schaefer
Wo des Schierlings weiße Kronen,
Giftgesalbte ohne Zucht,
Wuchernd herrschen gleich den Drohnen
Auf dem Boden fremder Frucht,
Steht die Seherin im schwanken
Irren Licht der Nebelzeit,
Festgehalten von den Ranken,
Von dem Dorn der Ewigkeit.
Noch lebt sie in Finsternissen
Mit verdorrtem, taubem Mund,
Fiebernd, wie nach Otterbissen,
Glüht das Auge hell und wund.
Ringsum schweigen Wald und Gräber.
Starre Eichen ragen stumm.
Im Moraste wühlt der Eber,
Geht des Elchs Gehörne um.
Wolfsbrut schläft im tiefen Schatten,
Und es schreit der schwarze Schwan,
Unten kreisen Wasserratten,
Oben zieht des Adlers Bahn.
Da von ferne tönt das hohe
Horn der Windsbraut, kläfft ihr Hund,
Welkes Laub, die gelbe Lohe,
Züngelt auf dem Modergrund.
Mit geschärften Sinnen wittert
Jäh erwacht die Seherin,
Wie die Füchsin jagdlich zittert
Auf der frischen Fährte hin
Nimmt sie in dem starken Rufe
Die verlornen Spuren wahr,
Riesenschritte, harte Hufe,
Totentroß und Rabenpaar.
Und das alte, runde Zeichen
Brennt sie mit dem Feuermal,
Donnernd rollen Räderspeichen
Aus der Götter reichem Saal.
Dem Gehör, dem blinden Sehen
Liegt der Ursprung jetzt entblößt,
Wo der Erde schnelles Drehen
Keim und Zelle aus sich stößt.
Schwindel packt, als wenn sie schwimme,
Sie gleich dunklem Holz im Strom,
Vor dem Schwellen ihrer Stimme
Flieht ins Erz der feige Gnom,
Stockt der Bärin Schlag und Tatze,
Hält der Hirsch im edlen Sprung,
Und der Alben graue Fratze
Lächelt wieder schön und jung.
Schwer, so klirrt im Reim die Sprache,
Hartgepanzert lebt das Wort,
Senkt die Sage in das Brache,
Späten Völkern goldner Hort.
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Tiere
Uwe Nolte
Drohend, von der Nächte Tal,
Bis zur Sonne jüngstem Strahl
Zieht ein Sperber seine Kreise
Durch das helle Morgenlicht.
Dort, im hohen Gras, ganz dicht,
Raschelt es verstohlen leise,
Als er jählings erdwärts stößt,
Seines Schattens sich entblößt.
Und er stürzt durch Wolken immer
Tiefer, landet kreischend jetzt;
Ausgerissen, blutbenetzt,
Wirbelt Haar im Staubgeflimmer.
Purpurn glüht des Sperbers Fang
Der des Opfers Leib durchdrang,
Rausch und Qual sich stumm entfalten.
Wer, mit Blitz und Sturm verwandt,
Wer hat ihn zur Nacht entsandt,
Wer bedarf des Schmerzes Walten?
Welchen Gottes dunkles Mal
Flammt in seinen Augen fahl?
Horus? Ares? Wer, geborgen
In der Nächte Dunkelheit,
Hat mit Opferblut entweiht
Diesen unschuldigen Morgen?
Sind der Tag, das Leben, nur
Eines alten Traumes Spur,
Dem der Sperber einst entronnen?
Ist er Herold, namenlos,
Aus dem unbekannten Schoß
Toter, längst verblaßter Sonnen?
Satt vom Blut, nach feistem Raub,
Schüttelt er der Erde Staub
Aus dem braunen Federkleide,
Sein Geheimnis hütend, hebt
Er vom Boden ab, entschwebt
Einsam in des Morgens Weite.
Noch berauscht er höher irrt
Bis er wieder Schatten wird,
Der nach Beute spähend gleitet,
Bis der Himmel, immerdar
Ihn beschirmend, unsichtbar,
Seine Arme um ihn breitet.
ISBN der Quelle: 3942090260
Rubrik: Krieg
Uwe Lammla
Er wacht bei den Gießern und Schmieden,
Die Wöchnerin kennt seinen Schritt,
Und ist dir ein Himmel beschieden,
So schürst du am Urfeuer mit.
Wenn lobsingt der Chor im Theater,
So hell, daß der Baumwipfel schweigt,
Verfällt die Geschichte dem Vater
Von allem, was kommt und sich neigt.
Vor ihm wird der Weltgeist zum Weibe,
Ob Knecht oder Freier - er dingt.
Er bricht wie die Ketten die Eide,
Wie Kronos die Kinder verschlingt,
Und sucht sich der Mann zu beweisen,
Daß König der Adler dem Lamm,
Schaut er unter Himmeln von Eisen
Zerstörte Gesichter im Schlamm.
Du schaust einen Krieger verwundet
Sich rüsten zu neuem Gefecht,
Kein Traum und kein Trauern bekundet,
Was Nemesis billig und recht,
Doch leuchtet, als gelte im Leben
Nur eins zwischen Abgrund und Licht,
Sein Auge, das Brünsten und Beben
Nicht nachgibt, solang es nicht bricht.
Er weiß, daß die mächtigsten Heere
Zerstieben, verläßt sie der Mann,
Dem gleich ist das Leichte und Schwere
Und auch, ob er muß oder kann,
Und daß die gewaltigsten Waffen
Ein Strohfeuer sind und nur gut,
Kulisse und Bühne zu schaffen
Für den, der Opfergang tut.
Wohl wissen die Götter im Lichte
Die Brüchigkeit all ihres Glücks
Und bannen den Weg der Geschichte
Im Schwur bei dem schrecklichen Styx,
Du weißt nicht, ob sie dir gewogen
Und ob sie den Feinden nicht viel
Versprachen und beide belogen,
Doch weißt du: sie bleiben im Spiel.
Ob je ihre Herrlichkeit endet,
Ob wiederkehr Chaos und Nacht,
Bleibt offen, das Licht ist verpfändet
Dem Opfer, in Freiheit gebracht.
Es lohnt sich, die Herdstatt zu segnen
Und einzustehn, ausweglos, ganz,
Der Freiheit, dem Gott zu begegnen
Und Waffen zu führen im Glanz.
Die Zeiten, die mutlos und kleinlich
Verleugnen, was Kraft hat und Rang,
Betrachten die Waffe als peinlich
Und ruchlos den Heldengesang.
Die Philosophie der Lakaien
Hat gleichwohl dem Krieg, der sie schreckt,
Samt seltsamen Riten und Weihen
Die furchtbarsten Waffen entdeckt.
Verwahre dein Herz dem Gemeinen
Und halte dein Späheraug blank,
Und hüt dich vor solchen, die meinen,
Sie schuldeten Göttern nicht Dank.
Wo Polemos, Herr über alle,
Verspottet die Treue, den Mut,
Vertraust du: Er ist keine Falle,
Trägst du deine Götter im Blut.
ISBN der Quelle: 3774935823
Rubrik: Morgenland
Rolf Schilling
Für Ernst Jünger
Wir lasen auf den Tafeln der Kalifen:
Tritt ein und schweig - ich bin die Messingstadt.
Das Tiger-Band gezackter Hieroglyphen
Spricht: Was auf Erden weilt, was Flügel hat,
Kehrt lichtgestillt zurück in meine Tiefen:
Dschinn, Marduk, Seraphim, der Fahrten satt,
Vlies, Urne, Gral: die Asche aller Gestern
Bewahrt der Stein in seinen Schweige-Nestern.
Von jener Mauern schroffer Zinne schalle
Kein Echo, süßen Reimworts Widerpart,
Aus Himmeln, draus die Adler schwanden, falle
Kein Tropfen Taus, der Taxushag beharrt
In Trauer, Sphinx mit harrscher Wächterkralle
Schläft auf der Schwelle, die von Schwertern starrt,
Und nur der Glanz der Messing-Minarette
Spinnt Flöre Golds um Hain und Opferstätte.
Da dehnen sich, bewacht von Talismanen,
Die Felder Traums, im Alabaster-Schnee
Zerfallner Pavillons vergilben Fahnen,
Ein Schädel harrt im Staub, das er zerweh,
Und Lethe-Nektar, strömend blaue Bahnen,
Ist bittrer als das Blut der Aloe.
Nur du allein, Fragilster der Gefeiten,
Bist ausersehn, ins dunkle Reich zu schreiten.
Da locken Flure, Fluchten, Spiegel-Gänge,
Treppen ins Nirgends, Elfenbein zerspellt,
Ein blinder Falke heftet seine Fänge
Auf deinen Helm, du hörst im Traumgezelt
Nichts als der Lanzenottern feine Sänge,
Du siehst dich selbst im Purpur, der zerfällt
Und nichts beläßt als jene blinde Schwinge,
Die dich entrückt zum innersten der Ringe.
Ein jeder schlafe da mit Stab und Krone,
An Herzens Statt ein flammender Rubin,
Zartsamtne Flügler: Schmetterling und Drohne
Bewölken schwarz den Blüten-Baldachin,
So lies im Rauch des Hanfs, im Blau der Mohne
Die Botschaft: Alles ist uns nur verliehn
Für eines Atems Hauch: Im Fall der Stunde
Bleibt nur das Schwert und was es schlug: die Wunde.
Da kauern regungslos auf Bronze-Rossen
Entfleischte Reiter, Turmalin-verziert,
Im Gelb der Ampeln, Ambradurft-umflossen,
Ein Knaben-Leichnam, köstlich präpariert,
Als sei zerstörter Brünste Glut ergossen
Auf seine Stirn, die Traum um Traum gebiert:
So sucht ein Engel, jäh ins Nichts verwiesen,
Noch immer nach verlornen Paradiesen.
Er war der Golder deiner Arieltage,
Sein Aug dein Stern, sein Leib dein Honigstock,
Nun schattet Blut am weißen Saum der Sage,
Der Schnecke Spur auf seidenem Gelock,
Zu Häupten steht der Walter mit der Waage,
Und aus der Wolke stieß der Vogel Rock,
Daß er mit Schnabels diamantner Schneide
Verwester Schöne Herzgefild beweide.
Hier wird kein Reisiger den Bogen spannen,
Kein Seraph nackten Schwerts im Frühlicht stehn,
Kein Sindbad seiner Sehnsucht Boot bemannen,
Kein Morgenstern von West zum Aufgang gehen,
Die Schweiger all, die Blicke, die dich bannen,
Und was auch träumt im Dämmer der Moscheen:
Stier, Nimrod, Seraphim: Du spürst in allen
Nur eine Lust: in Hoheit zu verfallen.
Dir aber, Dunkelstem der Flügler-Gilde,
Wird alles Traumgold einmal noch zum Ring,
Dein Wehn befrei die Inneren Gefilde,
Den Sänger, dem du Atem gabst, beschwing
Mit Ost-Gekos, dem Abglanz aller Milde,
Daß er dein Wappen wähl: den Schmetterling,
Der tief im Purpur alter Dämmerungen
Die Flügel senkt, von Blütendurft bezwungen.
Ein Schatten seiner Weisheit, nicht in Worten
Und tiefer als der Tag, blieb uns gewährt:
Wenn dann der Falter goldene Cohorten
Auf deinen Wink, von spätem Glanz verklärt,
Zur Nacht sich sieghaft scheiden vom Verdorrten,
Besteigen wir das Magische Gefährt
Und fliehn, durch Marmorwand und Spiegel-Säle,
Der Flamme zu, die uns dem Traum vermähle.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Tiere
Joachim Werneburg
Heiß der Tag, als ein Frosch durchmesse ich kühlendes Wasser.
Ob die Kröte noch weiß, was eine Larve verbirgt?
Blaue Libelle, hinschießend, sie zielt nach der schwimmenden Insel;
Und mit ihrem Geäug schaut sie ganz andere noch.
Schwankendes Eiland – mit Birken, Hecken und Gräsern,
Gleicht es der größeren Welt, die, nach dem Bad, ich besteig.
Mittags, die Heide knirscht, ein matter Hauch trifft die Binse,
Dünste steigen auf, Luftschlösser bilden sich leicht.
Ruhend auf weichem Gras durchdringt meine Glieder die Schwere,
Sink ich in tiefen Schlaf, Erde vergibt ihre Kraft.
Krumm, so liege ich gern und winde ich mich wie eine Schlange,
Hoffe auf ihren Witz jenseits von aller Geburt.
Dicke Eiche im Wald, trotz Borke tropft Harz auf die Bänke.
Alte Gesichter im Stamm holen die Gegenwart ein.
Schöpferisch braut sich das Wasser im düsteren Himmel zusammen,
Schaukelt gewundener Ast, fehlt ihm ein Mensch, der versteht.
Dunkelgrün schimmern die Blätter. Ein dünnes Rohr für die Blitze,
Aber sie schonen den Baum, Zeuge der donnernden Macht.
Beeren – vom himmlischen kostend, dem Himbeermund einer Geliebten ...
Groß erscheint ihm die Zeit, da er den Blitz in sich fühlt.
Der Zigeunerin kam er, der Herrscher über den Wolken,
Hat sich der Schönen – ihr Haar, schwarz mit Schleifen – vereint.
Farn schmückt ihr Grab nun im Wald. Ein Feuerstrahl zeugte die Träublein,
Rot sind sie, die unterwegs jeder nun pflückt ohne Not.
Hier am Tiefen Ort erinnere ich das Gewitter.
Igel kreucht übers Gras, bleibt überrascht vor mir stehn,
Duckt sich vor den Versen und weist wie der Tag mir die Stacheln,
Hält aber aus bis zum Schluß, trollt sich dann bellend davon.
Durch das Tal zieht die Werra sich hin, eine Schlange, sie hütet,
Alles enthält es, das Salz, was mir zu sagen bestimmt.
Jetzt aber steigt eine Sonne, vom Puppenkleid löst sich der Falter,
Wandelte sich genug, leicht sich die Hülle verschließt.–
Nichts will er mehr von der Raupe wissen, denn immer nur frißt sie,
Hat nichts andres im Kopf, träge nur kriecht sie am Kraut.–
Schnell und geschickt bei stillem Wind, zwei farbige Flecke,
Fliegt er zum Nektar hin, den auch Aurora noch braucht.
Sonnenpfeile nach den feuchten, den Grashalmen zielen,
Haben verborgne geweckt, Mücken, das emsige Volk,
Nicht nur die kleinen Punkte, versammelt zu einem Ensemble,
Hörst du nicht ihre Musik, siehst du doch noch ihren Tanz.
Wer ihre Noten aufschriebe, begriffe die Tiefe der Erde,
Drin sich die Künstlerin birgt, wenn ihr der Lichtstrahl verschwand.
Hergeflogen ein kleineres Horusauge, die Wespe.
Droht sie mit ihrem Dorn mir die Verwandlung nun an?
Kraftlos fällt sie, ein Edelstein zwar, auf die hölzerne Sitzbank,
Eine Erdscheibe bot so einer Sonne ihr Ziel.
Birnentrunken am Boden, noch einige Schläge der Flügel
Und ein letztes Gesumm.– Wurm, nun beginne dein Werk!
Auch von Birnen gesättigt, sitz aufrecht ich auf dem Platze.
Kribbeln spür ich im Fuß, Blitze, vom Erdreich gesandt.
Fichte, Hagebutt, silberne Wolke – gespiegelt im Teiche –
Aber das bin ich doch selbst, mir aus der Seele gestellt!
Spiel eines Kindes, ich lege es ab wie das Kleid einer Puppe.
Ward ich selber mir reif, breite die Flügel ich aus.
ISBN der Quelle: 3867037523
Rubrik: Wetter
Werner Helwig
Regen, Kleid der Felsen, Vlies der Bäume,
Regen, Worfeltuch ohne Ende,
drauf die Tropfenkörner tanzen,
es horcht die Raupe deinem Fall,
flieht von den Wipfeln, schwärzt und stirbt, –
du hochreichendes Spinngeweb
zwischen mir und der Sonne,
Rauch des feuerlosen Gespensterbrandes,
Tropfenhürde, schräg in den Wind gelehnt,
aufgefädeltes Meer zwischen Himmel und Erde,
Regen, Gebirge aus schwarzer Nässe,
Speichelfluss der Elfen
Ahn des grauen Frostes,
Vater der Liebe und der Diebe,
rostendes Sieb, in der Hecke hängend,
Diadem über gebeugte Gräser hingebreitet,
Leimrute todmüder Vögel,
rauhgelber Staub im Erlensumpf,
Vorhang aus lauter Grenzen, Bad des Laubes,
ekler Dunst, den die Hunde bellen,
kettenkrank am feuchten Zaun, Regen, oh Regen,
du zwingender Erlöser
all der warmbunten Musik
in der Fluchthöhle meines Herzens,
komm und spiel mir auf.
ISBN der Quelle: 3887782089
Rubrik: Tiere
Horst Lange
Dampfig hängt die blaue Blässe,
Die den Tag vertrübt,
Und es duften aus der Nässe
Süßer Thymian, bittre Kresse,
Wo der Regen stiebt.
Dunkler Abendmund, der Stille
In die Wiesen haucht,
Keine Amsel, keine Grille,
Nur des Mückenflugs Geschrille,
Wo der Nebel raucht.
Leise fühl ich tastend streifen
Lippen, Haar und Haut,
Tanzgewölke, nicht zu greifen,
Spinnwebschleier, Mädchenschleifen,
Wo die Dämmrung graut.
Schwerer Tropfen aus den Zweigen,
Der den Teich beringt -
Ach, ich will mich drüber neigen,
Wird der Spiegel dich mir zeigen,
Wo die Mücke singt?
Blinde Tiefe, schwarzes Grinsen,
Und ich bin bekränzt
Grün mit Schilfrohr und mit Binsen,
Wassergräsern, Wasserlinsen,
Wo die Trübnis glänzt.
Plätschernd ist ein Fisch zu hören,
Da er silbern springt,
Doch ich lausch den luftgen Chören,
Mag das Stumme nicht beschwören,
Wo die Nacht eindringt.
ISBN der Quelle: 3926370483
Rubrik: Neuzeit
Georg Heym
I
Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
II
Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
Der Felder gelbe Winde schlafen still.
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
Die blauen Lider schatten sanft herab.
Und bei der Sensen blanken Melodien
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit.
Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
Der schattet über beide Ufer breit.
Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.
ISBN der Quelle: 3150185815
Rubrik: Herbst
Georg Trakl
Jägerruf und Blutgebell;
Hinter Kreuz und braunem Hügel
Blendet sacht der Weiherspiegel,
Schreit der Habicht hart und hell.
Über Stoppelfeld und Pfad
Banget schon ein schwarzes Schweigen;
Reiner Himmel in den Zweigen;
Nur der Bach rinnt still und stad.
Bald entgleitet Fisch und Wild.
Blaue Seele dunkles Wandern
Schied uns bald von Lieben, Andern.
Abend wechselt Sinn und Bild.
Rechten Lebens Brot und Wein,
Gott in deine milden Hande
Legt der Mensch das dunkle Ende,
Alle Schuld und rote Pein.
ISBN der Quelle: 3423124962
Rubrik: Kosmos
Gottfried Benn
Durch jede Stunde,
Durch jedes Wort
Blutet die Wunde
Der Schöpfung fort,
Verwandelnd Erde
Und tropft den Seim
Ans Herz dem Werde
Und kehret heim.
Gab allem Flügel,
Was Gott erschuf,
Den Skythen die Bügel
Dem Hunnen den Huf -
Nur nicht fragen,
Nur nicht verstehn;
Den Himmel tragen,
Die weitergehn,
Nur diese Stunde
Ihr Sagenlicht
Und dann die Wunde,
Mehr gibt es nicht.
Die Äcker bleichen,
Der Hirte rief,
Das ist das Zeichen:
Tränke dich tief,
Den Blick in Bläue,
Ein Ferngesicht:
Das ist die Treue,
Mehr gibt es nicht,
Treue den Reichen,
Die alles sind,
Treue dem Zeichen,
Wie schnell es rinnt,
Ein Tausch, ein Reigen,
Ein Sagenlicht,
Ein Rausch aus Schweigen,
Mehr gibt es nicht.
ISBN der Quelle: 3608934499
Rubrik: Klassisches Altertum
Conrad Ferdinand Meyer
Ein kurzes Schwert gezückt in nervger Rechten,
Belauert Perseus bang in seinem Schild
Der schlummernden Meduse Spiegelbild,
Das süsse Haupt mit müden Schlangenflechten.
Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde
Des jungen Wuchses atmende Gebärde -
»Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,
Verderblich der Verderberin genaht?
Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe!
Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat.
Die Mörderin! Sie schliesst vielleicht aus List
Die wachen Augen! Sie, die grausam ist!
Durch weisse Lider schimmert blaues Licht
Und - zischte dort der Kopf der Natter nicht?«
Medusen träumt, dass einen Kranz sie winde,
Der Menschen schöner Liebling, der sie war,
Bevor die Stirn der Göttin Angebinde
Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.
Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern
Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüsse,
In blühndem Reigen, regt sie mit den andern
Die freudehellen, die beschwingten Füsse.
Ihr Antlitz hat vergessen, dass es töte,
Es glaubt, es glaubt an die barmherzge Lüge
Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,
Der weichmelodisch zieht durch seine Züge.
Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,
In unverlorner erster Lieblichkeit.
Der Mörder tritt an ihre Seite dicht
Und dunkler träumt Medusens Angesicht.
Ihr ist, sie habe Hass empfunden schon,
Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,
Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,
Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten -
Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält,
Dass sie dem eignen Leben feind geworden
Und andres Leben sich ergötzt zu morden -
Sie sinnt umsonst. Ihr hälts der Traum verhehlt,
Die grause Larve, die sie lang geschreckt,
Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.
Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,
Begonnen hat der Seele Feierzeit.
Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.
Als eine der Erlösten fühlt sie sich.
Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,
Sie weiss, die Qualen kommen nimmermehr,
Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut!
Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,
Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen
Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.
ISBN der Quelle: 3150098858
Rubrik: Klassisches Altertum
Conrad Ferdinand Meyer
Weisse Marmorstufen steigen
Durch der Gärten laubge Nacht,
Schlanke Palmenfächer neigen
In des Himmels blaue Pracht.
Über Tempeln, Hainen, Grüften
Zecht in abendweichen Lüften
Alexanders Lieblingsschar;
Knieend bietet ihm ein Knabe,
Dass der Erde Herr sich labe,
Wein in edler Schale dar.
Herrlich ists, den Wein zu schlürfen,
Lagernd in der Götter Rat,
Zwischen schwelgenden Entwürfen
Und der wundergleichen Tat!
Goldne Becher überquellen,
Ruhmesgeister mit den hellen
Helmen tauchen aus der Flut -
Goldne Schalen überschäumen,
Geister, die gebunden träumen,
Steigen auf in Zornesglut.
Kleitos neben Philipps Sohne
Furcht die Stirne kummervoll,
Der benarbte Mazedone
Schlürft im Weine Gram und Groll:
Er gedenkt der Heergenossen,
Die die erste Phalanx schlossen
In den Bergen kühl und fern -
Seinen dunkeln Mut zu kränken,
Lüstet es den schönen Schenken,
Lagernd an dem Knie des Herrn.
Die erhabne Stirn und Braue
Träumt den Zug ins Inderland,
Lauschend liest den Traum das schlaue
Kind, den Blick emporgewandt:
»Bacchus bist du, der belaubte,
Mit dem schwärmerischen Haupte,
Der ins Land der Sonne zieht!
Ohne Heer kannst du bezwingen
Nur den Thyrsus darfst du schwingen,
Winke nur, und Indien kniet!«
Finster grollt der alte Streiter:
»Durch der Wüste heissen Sand?
Immer ferner, immer weiter?
Nach des Indus Fabelstrand?
Kann ein Wink dir Sieg erwerben,
Warum bluten, warum sterben
Wir für dich? Zu deinem Spott?
Lebende kannst du belohnen,
Deine toten Mazedonen,
Wecke sie, bist du ein Gott!« -
- »Welchen dampfenden Altares
Freust du auf der Erde dich?
Bist du die Gewalt des Ares,
Helmumflattert, fürchterlich?
Herr, bevor den niedern Talen
Du dich nahtest ohne Strahlen,
Welches war dein himmlisch Amt?
Bist du Zeus? Bist du ein andrer?
Bist du Helios, der Wandrer,
Dessen Stirne sonnig flammt?«
Grimmig neigt der graue Fechter
Sich zum Ohr des Gottes hin,
Mit unseligem Gelächter
Rührt er an der Schulter ihn:
»Gast des Himmels, warum sinken
Haupt und Schulter dir zur Linken?
Lastet dir der Erde Raub?
Mit den Göttern willst du zechen?
Spotten hör ich dein Gebrechen:
Alexander, du bist Staub!«
(Angeblich war Alexanders rechte Schulter höher als die linke; er hatte einen krummen Rücken.)
Eine zürnende Gebärde!
Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!
Ein Erdolchter an der Erde
Windet sich in seinem Blut ...
In den Abendlüften Schauer,
Ein verhülltes Haupt in Trauer,
Ausgerast und ausgegrollt!
Marmorgleich versteinte Zecher,
Und ein herrenloser Becher,
Der hinab die Stufen rollt.
ISBN der Quelle: 3150098858
Rubrik: Tiere
Christian Friedrich Hebbel
Aus dem goldnen Morgenqualm
Sich herniederschwingend,
Hüpft die Meise auf den Halm,
Aber noch nicht singend.
Doch der Halm ist viel zu schwach,
Um nicht bald zu knicken,
Und nur, wenn sie flattert, mag
Sie sich hier erquicken.
Ihre Flügel braucht sie nun
Flink und unverdrossen,
Und indes die Füßchen ruhn,
Wird ein Korn genossen.
Einen kühlen Tropfen Tau
Schlürft sie noch daneben,
Um mit Jubel dann ins Blau
Wieder aufzuschweben.
ISBN der Quelle: 3150032318
Rubrik: Dichter
Nikolaus Lenau
Nur wer sich mit eignen Kräften
Durch das Dickicht einen Pfad schafft,
Kann den Kranz sich dauernd heften;
Kunst ist keine Kameradschaft.
Düngst du deinen Ruhm in Scherben
Mit dem Mist der Schmeicheleien,
Wird er über Nacht dir sterben;
Laß ihn wachsen wild im Freien.
Dann nur mag sein Hauch dich stärken,
Wenn er dir auf Dornenwegen
Und nach heiß vollbrachten Werken
Überraschend blüht entgegen.
ISBN der Quelle: 3458336869
Rubrik: Weihnachten
Eduard Mörike
Gesegnet sei die heilige Nacht,
die uns das Licht der Welt gebracht! -
Wohl unterm lieben Himmelszelt
die Hirten lagen auf dem Feld.
Ein Engel Gottes, licht und klar,
mit seinem Gruß tritt auf sie dar.
Vor Angst sie decken ihr Angesicht,
da spricht der Engel: »Fürchtt euch nicht!«
»Ich verkünd euch große Freud:
Der Heiland ist geboren heut.«
Da gehn die Hirten hin in Eil,
zu schaun mit Augen das ewig Heil;
zu singen dem süßen Gast Willkomm,
zu bringen ihm ein Lämmlein fromm. -
Bald kommen auch gezogen fern
die heilgen drei König mit ihrem Stern.
Sie knieen vor dem Kindlein hold,
schenken ihm Myrrhen, Weihrauch, Gold.
Vom Himmel hoch der Engel Heer
frohlocket: »Gott in der Höh sei Ehr!«
ISBN der Quelle: 3150076617
Rubrik: Dichter
Johann Ludwig Uhland
Es stand in alten Zeiten ein Schloß, so hoch und hehr,
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer,
Und rings von duftgen Gärten ein blütenreicher Kranz,
Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.
Dort saß ein stolzer König, an Land und Siegen reich,
Er saß auf seinem Throne so finster und so bleich;
Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,
Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut.
Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar,
Der ein in goldnen Locken, der andre grau von Haar;
Der Alte mit der Harfe, der saß auf schmuckem Roß,
Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoß.
Der Alte sprach zum Jungen: »Nun sei bereit, mein Sohn!
Denk unsrer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton!
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz!
Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz.«
Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal,
Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl,
Der König furchtbar prächtig wie blutger Nordlichtschein,
Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein.
Da schlug der Greis die Saiten, er schlug sie wundervoll,
Daß reicher, immer reicher der Klang zum Ohre schwoll;
Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor,
Des Alten Sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor.
Sie singen von Lenz und Liebe, von selger goldner Zeit
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit,
Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.
Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott,
Des Königs trotzge Krieger, sie beugen sich vor Gott;
Die Königin, zerflossen in Wehmut und in Lust,
Sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust.
»Ihr habt mein Volk verführet; verlockt ihr nun mein Weib?«
Der König schreit es wütend, er bebt am ganzen Leib;
Er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt.
Draus statt der goldnen Lieder ein Blutstrahl hoch aufspringt.
Und wie vom Sturm zerstoben ist all der Hörer Schwarm.
Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters Arm;
Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Roß,
Er bindt ihn aufrecht feste, verläßt mit ihm das Schloß.
Doch vor dem hohen Thore, da hält der Sängergreis,
Da faßt er seine Harfe, sie, aller Harfen Preis,
An einer Marmorsäule, da hat er sie zerschellt;
Dann ruft er, daß es schaurig durch Schloß und Gärten gellt:
»Weh euch, ihr stolzen Hallen! Nie töne süßer Klang
Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang,
Nein, Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt,
Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeist zertritt!
Weh euch, ihr duftgen Gärten im holden Maienlicht!
Euch zeig ich dieses Toten entstelltes Angesicht,
Daß ihr darob verdorret, daß jeder Quell versiegt,
Daß ihr in künftgen Tagen versteint, verödet liegt.
Weh dir, verruchter Mörder! du Fluch des Sängertums!
Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blutgen Ruhms!
Dein Name sei vergessen, in ewge Nacht getaucht,
Sei wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht!«
Der Alte hats gerufen, der Himmel hats gehört,
Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört;
Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundner Pracht;
Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.
Und rings statt duftger Gärten ein ödes Heideland,
Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand,
Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch;
Versunken und vergessen! das ist des Sängers Fluch!
ISBN der Quelle: 3150030218
Rubrik: Wald
Annette von Droste-Hülshoff
»Nun still! - Du an den Dohnenschlag!
Du links in den gespaltnen Baum!
Und hier der faule Fetzer mag
sich lagern an der Klippe Saum:
da seht fein offen übers Land
die Kutsche ihr heran spazieren;
und Rieder dort, der Höllenbrand,
mag in den Steinbruch sich postieren!
Dann aufgepaßt mit Aug und Ohr,
und bei dem ersten Räderhall
den Eulenschrei! und tritt hervor
die Fracht, dann wiederholt den Schall.
Doch, naht Gefahr - Patrouillen gehn, -
seht ihr die Landdragoner streifen,
dann dreimal, wie von Riffeshöhn,
laßt ihr den Lämmergeier pfeifen.
Nun, Rieder, noch ein Wort zu dir:
Mit Recht heißt du der Höllenbrand;
kein Stückchen - ich verbitt es mir -
wie neulich mit der kalten Hand!«
Der Hauptmann spricht es; durch den Kreis
ein Rauschen geht und feines Schwirren,
als sie die Büchsen schultern leis
und in den Gurt die Messer klirren.
Seltsamer Troß! Hier Riesenbau
und hiebgespaltnes Angesicht,
und dort ein Bübchen wie ne Frau,
ein zierliches Spelunkenlicht;
der drüben an dem Scheitelhaar
so sachte streift den blanken Fänger,
schaut aus den blauen Augen gar
wie ein verarmter Minnesänger.
s ist lichter Tag! die Bande scheut
vor keiner Stunde - alles gleich;
es ist die rote Bande, weit
verschrien, gefürchtet in dem Reich;
das Knäbchen kauert unterm Stier
und betet, raschelt es im Walde,
und manches Weib verschließt die Tür,
schreit nur ein Kuckuck an der Halde.
Die Posten haben sich zerstreut,
und in die Hütte schlüpft der Troß -
Wildhüters Obdach zu der Zeit,
als jene Trümmer war ein Schloß;
wie Ritter vor der Ahnengruft
fühlt sich der Räuber stolz gehoben
am Schutte, dran ein gleicher Schuft
vor Jahren einst den Brand geschoben.
Und als der letzte Schritt verhallt,
der letzte Zweig zurückgerauscht,
da wird es einsam in dem Wald,
wo überm Ast die Sonne lauscht;
und als es drinnen noch geklirrt
und noch ein Weilchen sich geschoben,
da still es in der Hütte wird,
vom wilden Weingerank umwoben.
Der scheue Vogel setzt sich kühn
aufs Dach und wiegt sein glänzend Haupt,
und summend durch der Reben Grün
die wilde Biene Honig raubt;
nur leise, wie der Hauch im Tann,
wie Weste durch die Halme streifen,
hört drinnen leise, leise man
vorsichtig an den Messern schleifen. -
Ja, lieblich ist des Berges Maid
in ihrer festen Glieder Pracht,
in ihrer blanken Fröhlichkeit
und ihrer Zöpfe Rabennacht;
siehst du sie brechen durchs Genist
der Brombeerranken, frisch, gedrungen,
du denkst, die Zentifolie ist
vor Übermut vom Stiel gesprungen.
Nun steht sie still und schaut sich um -
all überall nur Baum an Baum;
ja, irre zieht im Walde um
des Berges Maid und glaubt es kaum;
noch zwei Minuten, wo sie sann,
pulsieren ließ die heißen Glieder -
behende wie ein Marder dann
schlüpft keck sie in den Steinbruch nieder.
Am Eingang steht ein Felsenblock,
wo das Geschiebe überhängt;
der Efeu schüttelt sein Gelock,
zur grünen Laube vorgedrängt,
da unterm Dache lagert sie,
behaglich lehnend an dem Steine,
und denkt: ich sitze wahrlich wie
ein Heilgenbildchen in dem Schreine!
Ihr ist so warm, der Zöpfe Paar
sie löset mit der runden Hand,
und nieder rauscht ihr schwarzes Haar
wie Rabenfittiches Gewand.
Ei, denkt sie, bin ich doch allein!
Auf springt das Spangenpaar am Mieder;
doch unbeweglich gleich dem Stein
steht hinterm Block der wilde Rieder.
Er sieht sie nicht, nur ihren Fuß,
der tändelnd schaukelt wie ein Schiff,
zuweilen treibt des Windes Gruß
auch eine Locke um das Riff;
doch ihres heißen Odems Zug,
Samumes Hauch, glaubt er zu fühlen,
verlorne Laute, wie im Flug
Lockvögel, um das Ohr ihm spielen.
So weich die Luft und badewarm,
berauschend Thymianes Duft,
sie lehnt sich, dehnt sich, ihren Arm,
den vollen, streckt sie aus der Kluft,
schließt dann ihr glänzend Augenpaar -
nicht schlafen, ruhn nur eine Stunde -
so dämmert sie, und die Gefahr
wächst von Sekunde zu Sekunde.
Nun alles still - sie hat gewacht -
doch hinterm Steine wirds belebt,
und seine Büchse sachte, sacht
der Rieder von der Schulter hebt,
lehnt an die Klippe ihren Lauf,
dann lockert er der Messer Klingen,
hebt nun den Fuß - was hält ihn auf?
Ein Schrei scheint aus der Luft zu dringen!
Ha, das Signal! - er ballt die Faust -
und wiederum des Geiers Pfiff
ihm schrillend in die Ohren saust -
noch zögert knirschend er am Riff -
zum drittenmal - und sein Gewehr
hat er gefaßt - hinan die Klippe!
daß bröckelnd Kies und Sand umher
nachkollern vor dem Steingerippe.
Und auch das Mädchen fährt empor:
»Ei, ist so locker das Gestein?«
Und langsam, gähnend tritt hervor
sie aus dem falschen Heilgenschrein,
hebt ihrer Augen feuchtes Glühn,
will nach dem Sonnenstande schauen,
da sieht sie einen Geier ziehn
mit einem Lamm in seinen Klauen.
Und schnell gefaßt, der Wildnis Kind,
tritt sie entgegen seinem Flug:
der kam daher, wo Menschen sind,
das ist der Bergesmaid genug.
Doch still! war das nicht Stimmenton
und Räderknarren? Still! sie lauscht -
und wirklich, durch die Nadeln schon
die schwere Kutsche ächzt und rauscht.
»He, Mädchen!« ruft es aus dem Schlag,
mit feinem Knix tritt sie heran,
»zeig uns zum Dorf die Wege nach,
wir fuhren irre in dem Tann!« -
»Herr,« spricht sie lachend, »nehmt mich auf,
auch ich bin irr und führ euch doch.« -
»Nun wohl, du schmuckes Kind, steig auf,
nur frisch hinauf, du zögerst noch?«
»Herr, was ich weiß, ist nur gering,
doch führt es euch zu Menschen hin,
und das ist schon ein köstlich Ding
im Wald, mit Räuberhorden drin;
seht, einen Weih am Bergeskamm
sah steigen ich aus jenen Gründen,
der in den Fängen trug ein Lamm;
dort muß sich eine Herde finden.« -
Am Abend steht des Forstes Held
und flucht die Steine warm und kalt;
der Wechsler freut sich, daß sein Geld
er klug gesteuert durch den Wald,
und nur die gute, franke Maid
nicht ahnet in der Träume Walten,
daß über sie so gnädig heut
der Himmel seinen Schild gehalten.
ISBN der Quelle: 3458327924
Rubrik: Wald
Joseph Freiherr von Eichendorff
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich mehr hier.
ISBN der Quelle: 345817365X
Rubrik: Tod
Novalis
Hinunter in der Erde Schoß,
Weg aus des Lichtes Reichen,
Der Schmerzen Wut und wilder Stoß
Ist froher Abfahrt Zeichen.
Wir kommen in dem engen Kahn
Geschwind am Himmelsufer an.
Gelobt sei uns die ewge Nacht,
Gelobt der ewge Schlummer.
Wohl hat der Tag uns warm gemacht
Und welk der lange Kummer.
Die Lust der Fremde ging uns aus,
Zum Vater wollen wir nach Haus.
Was sollen wir auf dieser Welt
Mit unsrer Lieb und Treue.
Das Alte wird hintangestellt,
Was soll uns dann das Neue.
Oh! einsam steht und tiefbetrübt,
Wer heiß und fromm die Vorzeit liebt.
Die Vorzeit, wo die Sinne licht
In hohen Flammen brannten,
Des Vaters Hand und Angesicht
Die Menschen noch erkannten,
Und hohen Sinns, einfältiglich
Noch mancher seinem Urbild glich.
Die Vorzeit, wo noch blütenreich
Uralte Stämme prangten
Und Kinder für das Himmelreich
Nach Qual und Tod verlangten.
Und wenn auch Lust und Leben sprach,
Doch manches Herz für Liebe brach.
Die Vorzeit, wo in Jugendglut
Gott selbst sich kundgegeben
Und frühem Tod in Liebesmut
Geweiht sein süßes Leben.
Und Angst und Schmerz nicht von sich trieb,
Damit er uns nur teuer blieb.
Mit banger Sehnsucht sehn wir sie
In dunkle Nacht gehüllet,
In dieser Zeitlichkeit wird nie
Der heiße Durst gestillet.
Wir müssen nach der Heimat gehn,
Um diese heilge Zeit zu sehn.
Was hält noch unsre Rückkehr auf,
Die Liebsten ruhn schon lange.
Ihr Grab schließt unsern Lebenslauf,
Nun wird uns weh und bange.
Zu suchen haben wir nichts mehr -
Das Herz ist satt - die Welt ist leer.
Unendlich und geheimnisvoll
Durchströmt uns süßer Schauer -
Mir deucht, aus tiefen Fernen scholl
Ein Echo unsrer Trauer.
Die Lieben sehnen sich wohl auch
Und sandten uns der Sehnsucht Hauch.
Hinunter zu der süßen Braut,
Zu Jesus, dem Geliebten -
Getrost, die Abenddämmrung graut
Den Liebenden, Betrübten.
Ein Traum bricht unsre Banden los
Und senkt uns in des Vaters Schoß.
ISBN der Quelle: 3866470541
Rubrik: Klassisches Altertum
Friedrich Hölderlin
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien !
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
ISBN der Quelle: 3458169504
Rubrik: Liebe
Johann Wolfgang von Goethe
Auf Kieseln im Bache da lieg ich, wie helle!
Verbreite die Arme der kommenden Welle,
Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust;
Dann führt sie der Leichtsinn im Strome danieder,
Es naht sich die zweite, sie streichelt mich wieder:
So fühl ich die Freuden der wechselnden Lust.
Und doch, und so traurig, verschleifst du vergebens
Die köstlichen Stunden des eilenden Lebens,
Weil dich das geliebteste Mädchen vergißt!
O ruf sie zurücke, die vorigen Zeiten,
Es küßt sich so süße die Lippen der Zweiten,
Als kaum sich die Lippen der Ersten geküßt.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Trauer
Karl Wolfskehl
Um schlanke glieder schwanken lichte blüten
Gebogne ampeln deinen schlummer hüten
Ein roter mantel deckt verborgnes grauen,
In denen träumerische gluten glühten
In deinen augen schwer vom kuss der frauen
Die lezten blassen finsternisse tauen.
Vor deiner zier die lieblichen epheben
Die greisen büsser müde arme heben
Zu deiner bahre dringt kein ruf der schaaren,
Nur einen weissen falter seht ihr schweben
Er schmiegt sich zitternd deinen weichen haaren
Er fächelt und er schmeichelt lind den klaren
Und welkt. Den die Geweihten schweigend loben
Adonis schied, die wilden gluten stoben,
Adonis wandelt aus den lichten hallen,
Den schleier hat er von dem sein gehoben
Vom baum der erde ist die frucht gefallen
Zum toten herrn die bangen heere wallen.
Im weiten haine wogt das grosse trauern
Das wehe stöhnen pocht an weisse mauern
Durch alle reihn verhüllte schrecken schleichen
In allen häusern schwarze schatten lauern
Im opferrauche will die lust erbleichen
Vom leben trunken will das leben weichen.
ISBN der Quelle: 3926370297
Rubrik: Schwermut
Gottfried Benn
Entrücke dich dem Stein! Zerbirst
Die Höhle, die dich knechtet! Rausche
Doch in die Flur, verhöhne die Gesimse --:
Sieh: durch den Bart des trunkenen Silen
Aus seinem ewig überrauschten
Lauten einmaligen durchdröhnten Blut
Träuft Wein in seine Scham.
Bespei die Säulensucht: toderschlagene
Greisige Hände bebten sie
Verhangnen Himmeln zu. Stürze
Die Tempel vor die Sehnsucht deines Knies,
In dem der Tanz begehrt.
Breite dich hin. Zerblühe dich. O, blute
Dein weiches Beet aus großen Wunden hin:
Sieh, Venus mit den Tauben gürtet
Sich Rosen um der Hüften Liebestor -
Sieh dieses Sommers letzten blauen Hauch
Auf Astermeeren an die fernen
Baumbraunen Ufer treiben, tagen
Sieh diese letzte Glück-Lügenstunde
Unserer Südlichkeit,
Hochgewölbt.
ISBN der Quelle: 3608934499
Rubrik: Naturgeister
Johann Gottfried Herder
Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitsleut;
Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.
»Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.«
»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«
»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei güldne Sporne schenk ich dir.
Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter bleichts mit Mondenschein.«
»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeitstag.«
»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir.«
»Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll.«
»Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir.«
Sie tät einen Schalg ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.
Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd.
»Reit heim nun zu deinem Fräulein wert.«
Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür.
»Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist dein Farbe blaß und bleich?«
»Und sollt sie nicht sein blaß und bleich,
Ich traf in Erlenkönigs Reich.«
»Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich nun sagen deiner Braut?«
»Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund.«
Frühmorgen und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.
»Sie schenkten Met, sie schenkten Wein;
Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?«
»Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,
Er probt allda sein Pferd und Hund.«
Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf, und er war tot.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Naturgeister
Johann Gottfried Herder
Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitleut.
Du tanzen die Elfen auf grünem Strand,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand:
»Willkommen, Herr Oluf, komm tanzen mit mir,
Zwei göldene Sporen schenke ich dir.«
»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Denn morgen is mein Hochzeittag.«
»Tritt näher, Herr Oluf, komm tanzen mit mir,
Ein Hemd von Seiden schenke ich dir,
Ein Hemd von Seiden so weiß und fein,
Meine Mutter bleichts mit Mondenschein!«
»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Denn morgen ist mein Hochzeittag.«
»Tritt näher, Herr Oluf, komm tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenke ich dir.«
»Einen Haufen Goldes nähme ich wohl,
Doch tanzen ich nicht darf noch soll.«
»Und willst du, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir!«
Sie tät ihm geben einen Schlag aufs Herz,
Sein Lebtag fühlt er nicht solchen Schmerz.
Drauf tät sie ihn heben auf sein Pferd:
»Reit heim zu deinem Fräulein wert!«
Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür:
»Sag an, mein Sohn, und sag mir gleich,
Wovon du bist so blaß und bleich?«
»Und sollt ich nicht sein blaß und bleich?
Ich kam in Erlenkönigs Reich.«
»Sag an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich sagen deiner Braut?«
»Sagt ihr, ich ritt in den Wald zur Stund,
Zu proben allda mein Roß und Hund.«
Früh Morgens als der Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.
Sie schenkten Met, sie schenkten Wein:
»Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?«
»Herr Oluf ritt in den Wald zur Stund,
Zu proben allda sein Roß und Hund.«
Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf und war tot.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Traum
Johann Gottfried Herder
Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wegen schweben
und schwinden wir.
Und messen unsre trägen Tritte
nach Raum und Zeit;
und sind (und wissens nicht) in Mitte
der Ewigkeit . . .
ISBN der Quelle:
Rubrik: Zwiespalt
Johann Wolfgang von Goethe
Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab,
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Meiner armer Sinn
Ist mir zerstückt.
Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.
Nach ihm nur schau ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh ich
Aus dem Haus.
Sein hoher Gang,
Sein edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,
Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach! sein Kuß!
Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin,
Ach dürft ich fassen
Und halten ihn,
Und küssen ihn,
So wie ich wollt,
An seinen Küssen
Vergehen sollt!
ISBN der Quelle: 3406552501
Rubrik: Blumen
Fritz Usinger
Einmal zu blühen! Einfach eine Blume
Aufschlagen groß und weiß
Über dem dunklen Grund der Krume,
Mit einem Dufte leis –
Und niemand weiß, wer ihn geschaffen hat.
Aber ich habe ihn
Still so wie Stiel und Blatt
Und schenke ihn hin.
Nehmt! Nehmt! Ich zähle nicht
Die Gabe,
Die aus meinem Kelche bricht,
Glück, das ich zu tragen habe.
Denn wer sie mir zubereitet hat,
Kann ich euch nicht sagen.
Ja, ich trage sie an Herzens statt.
Warum soll ich fragen?
Wenig ist es! Eurem Auge nicht
Sichtbar. Doch es muß
Einmal ein unnennbar Angesicht
Mit genaht sein und mit einem Kuß.
Und nun quillt das himmlische Arom
Aus mir seit der Zeit:
Aus der Armut solch ein Strom
Von Unirdischkeit.
In den Gräserwald gebückt,
Unscheinbar,
Wachsend und verzückt
Daure ich mein Jahr –
Das ist alles: Nichts als aus der Krume
Steigen und bestehen in der Wesen Kreis.
Einmal zu blühen! Einfach eine Blume
Aufschlagen groß und weiß!
ISBN der Quelle: 3926370173
Rubrik: Garten
Rolf Schilling
I
Kreuz im Gedächtnis, verwunschene Gruft,
Lied, unterm Windfall verdorrt -
Dies ist mein Garten: Seit Atem, sein Duft
Weigert sich jeglichem Wort.
Manchmal nur, wie aus Träumen, ein Licht,
Das seine Tiefen erschließt,
Wenn uns vor Tag ein geliebtes Gesicht
Anblickt und wieder zerfließt.
Flamme, die Grünes mit Güldenem paart,
Engel gebieten der Glut,
Kirschblüte, elfenweiß, schmetterlingszart,
Schwebt noch, ein Schatten, im Blut.
Wachen die Toten noch immer, umhegt
Von Tauben, im Abendrauch still?
Hat sich ihr Hauch auf die Hügel gelegt,
Schimmernd wie Reif im April?
Du, schon am anderen Ufer, sag an:
Welches der Reiche ist dein?
Hält dich die Süße des Sommers in Bann?
Treibst du im Nordwind allein?
Keine der Rosen, doch Lilien vielleicht
Hätten deiner gedacht,
Nymphen der Trauer, ihr Klageruf reicht
Her aus der ältesten Nacht.
Aber die schwankende Brücke zerbrach,
Die unsre Pfade verband.
Gib mir ein Schneegesicht, frag mir nicht nach,
Streust du die Asche ins Land.
Dies ist mein Garten, aus Bildern gefügt,
Die schon kein Himmel mehr trägt.
Dies ist mein Garten, ein Steinwurf genügt,
Der ihn für immer zerschlägt.
II
Sommer ging die Sonnenpfade
Abendwärts, ein schlankes Schwert
Gartenglück, aus ferner Gnade
Einst entsprungen, unbegehrt.
Nichts vollendend, nichts beginnend,
Warst du Stimme, Spiel des Lichts,
Träumer, goldne Fäden spinnend
In die Himmel des Gedichts.
Dein Gesang, der Erdenschwere
Bar, ein weißer Vogel, fand
Wolkenher, nach sanfter Kehre,
Stets zurück in deine Hand.
Ließ sich in den Zweigen nieder,
Grünender Vergängnis froh,
Stob mit leuchtendem Gefieder
Wieder fort nach Nirgendwo.
Schwalben und die Dunkelfalter
Abends, die man übersah,
Unberührt von Staub und Alter
Schlug dein Herz, der Tiefe nah,
Leis das Eigene befreiend
Aus der Stille, die dir tönt,
Nicht mehr suchend, nur noch seiend,
Unbegehrend, allversöhnt.
III
Kindheit, beflügelter Pfeil,
Blick nach verwegensten Zielen,
Wanderung ohne Gespielen
Morgenweit, zeitlos und heil.
Fernen, im Fluge erreicht,
Deutlich blieb das Erkannte,
Tiefe, noch niemals benannte,
Gab sich dem Schauenden, leicht.
Alles kam unerfleht.
Schon im Beginn war Gelingen.
Bote, befiederte, gingen
Weiß über Wege und Beet.
Garten der Kindheit - wohin?
Treibend im Strom der Gesichter,
Fügst du, Verdichter, Vernichter,
Bilder zu fraglichem Sinn.
Lächeln im spätesten Jahr,
Rauhreif auf dämmernden Fährten,
Rose verblich in den Gärten,
Aber ihr Blühen bleibt wahr.
Immer, aus flüchtigem Grün,
Reifst du den Himmeln entgegen,
Ihrem unendlichen Segen
Wirst du vergeblich entfliehn.
ISBN der Quelle: 3926370025
Rubrik: Frühling
Rolf Schilling
I
An Segen reich, von Flieder-Duft umflossen,
Stehn wir am Wall, wo sich zu jähem Streich
Der Lenz erhebt mit funkelnden Geschossen,
An Segen reich.
Die Sonne steigt, die die Natter träumt am Teich,
Gefilde grünen, Halm und Knospe sprossen,
Ein sanfter Regen macht die Äcker weich.
Verschwistert blühn im Glanz, der sich ergossen,
Die Rose blutend und die Lilie bleich,
Von eines Gartens goldnem Ring umschlossen,
An Segen reich.
II
Wenn Segen fließt, so frag nicht, wer ihn spende
Und wann der Himmel seine Pforten schließt,
Und spiel das Spiel, als ob sich alles wende,
Wenn Segen fließt.
Nicht war dir Winters Hermelin erkiest,
So weck den Lanz im blühenden Gelände
Und sei dem Hüter, der das Licht genießt,
Gespiel und leg dein Herz in seine Hände
Zier deine Haut mit Zeichen, die er liest,
Und folg dem Traum, als ob er nimmer ende,
Wenn Segen fließt.
III
Gesagnet sei der Efeu an der Mauer,
Das Blatt des Ahorns und der Schwalbe Schrei,
Und hoffe du, daß auch des Herbstes Schauer
Gesegnet sei.
Nimm hin das Licht, und dem Oktober leih
Von deinem Gold, wehn auch die Lüfte rauher,
In deinem Herzen ist noch immer Mai.
Und frage nicht, ob dieser Traum von Dauer
Und ob der Winter dir ein Zeichen weih,
Und sorge du, daß auch der Tag der Trauer
Gesegnet sei.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Fabeltiere
Rolf Schilling
Einsam schweifend im August,
Kommt er durchs Gehölz gebrochen,
Schließt den Fuchs, zerschlägt die Knochen,
Hirsche dienen seiner Lust.
Hergesandt vom untern Reich
Aus des großen Pan Geschlechte,
Übt er seine Herrscherrechte,
Tier und kleiner Gott zugleich.
Sein sind Feld und Ährengold.
Nicht die Pilze, nicht die Beeren
Dürfen seinen Sinn beschweren,
Giften ist sein Gaumen hold.
Ohne Halt und ohne Haft,
Blutigen Schleim an Bart und Haaren,
Muß er durch die Wälder fahren,
Wild berauscht vom Rebensaft.
Hörst du brünstig seinen Ruf,
Denk, es folgen seinem Schritte
Wahn und Wollust, Recht und Sitte
Stampft er unter seinen Huf.
Nur dem Freien gilt sein Gruß.
Doch im See an schwülen Tagen
Siehst du ihn die Wellen schlagen
Emsig mit behaartem Fuß.
Und er scheint so sanft und mild,
Spielt mit Nymphen, schaumgeboren ...
Und dein Blick, zum Traum erkoren,
Folgt dem lieblichen Gebild.
Und du träumst am dumpfen Teich:
Ach, nur einmal ihm zu gleichen,
Ach, nur einmal ihn erreichen,
Tier und kleiner Gott zugleich.
ISBN der Quelle: 3926370017
Rubrik: Morgenland
Rolf Schilling
I
Die mit dem Haschisch und der Algebra
Des Reims Geflecht, Ghaselen und Sonett
Uns offenbart und vor der Kaaba
Die Palme pflanzten und das Minarett -
Sie brachten uns den Gral, die Mandorla,
Und vierundsechzig Felder hat das Brett,
Wo manches Ungemach dem Schah geschah,
Bevor der Schenk ihn tränkte mit Scherbett.
Wo im Serail sich über Säulen glatt
Ein Saum von Spitzen kräuselt, weiß wie Schnee,
Sei du der Springer, setz den König matt,
Und bis die Rose bleicht vor der Moschee,
Wirst du verweilen in der Messingstadt
Und rauchst das Kraut des Traums im Nargileh.
II
Der Sterne Namen kamen uns von da,
Atair, Deneb und Aldebaran,
Es zehrt von deinem Glanz, Arabia,
Der Schwan auf dem west-östlichen Divan.
Fata morgana, wer dich strahlen sah,
Traut in der Wüste falschem Talisman,
Doch bläst der Chamsin aus der Hammada,
Wird Wasser Sand und Wiederkehr ein Wahn.
Weit besser ists, bei Wein und Spezerein
Zu wähnen, daß der Derwisch dich erseh
Zum Tanz, und Huri lädt den Dichter ein,
Im Schatten von Jasmin und Aloe
Zur Mitternacht ihr Haremsgast zu sein,
Mit Gold im Haar und Ambra im Kaffee.
III
Von seiner Höhe ruft der Muezzin
Die Gläubigen am Abend zum Gebet.
Der Sänger schlingt den Schal von Musselin,
Der, seinen Zeilen gleich, in Wolken wht,
Zum Reim - wer dem Kalifen Rosmarin
In Sprüchen sandte, schweigt vor Mohammed,
Und wer die Dschinn erblickt hat im Rubin,
Wird erst, wenn Haschisch ihn enthemmt, beredt.
Makemen rahmen Namen ein wie den
Des Meisters, der uns von Hariri sang,
Du wirst die Heere des Propheten sehn
Mit Ariost, und blind im Schlaf-Umhang
Mit Borges durch den Spiegelsaal zu gehen,
Dankst du dem grünen Banner, das er schwang.
IV
Der liebt das Weib, der schöpft bei Knaben Luft,
Der schätzt die Bärte, der des Busens Schnee,
Doch über allem Wandel schwebt der Duft,
Den uns Arabia spendete von je.
Wo Lilien ranken aus der Marmorgruft
Und Rosenblätter schwimmen auf dem Tee,
Wird, wenn der Weihrauch auf dem Rost verpufft,
Und Narde freund und Würze unserm Weh.
Scheherezade spricht zum König: Komm!
Und flicht ein güldnes Band am Teppichsaum
Der Sage, wenn der Silbermond erglomm,
Und unter Myrten gibst du dich im Traum,
Bestreut mit Myrrhe, Zimt und Kardamom,
Dem Tiger hin und spürst die Klaue kaum.
V
In memoriam Kaiser Friedrich II.
Vor allen Schätzen aber, die uns gab
Arabien, sei des Reimes Ornament
Gerühmt: Selbst wer die Runen Stab an Stab
Einst reihte, lenkt den Blick zum Orient
Und wird, sich neigend vor des Meisters Grab,
Im Gleichlaut schließen, was im Sinn getrennt,
Auf daß das Ohr am Klangspiel sich erlab
Und Geist erfasse, was das Herz erkennt.
Wie seltsam, daß der Schöpfer des Sonetts
Jetzt im Kyffhäuser träumt - von welchem Wort,
Das ihm zum Reim fehlt? Beug dich und verletz
Den Traum nicht - wer, gebannt am Schattenhort,
Die Worte wob nach gültigem Gesetz,
Wird sie auch fügen für den Schluß-Akkord.
ISBN der Quelle: 3926370327
Rubrik: Klassisches Altertum
Rolf Schilling
Für Leni Riefenstahl
Wenn von Wolkensäumen
Weißes Feuer blinkt,
Wenn die Wogen schäumen,
Mond im Meer versinkt,
Wird im Dunst verschwimmen,
Was dem Tag entsprang,
Münden alle Stimmen
In den Abgesang.
Aus dem Laub der Feigen
Äugte der Cyklop,
Als auf Marmorsteigen
Wind die Schleier hob,
Doch er beugt sich wieder,
Eh das Licht ihn traf,
Und er legt sich nieder
Wie zu langem Schlaf.
Auf dem Muschelwagen
Steht die Lenkerin,
Von der Flut getragen
Zu der Insel hin,
Die kein Tag-umfangnes
Aug erspähte je,
Nur dein Traum-verhangnes,
Göttin Galathee.
Tanzen die Delphine
Um das Muschelhaus,
Streckt sich Melusine
Auf dem Polster aus,
Das aus Rohr und Weiden
Ihr der Ferge flocht,
Bis die Wasser scheiden,
Was das Schwert erfocht.
Lorbeer und Zitronen,
Lethe-Glanz im Born,
Träume der Tritonen,
Doch das Muschelhorn,
Das mit sanfter Flosse
Nachts der Schläfer hebt,
Weckt Poseidons Rosse,
Daß die Erde bebt.
Aus dem Schlaf gerissen,
Bäumt sich der Cyklop,
Doch es rührt auf Kissen,
Die die Wolke wob,
Seiner Brunst Geschäume,
Seiner Klage Weh
Nicht an deine Träume,
Göttin Galathee.
Nimm das Holz vom Bogen,
Der von selber tönt,
Sei dem Schwan gewogen,
Der die Stunde krönt,
Der die Purpur-Neigen,
Drin dein Fangnetz treibt,
Seinem weißen Schweigen
Schimmernd einverleibt.
Andre, deren Tage
Adlerglanz betört,
Halten dir die Waage,
Doch dein Herz gehört,
Wenn im blau Behauchten
Schilf sich regte leis,
Einzig dem Erlauchten,
Der dich freit in Weiß.
Braune Schatten siegeln
Abendlich die Bucht:
Wo die Wasser spiegeln
Mohn und reife Frucht,
Wo den Fels befeuchten
Kämme, weiß wie Schnee,
Bring dein Gold zum Leuchten,
Göttin Galathee.
ISBN der Quelle: 3926370319
Rubrik: Mittelalter
Uwe Lammla
Der Herr aller herrlichen Heere,
Der Walter des Winds und des Walds,
Der Stifter von Eiden und Ehre,
Des Deutschen Beseelung und Salz,
Will haugkher, wo Licht aus Kristallen
Den Goldreif des Niblungs verheißt,
Des Rüstmeisters Kammer bestallen
Und segnen im Kyffhäusergeist.
Uns gehts wie dem Schmiede der Flamen,
Zur Jüterbog stark und bekannt,
Es braucht für die Tat keinen Namen,
Wer Teufel und Tod überwandt,
Doch wer sich das Heil nicht erbeten,
Eh Boten des Himmels verreist,
Der muß in die Kyffgrotte treten
Und dauern im Kyffhäusergeist.
Zum Weltbild der Ptolemäiden
Führt uns weder Kaiser noch Papst,
Die Zukunft heißt Kampf und nicht Frieden,
Heißt Freiheit, der du dich ergabst,
Verfolgt von dem römischen Banne,
Der Blut seiner Wurzel entreißt
Und taub für das Horn ist im Tanne,
Drin wiederklingt Kyffhäusergeist.
Wir haben die Unschuld verloren,
Der Vögel, der Wölfe sogar,
Wir haben ein Los uns erkoren,
Daß kindsgläubig scheint uns der Aar,
Wir schufen die mächtigsten Schwerter
Und Schilde, titanisch verschweißt,
Und bleiben doch unreif wie Werther
Und treu nur im Kyffhäusergeist.
Im Kyff ist uns alles versprochen,
Gemeinschaft, die Volk überragt,
Und wird einst die Grotte zerbrochen,
Weil all deine Herrlichkeit tagt,
So soll uns die Thinglinde scharen
Zu Tilleda, wie es da heißt,
Daß wir das Jahrtausend erfahren,
Das Reich und den Kyffhäusergeist.
Doch weh! es vergehen die Jahre,
Die Eiche ist tot längst und hohl,
Der Motor verbannt die Fanfare,
Es schmelzen uns Gletscher und Pol,
Der Weltbrand schlingt Runen und Reiser,
Der Lebensborn schimmelt verwaist,
Uns führt kein Prophet und kein Weiser,
Uns führt nur der Kyffhäusergeist.
Er sagt uns was wahr ist was Blendung,
Wenn hundert der Edelsten stehn,
So bleibt deine Stiftung uns Sendung
Wird Trug und Gemeinheit verwehn,
Solange die Fackeln uns lodern,
Solange du Atem uns leihst,
Kann deutsches Land nicht vermodern,
Wird aufstehn im Kyffhäusergeist.
Zwar wissen allein noch die Dichter,
Wer drunten im Kyffhäuser wohnt,
Es wurden die Ämter und Richter
Entweiht und gleich mehrfach entthront,
Wir stehen, umzingelt von Fremden,
Verrätern, mit Schmerbäuchen feist,
Uns schützt nicht der Ringwall von Emden,
Uns schützt nur der Kyffhäusergeist.
Wer weiß, wann die Raben verflogen,
Der blitzschwarze Baum sich belaubt,
Man hat uns unendlich belogen,
Doch rein bleibt die Seele, die glaubt,
Dein Reich kann sie nimmer verlieren,
Die Träume, von wannen du seist,
Und wir werden weitermarschieren
Und sterben im Kyffhäusergeist.
ISBN der Quelle: 3867036209
Rubrik: Indien
Johann Wolfgang von Goethe
Mahadöh, der Herr der Erde,
Kommt herab zum sechsten Mal,
Daß er unsersgleichen werde,
Mitzufühlen Freud und Qual.
Er bequemt sich, hier zu wohnen,
Läßt sich alles selbst geschehn.
Soll er strafen oder schonen,
Muß er Menschen menschlich sehn.
Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet,
Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,
Verläßt er sie abends, um weiterzugehn.
Als er nun hinausgegangen,
Wo die letzten Häuser sind,
Sieht er, mit gemalten Wangen,
Ein verlornes schönes Kind.
»Grüß dich, Jungfrau !« - »Dank der Ehre!«
Wart, ich komme gleich hinaus.« -
»Und wer bist du?« -»Bajadere,
Und dies ist der Liebe Haus.«
Sie rührt sich, die Zimbeln zum Tanze zu schlagen,
Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,
Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Strauß.
Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,
Lebhaft ihn ins Haus hinein:
»Schöner Fremdling, lampenhelle
Soll sogleich die Hütte sein.
Bist du müd, ich will dich laben,
Lindern deiner Füße Schmerz.
Was du willst, das sollst du haben,
Ruhe, Freuden oder Scherz.«
Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden.
Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden
Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.
Und er fordert Sklavendienste;
Immer heitrer wird sie nur,
Und des Mädchens frühe Künste
Werden nach und nach Natur.
Und so stellet auf die Blüte
Bald und bald die Frucht sich ein;
Ist Gehorsam im Gemüte,
Wird nicht fern die Liebe sein.
Aber, sie wird schärfer und schärfer zu prüfen,
Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
Lust und Entsetzen und grimmige Pein.
Und er küßt die bunten Wangen,
Und sie fühlt der Liebe Qual,
Und das Mädchen steht gefangen,
Und sie weint zum erstenmal,
Sinkt zu seinen Füßen nieder,
Nicht um Wollust noch Gewinst,
Ach! und die gelenken Glieder,
Sie versagen allen Dienst.
Und so zu des Lagers vergnüglicher Feier
Bereiten den dunklen, behaglichen Schleier
Die nächtlichen Stunden, das schöne Gespinst.
Spät entschlummert unter Scherzen,
Früh erwacht nach kurzer Rast,
Findet sie an ihrem Herzen
Tot den vielgeliebten Gast.
Schreiend stürzt sie auf ihn nieder;
Aber nicht erweckt sie ihn,
Und man trägt die starren Glieder
Bald zur Flammengrube hin.
Sie höret die Priester. die Totengesänge,
Sie raset und rennet und teilet die Menge.
»Wer bist du? Was drängt zu der Grube dich hin?«
Bei der Bahre stürzt sie nieder,
Ihr Geschrei durchdringt die Luft:
»Meinen Gatten will ich wieder!
Und ich such ihn in der Gruft.
Soll zu Asche mir zerfallen
Dieser Glieder Götterpracht?
Mein! er war es, mein vor allen!
Ach, nur Eine süße Nacht!«
Es singen die Priester: »Wir tragen die Alten,
Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
Wir tragen die Jugend, noch eh sies gedacht.
Höre deiner Priester Lehre:
Dieser war dein Gatte nicht.
Lebst du doch als Bajadere,
Und so hast du keine Pflicht.
Nur dem Körper folgt der Schatten
In das stille Totenreich;
Nur die Gattin folgt dem Gatten:
Das ist Pflicht und Ruhm zugleich. –
Ertöne, Drommete, zu heiliger Klage!
O nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage,
O nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!«
So das Chor, das ohn Erbarmen
Mehret ihres Herzens Not;
Und mit ausgestreckten Armen
Springt sie in den heißen Tod.
Doch der Götterjüngling hebet
Aus der Flamme sich empor,
Und in seinen Armen schwebet
Die Geliebte mit hervor.
Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;
Unsterbliche heben verlorene Kinder
Mit feurigen Armen zum Himmel empor.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Landschaft
Paul Verlaine
Im schwarzen Kraut
Kobolde gehn.
Im Windeswehn
Wird Weinen laut.
Was braut im Haugk?
Die Ähren rauschen.
Und Sträucher bauschen
Sich auf im Aug.
Wie Gruft-Gemäuer
Die Gäuser-Wand.
Der Himmels-Rand
Ist rot von Feuer!
Was regt sich da?
Die Schienen klirren.
Und Blicke irren:
Wo liegt Charleroi?
Grüche, schlimme!
Was mag das sein?
Was braust herein
Mit Donner-Stimme?
Land, herb wie Salz!
Und Ströme heiß
Von Menschen-Schweiß,
Schrei des Metalls!
Im schwarzen Kraut
Kobolde gehn.
Im Windeswehn
Wird Weinen laut.
(deutsch von Rolf Schilling)
ISBN der Quelle: 3926370106
Rubrik: Lebensweisheit
John Donne
Aus einem Schiff, das, brennend, offenbar
Nur durch Versenken noch zu löschen war,
Entkamen einige im Rettungs-Boot,
Doch schoß der Feind sie mit Kanonen tot.
So starben alle: Wer von Wasser troff,
Verbrannte, wer in Flammen stand, ersoff.
(deutsch von Rolf Schilling)
ISBN der Quelle: 3926370084
Rubrik: Winter
Timo Kölling
Schenke, entziehe die Huld,
wese an, bleibe aus;
berühre von innen
endlich das Herz.
Ewigkeit liebt
fast zu sehr das Gewende der Zeit:
vor dem Aufschein des
versprochenen Glanzes ändert
schnell der klaffende Blitz unsere Wege.
Ein Riss, nicht mehr zu heilen, geht
durch die Welt. Dezember
öffnet das Jahr, den Traum, das Grab, das wir sind.
Jetzt lichtern im Unheimlichen wir, ehren
den Send. Unsere Stätten liegen in großer
Schönheit befestigt im tiefen Gerüst; der süsse
Amra-Tropfen hüllt die Wüste.
Schenke, entziehe die Huld,
wese an, bleibe aus;
der Himmel, die Erde und wissende Augen
warten, innen, auf unsere Ankunft.
ISBN der Quelle: 3833403551
Rubrik: Dichter
Wolf von Aichelburg
Laßt ihn doch in Aeroplanen
Schweben über Wolkenmeeren!
Die das Hochgefühl nicht ahnen,
Solln sich nicht bei ihm beschweren.
Über Felsen laßt ihn klettern,
Wo sich kleine Echsen sonnen,
In den fessellosen Wettern
Spürt er panisch Schöpfungswonnen.
Selbst der Maulwurf, unverdossen,
Der gepflegte Rasen hügelt,
Weiß in ihm den Artgenossen,
Den kein Wohlverhalten zügelt.
Und er läßt auch gern den großen
Pan um Syrinx weiter klagen,
Denn er fühlt sich nicht verstoßen
Aus dem Bund der Lotophagen.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Herbst
Uwe Haubenreißer
Schatten und Scharlach. Mit moosigen Klauen
Krallt sich der Efeu in mürbes Gestein.
Einsame Gänge durch sterbende Auen,
Heimkehr am Abend. Es fiebert im Wein.
Knorrige Weiden im Nebelgrau triefen,
Nymphen beweinen verfallende Pracht,
Schwarz ruht der Weiher: in schwelende Tiefen
Sanken die todmüden Schwäne zur Nacht.
Himmel erfrieren. Wo Fittige gingen,
Bleicht öde Heimstatt, von Stürmen durchnässt.
Letzte der Schwalben mit kraftlosen Schwingen
Endet im dornigen Schlehengeäst.
Blätter verrotten auf schlammigen Wegen,
Ähren stehn falb, wo kein Eisen mehr schnitt –
Fernhin enteilen nach dunklern Gehegen
Späteste Schweifer mit lautlosem Tritt.
ISBN der Quelle: 392637036X
Rubrik: Frühling
Hugo von Hofmannsthal
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.
Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.
Er glitt durch die Flöte,
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten
Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.
ISBN der Quelle: 3150180368
Rubrik: Wetter
Friedrich Nietzsche
Ein Tanzlied
Mistral-Wind, du Wolken-Jäger,
Trübsal-Mörder, Himmels-Feger,
Brausender, wie lieb ich dich!
Sind wir zwei nicht Eines Schoßes
Erstlingsgabe, Eines Loses
Vorbestimmte ewiglich?
Hier auf glatten Felsenwegen
Lauf ich tanzend dir entgegen,
Tanzend, wie du pfeifst und singst:
Der du ohne Schiff und Ruder
Als der Freiheit freister Bruder
Über wilde Meere springst.
Kaum erwacht, hört ich dein Rufen,
Stürmte zu den Felsenstufen,
Hin zur gelben Wand am Meer.
Heil! da kamst du schon gleich hellen
Diamantnen Stromesschnellen
Sieghaft von den Bergen her.
Auf den ebnen Himmels-Tennen
Sah ich deine Rosse rennen,
Sah den Wagen, der dich trägt,
Sah die Hand dir selber zücken,
Wenn sie auf der Rosse Rücken
Blitzesgleich die Geißel schlägt, -
Sah dich aus dem Wagen springen,
Schneller dich hinabzuschwingen,
Sah dich wie zum Pfeil verkürzt
Senkrecht in die Tiefe stoßen, -
Wie ein Goldstrahl durch die Rosen
Erster Morgenröten stürzt.
Tanze nun auf tausend Rücken,
Wellen-Rücken, Wellen-Tücken -
Heil, wer neue Tänze schafft!
Tanzen wir in tausend Weisen.
Frei - sei unsre Kunst geheißen,
Fröhlich - unsre Wissenschaft!
Raffen wir von jeder Blume
Eine Blüte uns zum Ruhme
Und zwei Blätter noch zum Kranz!
Tanzen wir gleich Troubadouren
Zwischen Heiligen und Huren,
Zwischen Gott und Welt den Tanz!
Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muß mit Binden,
Angebunden, Krüppel-Greis,
Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,
Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,
Fort aus unsrem Paradeis!
Wirbeln wir den Staub der Straßen
Allen Kranken in die Nasen,
Scheuchen wir die Kranken-Brut!
Lösen wir die ganze Küste
Von dem Odem dürrer Brüste,
Von den Augen ohne Mut!
Jagen wir die Himmels-Trüber,
Welten-Schwärzer, Wolken-Schieber,
Hellen wir das Himmelreich!
Brausen wir ... o aller freien
Geister Geist, mit dir zu zweien
Braust mein Glück dem Sturme gleich. -
- Und daß ewig das Gedächtnis
Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis,
Nimm den Kranz hier mit hinauf!
Wirf ihn höher, ferner, weiter,
Stürm empor die Himmelsleiter,
Häng ihn - an den Sternen auf!
ISBN der Quelle: 3458333223
Rubrik: Süddeutschland
Rudolf Georg Binding
Bergeinsamkeit die du von blauen Thronen,
die Stirn mit Eis bewehrt, herüberschaust
und in die Täler wo die Menschen wohnen
die Kühle deiner Majestät herniedertaust,
du wartest still vor jenen Ewigkeiten,
die hinter dir, zu jenen andern hin
die aus den dunklen Seen aufwärts schreiten
und wie das Schicksal leise nach dem Reifen
und Zepter deiner starren Herrschaft greifen.
Und bist so jung doch noch und auch so bleich
wie eine neu erhobene Königin
die erstmals naht dem Thron in ihrem Reich.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Blumen
Johann Wolfgang von Goethe
Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sahs mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich wills nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Klassisches Altertum
Johann Mayrhofer
Dioskuren, Zwillingssterne,
Die ihr leuchtet meinem Nachen,
Mich beruhigt auf dem Meere
Eure Milde, euer Wachen.
Wer auch fest in sich begründet,
Unverzagt dem Sturm begegnet
Fühlt sich doch in euren Strahlen
Doppelt mutig und gesegnet.
Dieses Ruder, das ich schwinge,
Meeresfluten zu zerteilen,
Hänge ich, so ich geborgen,
Auf an eures Tempels Säulen,
Dioskuren, Zwillingssterne.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Musiker
Franz von Schober
Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,
Hast mich in eine beßre Welt entrückt!
Oft hat ein Seufzer, deiner Harf entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!
ISBN der Quelle:
Rubrik: Tiere
Christian Friedrich Daniel Schubart
In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil
Die launische Forelle
Vorüber wie ein Pfeil.
Ich stand an dem Gestade
Und sah in süßer Ruh
Des muntern Fischleins Bade
Im klaren Bächlein zu.
Ein Fischer mit der Rute
Wohl an dem Ufer stand,
Und sahs mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.
Doch endlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe,
Und eh ich es gedacht,
So zuckte seine Rute,
Das Fischlein zappelt dran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogene an.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Tod
Johann Mayrhofer
Wenn über Berge sich der Nebel breitet,
Und Luna mit Gewöken kämpft,
So nimmt der Alte seine Harfe, und schreitet,
Und singt waldeinwärts und gedämpft:
»Du heilge Nacht:
Bald ists vollbracht,
Bald schlaf ich ihn, den langen Schlummer,
Der mich erlöst von allem Kummer.«
Die grünen Bäume rauschen dann:
»Schlaf süß, du guter, alter Mann.«
Die Gräser lispeln wankend fort:
»Wir decken seinen Ruheort.«
Und mancher liebe Vogel ruft:
»O laßt ihn ruhn in Rasengruft!«
Der Alte horcht, der Alte schweigt,
Der Tod hat sich zu ihm geneigt.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Frühling
Johann Ludwig Uhland
Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und wehen Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.
Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden;
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
ISBN der Quelle: 3150030218
Rubrik: Deutschland
Wilhelm Müller
Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh, -
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.
Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such ich des Wildes Tritt.
Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern -
Gott hat sie so gemacht -
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!
Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad um deine Ruh,
Sollst meinen Tritt nicht hören -
Sacht, sacht die Türe zu!
Ich schreibe nur im Gehen
Ans Tor noch gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab ich gedacht.
ISBN der Quelle: 3150181216
Rubrik: Tiere
Wilhelm Müller
Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.
Krähe, wunderliches Tier,
Willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl, bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen?
Nun, es wird nicht weit mehr gehn
An dem Wanderstabe.
Krähe, laß mich endlich sehn,
Treue bis zum Grabe!
ISBN der Quelle: 3150181216
Rubrik: Tod
Wilhelm Müller
Was vermeid ich denn die Wege,
Wo die andern Wandrer gehn,
Suche mir versteckte Stege
Durch verschneite Felsenhöhn?
Habe ja doch nichts begangen,
Daß ich Menschen sollte scheun, –
Welch ein törichtes Verlangen
Treibt mich in die Wüstenein?
Weiser stehen auf den Straßen,
Weisen auf die Städte zu,
Und ich wandre sonder Maßen
Ohne Ruh und suche Ruh.
Einen Weiser seh ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muß ich gehen,
Die noch keiner ging zurück.
ISBN der Quelle: 3150181216
Rubrik: Germanen und Kelten
August von Platen
Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder,
Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider!
Und den Fluß hinauf, hinunter, ziehn die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.
Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben.
Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette,
Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf dem Pferde.
Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,
Daß die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe.
Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluß herbeigezogen:
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.
Und es sang ein Chor von Männern: »Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!«
Sangens, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere;
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!
ISBN der Quelle: 3458334130
Rubrik: Kreuzzüge
August von Platen
O Erde, nimm den Müden,
Den Lebensmüden auf,
Der hier im fernen Süden
Beschließt den Pilgerlauf!
Schon steh ich an der Grenze,
Die Leib und Seele teilt,
Und meine zwanzig Lenze
Sind rasch dahin geeilt.
Voll unerfüllter Träume,
Verwaist, in Gram versenkt,
Entfallen mir die Zäume,
Die dieses Reich gelenkt.
Ein Andrer mag es zügeln
Mit Händen minder schlaff,
Von diesen sieben Hügeln
Bis an des Nordens Haff!
Doch selbst im Seelenreiche
Harrt meiner noch die Schmach,
Es folgt der blassen Leiche
Begangner Frevel nach:
Vergebens mit Gebeten
Beschwör ich diesen Bann,
Und mir entgegen treten
Crescentius und Johann!
Doch nein! Die Stolzen beugte
Mein reuemütig Flehn;
Ihn, welcher mich erzeugte,
Ihn werd ich wiedersehn!
Nach welchem ich als Knabe
So oft vergebens frug:
An seinem frühen Grabe
Hab ich geweint genug.
Des deutschen Volks Berater
Umwandeln Gottes Thron:
Mir winkt der Ältervater
Mit seinem großen Sohn.
Und während, voll von Milde,
Die frommen Hände legt
Mir auf das Haupt Mathilde,
Steht Heinrich tiefbewegt.
Nun fühlt ich erst, wie eitel
Des Glücks Geschenke sind,
Wiewohl ich auf dem Scheitel
Schon Kronen trug als Kind!
Was je mir schien gewichtig,
Zerstiebt wie ein Atom:
O Welt, du bist so nichtig,
Du bist so klein, o Rom!
O Rom, wo meine Blüten
Verwelkt wie dürres Laub,
Dir ziemt es nicht, zu hüten
Den kaiserlichen Staub!
Die mir die Treue brachen,
Zerbrächen mein Gebein:
Beim großen Karl in Aachen
Will ich bestattet sein.
Die echten Palmen wehen
Nur dort um sein Panier:
Ihn hab ich liegen sehen
In seiner Kaiserzier.
Was durfte mich verführen,
Zu öffnen seinen Sarg?
Den Lorbeer anzurühren,
Der seine Schläfe barg?
O Freunde, laßt das Klagen,
Mir aber gebt Entsatz,
Und macht dem Leichenwagen
Mit euren Waffen Platz!
Bedeckt das Grab mit Rosen,
Das ich so früh gewann,
Und legt den tatenlosen
Zum tatenreichsten Mann!
ISBN der Quelle: 3458334130
Rubrik: Dichter
August von Platen
Wer ein schönes Lied erfunden,
Darf dich rühmen, darf dich preisen,
Weil nur er dich ganz empfunden,
Dich, den Glücklichen, den Weisen,
Der die Welt sich überwunden.
Quaken mag im Sumpfe dorten
Jenes tückische Gelichter,
Doch die Besten aller Orten
Bilden sich an deinen Worten,
Nennen dich den großen Dichter.
Jene Schiefen, jene Lahmen
Möchten gern auch dich ermüden,
Bieten feil im fremden Rahmen
Bodenlose Platitüden
Unter weltberühmtem Namen.
Aber jedem der Verächter,
Wenn auch du, gleich Göttern, schweigest,
Schallt des Volkes laut Gelächter,
Doch ein Jubel tönt, ein ächter,
Wenn dich auf dem Markte zeigest.
Als die Welt im Schwindel kreiste,
Irrtum tausendfach sich regte,
Daß er dies und jenes leiste,
Sahst du ruhig das Bewegte
Spiegeln sich in deinem Geiste.
Neidvoll wird die Nachwelt fragen,
Wenn du dich der Zeit entschwingest,
Wer sich nah dir dürfte wagen,
Dir von Mund zu Mund zu sagen:
Gerne hör ich, wenn du singest.
Wenn die Zeit auch viel bedrohte,
Wenn in Stratfords alten Hallen
Schläft der teure, große Tote,
Wenn der Kiel der Hand entfallen,
Welche schrieb den Don Quixote:
Du doch lebst, uns zu beglücken,
Der du beider Sein uns zeigest,
Beide würden mit Entzücken,
Wenn du sprichst, vor dir sich bücken,
Und ich horche, wenn du schweigest.
ISBN der Quelle: 3458334130
Rubrik: Mittelalter
Heinrich Heine
Auf dem Schloßhof zu Canossa
Steht der deutsche Kaiser Heinrich,
Barfuß und im Büßerhemde,
Und die Nacht ist kalt und regnicht.
Droben aus dem Fenster lugen
Zwo Gestalten, und der Mondschein
Überflimmert Gregors Kahlkopf
Und die Brüste der Mathildis.
Heinrich, mit den blassen Lippen,
Murmelt fromme Paternoster;
Doch im tiefen Kaiserherzen
Heimlich knirscht er, heimlich spricht er:
»Fern in meinen deutschen Landen
Heben sich die starken Berge,
Und im stillen Bergesschachte
Wächst das Eisen für die Streitaxt.
Fern in meinen deutschen Landen
Heben sich die Eichenwälder,
Und im Stamm der höchsten Eiche
Wächst der Holzstiel für die Streitaxt.
Du, mein liebes treues Deutschland,
Du wirst auch den Mann gebären,
Der die Schlange meiner Qualen
Niederschmettert mit der Streitaxt.«
ISBN der Quelle: 3257203837
Rubrik: Mittelalter
Theodor Körner
Noch harrte im heimlichen Dämmerlicht
Die Welt dem Morgen entgegen,
Noch erwachte die Erde vom Schlummer nicht;
Da begann sichs im Tale zu regen.
Und es klingt herauf wie Stimmengewirr,
Wie flüchtiger Hufschlag und Waffengeklirr,
Und tief aus dem Wald zum Gefechte
Sprengt ein Fähnlein gewappneter Knechte.
Und vorbei mit wildem Ruf fliegt der Troß,
Wie Brausen des Sturms und Gewitter,
Und voran auf feurig schnaubendem Roß
Fliegt Harras, der mutige Ritter.
Sie jagen, als gält es den Kampf um die Welt,
Auf heimlichen Wegen durch Flur und Feld,
Den Gegner noch heut zu erreichen
Und die feindliche Burg zu besteigen.
So stürmen sie fort in des Waldes Nacht
Durch den fröhlich aufglühenden Morgen;
Doch mit ihm ist auch das Verderben erwacht,
Es lauert nicht länger verborgen.
Denn plötzlich bricht aus dem Hinterhalt
Der Feind mit doppelt stärkrer Gewalt.
Der Kampf ist nicht zu vermeiden;
Die Schwerter entfliegen den Scheiden.
Wie der Wald dumpf donnernd wiederklingt
Von ihren gewaltigen Streichen!
Die Schwerter klirren, der Helmbusch winkt,
Und die schnaubenden Rosse steigen.
Aus tausend Wunden strömt schon das Blut;
Sie achtens nicht in des Kampfes Glut,
Und keiner will sich ergeben.
Denn Freiheit gilts oder Leben.
Doch dem Häuflein des Ritters wankt endlich die Kraft;
Der Übermacht muß es erliegen.
Das Schwert hat die meisten hinweggerafft;
Die Feinde, die mächtigen, siegen.
Unbezwingbar nur, eine Felsenburg,
Kämpft Harras noch und schlägt sich durch;
Zurück jagt der mutige Streiter.
Ihn verfolgen die feindlichen Reiter.
Doch flüchtig hat er des Weges nicht acht
Und verfehlt die kundigen Stege,
Jagt irrend umher in des Waldes Nacht,
Jagt irrend durch Flur und Gehege.
Er höret die Feinde hinter sich drein;
Da lenkt er tief in den Forst hinein,
Und zwischen den Zweigen wirds helle,
Und er sprengt zu der lichteren Stelle.
Hier steht er auf steiler Felsenwand,
Hört unten der Wogen Brausen;
Er steht an des Zschopautals schwindelndem Rand
Und blickt hinunter mit Grausen,
Und jenseits auf waldichten Bergeshöhn
Sieht er seine Feste schimmernd stehn;
Sie blickt ihm freundlich entgegen,
Und sein Herz pocht mit lauteren Schlägen.
Ihn ists, als wenns ihn hinüberrief;
Doch es fehlen ihm Schwingen und Flügel,
Und der Abgrund, wohl fünfzig Klafter tief,
Schreckt das Roß, und es schäumt in den Zügel;
Und schaudernd blickt er zur Tiefe hinab,
Und vor sich und hinter sich sieht er sein Grab;
Denn er hört, wie von allen Seiten
Ihn die feindlichen Scharen umreiten.
Jetzt sinnt er, ob Tod aus Feindes Hand,
Ob er Tod in den Wogen erwähle.
Dann sprengt er keck an des Felsen Rand
Und befiehlt dem Herrn seine Seele;
Und näher schon hört er der Feinde Troß.
Aber scheu vor dem Abgrund bäumt sich das Roß;
Doch er spornts, daß die Fersen bluten,
Und es setzt hinab in die Fluten.
Und der kühne, gräßliche Sprung gelingt;
Ihn beschützen höhre Gewalten.
Wenn auch das Roß zerschmettert versinkt,
Der Ritter ist wohl erhalten;
Er zerteilt die Wogen mit kräftiger Hand,
Und die Seinen stehn an des Ufers Rand
Und begrüßen freudig den Schwimmer
Gott verläßt den Mutigen nimmer.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Mittelalter
Aloys Schreiber
Meister Oluf, der Schmied auf Helgoland,
Verläßt den Amboß um Mitternacht.
Es heulet der Wind am Meeresstrand,
Da pocht es an seiner Türe mit Macht.
»Heraus, heraus, beschlag mir mein Roß,
Ich muß noch weit, und der Tag ist nah!«
Meister Oluf öffnet der Türe Schloß,
Und ein stattlicher Reiter steht vor ihm da.
Schwarz ist sein Panzer, sein Helm und Schild;
An der Hüfte hängt ihm ein breites Schwert.
Sein Rappe schüttelt die Mähne gar wild
Und stampft mit Ungeduld die Erd!
»Woher so spät? Wohin so schnell?«
»In Norderney kehrt ich gestern ein.
Mein Pferd ist rasch, die Nacht ist hell,
Vor der Sonne muß ich in Norwegen sein!«
»Hättet Ihr Flügel, so glaubt ichs gern!«
»Mein Rappe, der läuft wohl mit dem Wind.
Doch bleichet schon da und dort ein Stern.
Drum her mit dem Eisen und mach geschwind!«
Meister Oluf nimmt das Eisen zur Hand,
Es ist zu klein, da sehnt es sich aus.
Und es wächst um des Hufes Rand,
Da ergreifen den Meister Bang und Gras.
Der Reiter sitzt auf, es klirrt sein Schwert:
»Nun, Meister Oluf, gute Nacht!
Wohl hast du beschlagen Odins Pferd;
Ich eile hinüber zur blutigen Schlacht.«
Der Rappe schießt fort über Land und Meer,
Um Odins Haupt erglänzet ein Licht.
Zwölf Adler fliegen hinter ihm her;
Sie fliegen schnell und erreichen ihn nicht.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Lebenslauf
Friedrich Leopold zu Stolberg
Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.
Über den Wipfeln des westlichen Haines
Winket uns freundlich der rötliche Schein,
Unter den Zweigen des östlichen Haines
Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Atmet die Seel im errötenden Schein.
Ach, es entschwindet mit tauigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlendem Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Blumen
Gottfried Benn
Astern - schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.
Noch einmal die goldenen Herden,
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?
Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,
Noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht:
Die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.
ISBN der Quelle: 3608934499
Rubrik: Klassisches Altertum
Gottfried Benn
Die Nike opfert - was enthält die Schale:
Blut oder Wein - ist das ein Siegesschluß,
wenn sie am Abend sich vom Liebesmahle
erhebt und schweigt und steht und opfern muß?
Sie senkt auf dieser attischen Lekythe
die Stirn, hat Pfeil und Messer abgetan,
wo blickt sie hin, erblickt sie schon die Mythe
vom Heiligen mit Pfeil: - Sebastian?
Sie schlug mit Zeus die Heere der Titanen
und stieß den Fels gen Kronos in der Schlacht,
Apollon, Kore zogen dann die Bahnen -
wem opfert sie - was sieht sie in der Nacht?
ISBN der Quelle: 3608934499
Rubrik: Lebensweisheit
Gottfried Benn
Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?
Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
dein fernbestimmtes: Du mußt.
Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.
ISBN der Quelle: 3608934499
Rubrik: Nordsee
Otto Ernst
Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht mans gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sichs der Abgrund.
Nis Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: »Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.«
Da fasst ihn die Mutter: »Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich wills, deine Mutter!
Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!«
Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
»Und seine Mutter?«
Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.
Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz! ...
Wie lange? Wie lange?
Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.
Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des anderen springt
Mit stampfenden Hufen!
Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es! Sie kommen!
Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...
Still - ruft da nicht einer? - Er schreits durch die Hand:
»Sagt Mutter, s ist Uwe!«
ISBN der Quelle:
Rubrik: Lebenslauf
Friedrich Hölderlin
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde ?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
ISBN der Quelle: 3458169504
Rubrik: Lebenslauf
Friedrich Hölderlin
Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen !
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heilige, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt !
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
ISBN der Quelle: 3458169504
Rubrik: Bäume
Friedrich Hölderlin
Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt und erzog, und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Untereinander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen!
ISBN der Quelle: 3458169504
Rubrik: Wald
Conrad Ferdinand Meyer
In den Wald bin ich geflüchtet,
Ein zu Tod gehetztes Wild,
Da die letzte Glut der Sonne
Längs den glatten Stämmen quillt.
Keuchend lieg ich. Mir zu Seiten
Blutet, siehe, Moos und Stein -
Strömt das Blut aus meinen Wunden?
Oder ists der Abendschein?
ISBN der Quelle: 3150098858
Rubrik: Tiere
Conrad Ferdinand Meyer
Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weisse Bahn beschreibend,
Und zugleich in grünem Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Dass sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer als hoch in Lüften oben,
Dass sich völlig glichen Trug und Wahrheit.
Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
Schein und Wesen so verwandt zu schauen,
Und ich fragte mich, am Strand verharrend,
Ins gespenstische Geflatter starrend:
Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?
ISBN der Quelle: 3150098858
Rubrik: Mittelalter
Conrad Ferdinand Meyer
Dein Bogen, grauer Zeit entstammt
Steht manch Jahrhundert ausser Amt;
Ein neuer Bau ragt über dir:
Dort fahren sie! Du feierst hier.
Die Strasse, die getragen du,
Deckt Wuchs und rote Blüte zu!
Ein Nebel netzt und tränkt dein Moos,
Er dampft aus dumpfem Reussgetos.
Mit einem luftgewobnen Kleid
Umschleiert dich Vergangenheit,
Und statt des Lebens geht der Traum
Auf deines Pfades engem Raum.
Das Carmen, das der Schüler sang,
Träumt noch im Felsenwiderklang,
Gewieher und Drommetenhall
Träumt und verdröhnt im Wogenschwall.
Du warst nach Rom der arge Weg,
Der Kaiser ritt auf deinem Steg,
Und Parricida, frevelblass
Ward hier vom Staub der Welle nass!
Du brachtest nordwärts manchen Brief,
Drin römische Verleumdung schlief,
Auf dir mit Söldnern beuteschwer
Schlich Pest und schwarzer Tod daher!
Vorbei! Vorüber ohne Spur!
Du fielest heim an die Natur,
Die dich umwildert, dich umgrünt,
Vom Tritt des Menschen dich entsühnt!
ISBN der Quelle: 3150098858
Rubrik: Landschaft
Conrad Ferdinand Meyer
Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfliesst
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
ISBN der Quelle: 3150098858
Rubrik: Mittelalter
Conrad Ferdinand Meyer
Der Kaiser spricht zu Ritter Hug:
»Du hast für mich dein Schwert verspellt.
Des Eisens ist bei mir genug,
Geh, wähl dir eins, das dir gefällt!«
Hug schreitet durch den Waffensaal,
Wo stets der graue Schaffner sitzt.
»Der Kaiser gibt mir freie Wahl
Aus allem, was da hangt und blitzt!«
Er prüft und wägt. Von ihrem Ort
Langt er die Schwerter mannigfalt -
»Sprich wessen ist das grosse dort,
Gewaltig, heidnisch, ungestalt?«
»Des Würgers Etzel!« flüstert scheu
Der Graue, der es hält in Hut.
»Des Hunnenkönigs! Meiner Treu,
So lechzt und dürstet es nach Blut!«
»Lass ruhn. Es hat genug gewürgt!
Die tote Wut erwecke nicht!«
»Gib her! Dem ist der Sieg verbürgt,
Der mit dem Schwert des Hunnen ficht!«
Und wieder sprengt er in den Kampf.
»Du hast dich lange nicht geletzt,
Schwert Etzels, an des Blutes Dampf!
Drum freue dich und trinke jetzt!«
Er schwingt es weit, er mäht und mäht,
Und Etzels Schwert, es schwelgt und trinkt,
Bis müd die Sonne niedergeht
Und hinter rote Wolken sinkt.
Als längst er schon im Mondlicht braust,
Wird ihm der Arm vom Schlagen matt.
Er frägt das Schwert in seiner Faust:
»Schwert Etzels, bist noch nicht du satt?
Lass ab! Heut ist genug getan!«
Doch weh, es weiss von keiner Rast,
Es hebt ein neues Morden an
Und trifft und frisst, was es erfasst.
»Lass ab!« Es zuckt in grauser Lust,
Der Ritter stürzt mit seinem Pferd
Und jubelnd sticht ihn durch die Brust
Des Hunnen unersättlich Schwert.
ISBN der Quelle: 3150098858
Rubrik: Mittelalter
Stefan George
Die lichte zucken auf in der kapelle.
Der edelknecht hat drinnen einsam wacht
Nach dem gesetze vor altares schwelle
»Ich werde bei des nahen morgens helle
Empfangen von der feierlichen pracht
Durch einen schlag zur ritterschar erkoren ·
Nachdem der kindheit sang und sehnen schwieg
Dem strengen dienste widmen wehr und sporen
Und streiter geben in dem guten krieg.
Ich muß mich würdig rüsten zu der wahl ·
Zur weihe meines unbefleckten schwertes
Vor meines gottes zelt und diesem mal ·
Dem zeugnis echten heldenhaften wertes.«
Da lag der ahn in grauen stein gehauen ·
Um ihn der schlanken wölbung blumenzier
Die starren finger faltend im vertrauen ·
Auf seiner brust gebreitet ein panier ·
Den blick verdunkelt von des helmes klappen –
Ein cherub hält mit hocherhobner schwinge
Zu häupten ihm den schild mit seinem wappen ·
In glattem felde die geflammte klinge.
Der jüngling bittet brünstig Den da oben
Und bricht gelernten spruches enge schranken
Die hände fromm vors angesicht geschoben ·
Da wurde unvermerkt in die gedanken
Ihm eine irdische gestalt verwoben:
»Sie stand im garten bei den rosmarinen
Sie war viel mehr ein kind als eine maid ·
In ihrem haare goldne flocken schienen
Sie trug ein langes sternbesticktes kleid.«
Ein schauer kommt ihn an · er will erschrocken
Dem bild das ihm versuchung dünkt entweichen ·
Er gräbt die bände in die vollen locken
Und macht das starke bösemferne zeichen ·
In seine wange schießt es rot und warm ·
Die kerzen treffen ihn mit graden blitzen ·
Da sieht er auf der Jungfrau schoße sitzen
Den Welt-erlöser offen seinen arm.
»Ich werde diener sein in deinem heere
Es sei kein andres streben in mir wach ·
Mein leben folge fortab deiner lehre ·
Vergib wenn ich zum letzten male schwach.«
Aus des altares weißgedeckter truhe
Flog ein schwarm von engelsköpfen aus ·
Es floß bei ferner orgel heilgem braus
Des Tapfren einfalt und des Toten ruhe
Zu weiter klarheit durch das ganze haus.
ISBN der Quelle: 345834778X
Rubrik: Schwermut
Johann Wolfgang von Goethe
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach, der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Lebensweisheit
Johann Wolfgang von Goethe
Arm am Beutel, krank am Herzen
Schleppt ich meine langen Tage.
Armut ist die größte Plage,
Reichtum ist das höchste Gut!
Und, zu enden meine Schmerzen,
Ging ich, einen Schatz zu graben.
Meine Seele sollst du haben!
Schrieb ich hin mit eignem Blut.
Und so zog ich Kreis um Kreise,
Stellte wunderbare Flammen,
Kraut und Knochenwerk zusammen:
Die Beschwörung war vollbracht.
Und auf die gelernte Weise
Grub ich nach dem alten Schatze
Auf dem angezeigten Platze;
Schwarz und stürmisch war die Nacht.
Und ich sah ein Licht von weiten,
Und es kam gleich einem Sterne
Hinten aus der fernsten Ferne,
Eben als es zwölfe schlug.
Und da galt kein Vorbereiten;
Heller wards mit einem Male
Von dem Glanz der vollen Schale,
Die ein schöner Knabe trug.
Holde Augen sah ich blinken
Unter dichtem Blumenkranze;
In des Trankes Himmelsglanze
Trat er in den Kreis herein.
Und er hieß mich freundlich trinken;
Und ich dacht: es kann der Knabe
Mit der schönen lichten Gabe
Wahrlich nicht der Böse sein.
Trinke Mut des reinen Lebens!
Dann verstehst du die Belehrung,
Kommst mit ängstlicher Beschwörung
Nicht zurück an diesen Ort.
Grabe hier nicht mehr vergebens!
Tages Arbeit, Abends Gäste!
Saure Wochen, frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Landschaft
Joseph Freiherr von Eichendorff
I
Es geht wohl anders, als du meinst:
Derweil du rot und fröhlich scheinst,
Ist Lenz und Sonnenschein verflogen,
Die liebe Gegend schwarz umzogen;
Und kaum hast du dich ausgeweint,
Lacht alles wieder, die Sonne scheint -
Es geht wohl anders, als man meint.
II
Herz, in deinen sonnenhellen
Tagen halt nicht karg zurück!
Allwärts fröhliche Gesellen
Trifft der Frohe und sein Glück.
Sinkt der Stern: alleine wandern
Magst du bis ans End der Welt -
Bau du nur auf keinen andern
Als auf Gott, der Treue hält.
III
Was willst auf dieser Station
So breit dich niederlassen?
Wie bald nicht bläst der Postillon,
Du mußt doch alles lassen.
IV
Die Lerche grüßt den ersten Strahl,
Daß er die Brust ihr zünde,
Wenn träge Nacht noch überall
Durchschleicht die tiefen Gründe.
Und du willst, Menschenkind, der Zeit
Verzagend unterliegen?
Was ist dein kleines Erdenleid?
Du mußt es überfliegen!
V
Der Sturm geht lärmend um das Haus,
Ich bin kein Narr und geh hinaus,
Aber bin ich eben draußen,
Will ich mich wacker mit ihm zausen.
VI
Ewig muntres Spiel der Wogen!
Viele hast du schon belogen,
Mancher kehrt nicht mehr zurück.
Und doch weckt das Wellenschlagen
Immer wieder frisches Wagen,
Falsch und lustig wie das Glück.
VII
Der Wandrer, von der Heimat weit,
Wenn rings die Gründe schweigen,
Der Schiffer in Meeres Einsamkeit,
Wenn die Stern aus den Fluten steigen:
Die beide schauern und lesen
In stiller Nacht,
Was sie nicht gedacht,
Da es noch fröhlicher Tag gewesen.
ISBN der Quelle: 345817365X
Rubrik: Lebensweisheit
Nikolaus Lenau
Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.
Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.
Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.
Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.
An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.
Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet.
Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.
ISBN der Quelle: 3458336869
Rubrik: Jahreslauf
August von Platen
Wie rafft ich mich auf in der Nacht, in der Nacht,
Und fühlte mich fürder gezogen,
Die Gassen verließ ich, vom Wächter bewacht,
Durchwandelte sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Das Tor mit dem gotischen Bogen.
Der Mühlbach rauschte durch felsigen Schacht,
Ich lehnte mich über die Brücke,
Tief unter mir nahm ich der Wogen in acht,
Die wallten so sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Doch wallte nicht eine zurücke.
Es drehte sich oben, unzählig entfacht,
Melodischer Wandel der Sterne,
Mit ihnen der Mond in beruhigter Pracht,
Sie funkelten sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Durch täuschend entlegene Ferne.
Ich blickte hinauf in der Nacht, in der Nacht,
Ich blickte hinunter aufs neue:
O wehe, wie hast du die Tage verbracht!
Nun stille du sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Im pochenden Herzen die Reue!
ISBN der Quelle: 3458334130
Rubrik: Treue
August von Platen
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen,
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!
Ach, er möchte wie ein Quell versiegen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!
ISBN der Quelle: 3458334130
Rubrik: Dichter
Stefan George
Schweige die klage!
Was auch der neid
Zu den gütern beschied.
Suche und trage
Und über das leid
Siege das lied!
So will es die lehre.
Er tat es in ehre
Schon wieder ein jahr.
Der ost wie der süd
Ein täuscher ihm war
Und nun ist er müd.
Am fuss einer eiche
Da schuf er ein grab
Für mantel und stab ·
Sie wurden zur leiche:
Nun rüst ich zur fahrt
Von fröhlicher art.
Dann brach der damm
Verhaltenen quellen ·
Sein auge ward feucht
Er stöhnte .. mir deucht
Ich soll auch am stamm
Meine leier zerschellen.
ISBN der Quelle: 345834778X
Rubrik: Sommer
Rainer Maria Rilke
Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.
Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiss, dass eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: -
der ist vergangen wie ein alter Mann.
Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.
ISBN der Quelle: 3458173331
Rubrik: Lebensweisheit
Rainer Maria Rilke
Ich habe viele Brüder in Soutanen
im Süden, wo in Klöstern Lorbeer steht.
Ich weiß, wie menschlich sie Madonnen planen
und träume oft von jungen Tizianen,
durch die der Gott in Gluten geht.
Doch wie ich mich auch in mich selber neige:
mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe
von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.
Nur, daß ich mich aus seiner Wärme hebe,
mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige
tief unten ruhn und nur im Winde winken.
ISBN der Quelle: 3458173331
Rubrik: Lebenslauf
Rainer Maria Rilke
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
ISBN der Quelle: 3458173331
Rubrik: Lebensweisheit
Johann Wolfgang von Goethe
Sag es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Lebensweisheit
Johann Wolfgang von Goethe
Lasset Gelehrte sich zanken und streiten,
streng und bedächtig die Lehrer auch sein!
Alle die Weisesten aller Zeiten
lächeln und winken und stimmen mit ein:
Töricht auf Besserung der Toren zu harren!
Kinder der Klugheit, o habet die Narren
eben zum Narren auch, wie sich’s gehört!
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Zwiespalt
Joseph Freiherr von Eichendorff
Dämmrung will die Flügel spreiten
Schaurig rühren sich die Bäume
Wolken ziehn wie schwere Träume -
Was will dieses Graun bedeuten?
Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.
Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.
Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren -
Hüte dich, bleib wach und munter!
ISBN der Quelle: 345817365X
Rubrik: Klassisches Altertum
Friedrich Schiller
Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
»Dies alles ist mir untertänig,«
Begann er zu Ägyptens König,
»Gestehe, dass ich glücklich bin.«
»Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deinesgleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
Doch einer lebt noch, sich zu rächen;
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
Solang des Feindes Auge wacht.«
Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesendet,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
»Lass, Herr, des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar!
»Getroffen sank dein Feind vom Speere,
Mich sendet mit der frohen Märe
Dein treuer Feldherr Polydor -«
Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
Ein wohl bekanntes Haupt hervor.
Der König tritt zurück mit Grauen.
»Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen«,
Versetzt er mit besorgtem Blick.
»Bedenk, auf ungetreuen Wellen,
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen,
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.«
Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Reede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen,
Kehrt zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.
Der königliche Gast erstaunet:
»Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand!
Der Kreter waffenkundge Scharen
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
Schon nahe sind sie diesem Strand.«
Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht mans von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: »Sieg!
Von Feindesnot sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg!«
Das hört der Gastfreund mit Entsetzen:
»Fürwahr, ich muss dich glücklich schätzen,
Doch«, spricht er, »zittr ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide:
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.
Auch mir ist alles wohl geraten,
Bei allen meinen Herrschertaten
Begleitet mich des Himmels Huld;
Doch hatt ich einen teuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah in sterben,
Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.
Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Dass sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun.
Und wenns die Götter nicht gewähren,
So acht auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her,
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergetzen,
Das nimm und wirfs in dieses Meer!«
Und jener spricht, von Furcht beweget:
»Von allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinnen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen -«
Und wirft das Kleinod in die Flut.
Und bei des nächsten Morgens Lichte,
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
»Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen,
Dir zum Geschenke bring ich ihn.«
Und als der Koch den Fisch zerteilet,
Kommt er bestürzt herbeigeeilet
Und ruft mit hocherstauntem Blick:
»Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
Ihn fand ich in des Fisches Magen,
O, ohne Grenzen ist dein Glück!«
Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
»So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
Die Götter wollen dein Verderben -
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.«
Und sprachs und schiffte schnell sich ein.
ISBN der Quelle: 3458172351
Rubrik: Naturgeister
Annette von Droste-Hülshoff
O schaurig ists übers Moor zu gehn,
wenn es wimmelt vom Heiderauche,
sich wie Phantome die Dünste drehn
und die Ranke häkelt am Strauche,
unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
wenn aus der Spalte es zischt und singt,
o schaurig ists übers Moor zu gehn,
wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die Fibel das zitternde Kind
und rennt, als ob man es jage;
hohl über die Fläche sauset der Wind -
was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
der dem Meister die besten Torfe verzecht;
hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.
Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
unheimlich nicket die Föhre,
der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
durch Riesenhalme wie Speere;
und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
das ist die gebannte Spinnlenor,
die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran! nur immer im Lauf,
voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
es pfeift ihm unter den Sohlen
wie eine gespenstige Melodei;
das ist der Geigemann ungetreu,
das ist der diebische Fiedler Knauf,
der den Hochzeitheller gestohlen!
Da birst das Moor, ein Seufzer geht
hervor aus der klaffenden Höhle;
weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
»Ho, ho, meine arme Seele!«
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
seine bleichenden Knöchelchen fände spät
ein Gräber im Moorgeschwele.
Da mählich gründet der Boden sich,
und drüben, neben der Weide,
die Lampe flimmert so heimatlich,
der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre wars fürchterlich,
O schaurig wars in der Heide!
ISBN der Quelle: 3458327924
Rubrik: Tod
Theodor Fontane
Das Dorf ist still, still ist die Nacht,
Die Mutter schläft, die Tochter wacht,
Sie deckt den Tisch, sie deckt für zwei,
Und sehnt die Mitternacht herbei.
Wem gilt die Unruh? wem die Hast?
Wer ist der mitternächtge Gast?
Ob ihr sie fragt, sie kennt ihn nicht,
Sie weiß nur, was die Sage spricht.
Die spricht: Wenn wo ein Mädchen wacht
Um zwölf in der Silvesternacht,
Und wenn sie deckt den Tisch für zwei,
Gewahrt sie, wer ihr Künftger sei.
Und hätt ihn nie gesehn die Maid,
Und wär er hundert Meilen weit,
Er tritt herein und schickt sich an,
Und isst und trinkt, und scheidet dann. -
Zwölf schlägt die Uhr, sie horcht erschreckt,
Sie wollt, ihr Tisch wär ungedeckt,
Es überfällt sie Angst und Graun,
Sie will den Bräutigam nicht schaun.
Fort setzt der Zeiger seinen Lauf,
Niemand tritt ein, sie atmet auf,
Sie starrt nicht länger auf die Tür, -
Herr Gott, da sitzt er neben ihr.
Sein Aug ist glüh, blass sein Gesicht,
Sie sah ihn all ihr Lebtag nicht,
Er blitzt sie an, und schenket ein,
Und spricht: »Heut Nacht noch bist du mein.
Ich bin ein stürmischer Gesell,
Ich wähle rasch und freie schnell,
Ich bin der Bräutgam, du die Braut,
Und bin der Priester, der uns traut.«
Er fasst sie um, ein einzger Schrei,
Die Mutter hörts und kommt herbei;
Zu spät, verschüttet liegt der Wein,
Tot ist die Tochter und - allein.
ISBN der Quelle: 3458169024
Rubrik: Mittelalter
Friedrich Schiller
»Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.«
Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
»Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?«
Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmens und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
»Ist keiner, der sich hinunter waget?«
Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.
Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.
Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.
Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als gings in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.
Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und - ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.
Und stille wirds über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
»Hochherziger Jüngling, fahre wohl!«
Und hohler und hohler hört mans heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.
Und wärfst du die Krone selber hinein
Uns sprächst: Wer mir bringet die Kron,
Er soll sie tragen und König sein -
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.
Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab. -
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört mans näher und immer näher brausen.
Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.
Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sichs schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ists, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.
Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
»Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.«
Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:
»Lange lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ists fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.
Es riss mich hinunter blitzesschnell -
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindendelm Drehen
Trieb michs um, ich konnte nicht widerstehen.
Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfasst ich behänd und entrann dem Tod -
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.
Denn unter mir lags noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und obs hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wies von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt in dem furchtbaren Höllenrachen.
Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.
Und da hing ich und wars mit Grausen bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.
Und schaudernd dacht ichs, da krochs heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir - in des Schreckens Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.«
Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: »Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versuchst dus noch einmal und bringst mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.«
Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
»Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.«
Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
»Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.«
Da ergreifts ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin -
Da treibts ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.
Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall -
Da bückt sichs hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.
ISBN der Quelle: 3458172351
Rubrik: Tod
Gustav Falke
War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn,
Der hatte sich schwer vergangen.
Da sprach sein Herr: »Du bekommst deinen Lohn,
Morgen musst du hangen.«
Als das seiner Mutter kundgetan,
Auf die Erde fiel sie mit Schreien:
»O, lieber Herr Graf, und hört mich an,
Er ist der letzte von dreien.
Den ersten schluckte die schwarze See,
Seinen Vater schon musste sie haben,
Den andern haben in Schonens Schnee
Eure schwedischen Feinde begraben.
Und lasst Ihr mir den letzten nicht,
Und hat er sich vergangen,
Lasst meines Alters Trost und Licht
Nicht schmählich am Galgen hangen!«
Die Sonne hell im Mittag stand,
Der Graf saß hoch zu Pferde,
Das jammernde Weib hielt sein Gewand
Und schrie vor ihm auf der Erde.
Da rief er: »Gut, eh die Sonne geht,
Kannst du drei Äcker mir schneiden,
Drei Äcker Gerste, dein Sohn besteht,
Den Tod soll er nicht leiden.«
So trieb er Spott, gar hart gelaunt,
Und ist seines Weges geritten.
Am Abend aber, der Strenge staunt,
Drei Äcker waren geschnitten.
Was stolz im Halm stand über Tag,
Sank hin, er musst es schon glauben.
Und dort, was wars, was am Feldrand lag?
Sein Schimmel stieg mit Schnauben.
Drei Äcker Gerste ums Abendrot
Lagen in breiten Schwaden,
Daneben die Mutter, und die war tot.
So kam der Knecht zu Gnaden.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Neuzeit
Theodor Fontane
König Darnley liegt erschlagen,
Graf Bothwell hat es getan;
Sechs Lords von Schottland tragen
Die Leiche nach Sankt Alban,
Sie stellen bei Fackelscheine
Den Sarg an den Altar hin -
Von Trauernden fehlt nur eine,
Maria, die Königin.
Die sitzet daheim im Schlosse,
In funkelnder Nische des Saals,
Auf dem Sammetpfühl ihr Genosse
Ist der Mörder ihres Gemahls;
Dem Lande kleidet die Trauer,
Der Königin kleidet die Lust,
Kalt-heiße Wonneschauer
Durchrieseln ihre Brust.
Sie spricht verlockenden Schalles:
»Nun komm, und küsse dich rot,
Ich danke dir alles, alles,
Mein Leben und - seinen Tod;
O schau nicht so fragend und bange,
Schau lieber wie sonst mich an,
Leg ab die blasse Wange -
Getan ist, was getan.«
Die Kerzen brennen wie lüstern
Und geben schwülen Hauch,
Immer leiser wird das Flüstern,
Nun schweigt das Flüstern auch,
Ihr Atem lodert zusammen
Wie Glut und Glut sich mischt,
Bis mählich in Flackerflammen
So Lust wie Licht erlischt.
Still wirds; nur Mondeslichter
Durchhuschen noch bleich den Saal,
Es schlummern wie Totengesichter
Graf Bothwell und sein Gemahl.
Sie schlummern; des Windes Weise
Erstirbt im hohen Kamin,
An den Wänden, hastig-leise,
Schatten vorüberfliehn.
Und hastiger wird ihr Treiben,
Schon graut und dämmert der Tag,
Da schlägts an die klirrenden Scheiben
Wie flatternder Flügelschlag;
Auf fahren die zwei vom Kissen,
Verstört an Haar und Sinn;
Im Traume ward wach ihr Gewissen,
Und es murmelt die Königin:
»Hilf, Himmel, ich sah die Meinen
Landflüchtig, der Zügel beraubt,
Der fallenden Krone des einen
Nach rollte sein fallendes Haupt,
Und wie Donner durch meine Seele
Ging zürnend das alte Lied:
Ich räch alle Schuld und Fehle
Bis in das vierte Glied.«
Maria hat es gesprochen,
Graf Bothwell hört es kaum,
Seine Schläfen1) pulsen und pochen,
Er denkt an den eigenen Traum,
Er spricht unter Starren und Stocken:
»Sie grüßte, dann betete sie,
Ab schnitt ihr der Henker die Locken -
Ach, deine Locken, Marie.«
Graf Bothwell hat es gesprochen,
Maria hört ihn kaum,
Ihre Schläfen1) pulsen und pochen,
Sie denkt an den eigenen Traum,
Stumm blicken die Buhlergatten
Sich an so blass, so bang -
König Darnleys blutiger Schatten
Schreitet den Saal entlang.
ISBN der Quelle: 3458169024
Rubrik:
Emanuel Geibel
Wie bebte Königin Marie,
Als durchs geheime Pförtlein spat
Mit ungebognem Haupt und Knie
In ihr Gemach Graf Bothwell trat!
Ihr schön Gesicht ward leichenweiß;
Sie zuckt und sah ihn fragend an:
Er wischte von der Stirn den Schweiß
Und sagte dumpf: »Es ist getan.
Es ist getan, dein süßer Mund
War nicht für Buben solcher Art,
Heut Abend um die achte Stund
Hielt Heinrich Darnley Himmelfahrt.« -
Sie schrie empor: »Verzeih dir Gott!
Nimm all mein Gold, nimm hin und flieh!«
Da lacht er laut in grimmem Spott:
»Was soll mir Gold für Blut, Marie?
Ich liebe dich, und wenn ich mich
Der Höll ergab zu dieser Frist:
So wars um dich, allein um dich,
Weil du der schönste Teufel bist.
Die Hand, die einen König schlug,
greift auch nach einer Königin.«
Er riefs, und Graun in jedem Zug,
Starr wie ein Wachsbild sank sie hin.
Er hub sie auf; sie fühlt es nicht,
Dass ihr ins Fleisch sein Stahlhemd schnitt;
Ihr lockig Haupthaar wallte dicht
Um seine Schulter, wie er schritt.
Er stieß den Ring an ihre Hand,
Er schwang sie vor sich fest aufs Ross
Und jagt ins wetterschwüle Land
Hinaus mit ihr gen Dunbar-Schloss.
Schwarz war die Nacht, als wäre rings
Erloschen jeder Stern des Heils;
Nur manchmal in den Wolken gings
Gleichwie das Blitzen eines Beils.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Tod
Theodor Fontane
Ich ging übers Heidemoor allein,
Da hört ich zwei Raben kreischen und schrein;
Der eine rief dem andern zu:
»Wo machen wir Mittag, ich und du?«
»Im Walde drüben liegt unbewacht
Ein erschlagener Ritter seit heute Nacht,
Und niemand sah ihn im Waldesgrund,
Als sein Lieb und sein Falke und sein Hund.
Sein Hund auf neue Fährte geht,
Sein Falk auf frische Beute späht,
Sein Lieb ist mit ihrem Buhlen fort, -
Wir können in Ruhe speisen dort.«
»Du setzest auf seinen Nacken dich,
Seine blauen Augen, die sind für mich,
Eine goldene Locke aus seinem Haar
Soll wärmen das Nest uns nächstes Jahr.«
»Manch einer wird sprechen: Ich hatt ihn lieb!
Doch keiner wird wissen, wo er blieb,
Und hingehn über sein bleich Gebein
Wird Wind und Regen und Sonnenschein.«
ISBN der Quelle: 3458169024
Rubrik: Mittelalter
Börries von Münchhausen
Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm 1),
der Regen durchrauschte die Straßen,
und durch die Glocken und durch den Sturm
gellte des Urhorns Blasen.
Das Büffelhorn, das lange geruht,
Veit Stoßperg nahms aus der Lade,
das alte Horn, es brüllte nach Blut
und wimmerte: »Gott genade!«
Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft!
Der Bauer stund auf im Lande,
und tausendjährige Bauernkraft
macht Schild und Schärpe zu Schande!
Die Klingsburg hoch am Berge lag,
sie zogen hinauf in Waffen,
auframmte der Schmied mit einem Schlag
das Tor, das er fronend geschaffen.
Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht
und ein Spaten zwischen die Rippen -
er brachte das Schwert aus der Scheide nicht,
und nicht den Fluch von den Lippen.
Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft,
brach Balken, Bogen und Bande -
ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft:
Der Bauer stund auf im Lande!
ISBN der Quelle:
Rubrik: Naturgeister
Johann Wolfgang von Goethe
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau;
Es scheinen die alten Weiden so grau. -
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.« -
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -
Dem Vater grausets, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.
ISBN der Quelle: 3458173552
Rubrik: Klassisches Altertum
Uwe Lammla
Für Rolf Schilling
Muschel der Vorwelt, perlmutterne Woge des Goldes,
Liebling der Gaia, die seligster Stunde empfing,
Bist du das Ufer der Flut, wo sich Hohes und Holdes
Band und heraushob zum Schlüssel im ewigen Ring.
Sanftester Zephir, darin sich in lauterem Reigen
Kinder des Himmels, befiedert, der Schönheit allein
Als ihrer Herrin in heiterer Anmut verneigen,
Wirst du für immer die Perle des Ozeans sein.
Jungfrau, zu rein für die Worte der Preiser und Lober,
Birgst du dein Antlitz, gewoben aus lichtestem Dur,
Traumhin, daraus es den Gott wie der Rose Zinnober
Heilig erschreckt, der dein Auge im Drachen erfuhr.
Hort der Präludien, die niemals geboren vergingen,
Schwester der Gorgo in Uranus nächtlichem Dom,
Wurdest du Prüfung noch jedem, der anhebt zu singen,
Ob er Gelächter verfall oder Daphnes Arom.
Wie schon die Stummen, Korallen und Schwämme dich preisen,
Born, der das Lot in unendlicher Tiefe verliert!
Aber die Sonne vertauschte das Kupfer dem Eisen,
Gaia verschlingt, was sie maßlos und fruchtbar gebiert.
Trägst du dein Lichtspiel hinüber ins erzene Alter,
Wo dir der Mann wächst der rasch deine Unschuld gewinnt,
Oder verfällst du wie flammender Kerze der Falter,
Zeitlos Saturn, der nun wissend das Kostbarste minnt?
Frühtag, darum sich die Nacht als ein reines Vergessen
Schlang, als uns Lethe, noch nicht zu den Schatten verbannt,
Abhielt, am Tage die anderen Tage zu messen,
Hast du dein Wunder in dunkle Bereiche gewandt.
Sylphe, bereit mit dem Sinken des Lichts zu verlohen,
Insel des Glücks, auf den Karten der Segler verwischt,
Weichst du dem Maß und der männlichen Macht der Heroen,
Aber der Falter erwacht, wenn die Kerze erlischt.
Widder zerstampfen die Flur, ihre Schöße zu siegeln,
Falken begleiten den Sieger und Löwengebrüll,
Aber die Pforte zu dir wird das Schwert nicht entriegeln,
Liebe, zu groß, daß sie jemals ihr Schicksal erfüll.
Was die Olympier aus eigener Kraft nicht vermochten,
Sammelt die Sage, nachts heilig, am Tage verpönt,
Ihren Triumphen, die Menschen und Götter erfochten,
Gibst du die Trauer, die alles Vorkommene krönt.
Auch ihre Größe wird einst an den Ufern verfallen,
Wo sich die Sehnsucht verzehrt in Gebilden des Schaums,
Aber vor Weltaltern frei und Erwählte vor allen,
Bleibst du die Königin unter den Inseln des Traums.
ISBN der Quelle: 3926370270
Rubrik: Thüringen
Uwe Lammla
Auf, die Augen himmelwärts,
Hohen Muts durchs grüne Herz,
Am Kammweg lacht die Maiennacht.
Von der Werra bis zur Saale
Wolln wir wandern hundert Male,
Hörsel, Beerberg, Dreistromstein,
Sollen unsre Weiser sein.
Wer auf solcher Höhe fährt,
Sich nicht um Parteien schert,
Ob schwarz rot gelb, es bleibt dasselb.
Ob die Sachsen, ob die Hessen,
Hier wird aller Zank vergessen,
Unterm blauen Himmelsdom
Zeigt sich Gott auch ohne Rom.
Wie der Efeu rankt der Pfad,
Hier ist keine Zeit zuschad,
Der Sonnenstahl weiß keine Zahl,
Keine Glocke und kein Wecker,
Kein Gezeter, kein Gemecker,
Freiheit weiß die klare Luft
Und der Hagebuttenduft.
Dieses Land ist wieselflink,
Turmspitz grüßt mit Goldgeblink,
Wo engelleicht sich Glas erweicht.
Es zu gülden, es zu blasen,
Blähn sich Backen, schnaufen Nasen,
Luft wird Glanz und Kindertraum,
Heimelnd wie ein Faltersaum.
Müßig darf der Dichter sein,
Fuhrleut bringen Hopfen ein,
Das Buchenholz macht Schlösser stolz.
Auf der Ilm siehst du die Flößer,
Aus den Wolken grüßen Stößer,
Menschenwerk und Gottgedicht
Trennt der freie Thüring nicht.
Doch der harte Westwind weckt
Ein Geschlecht, das schamlos steckt
Die Himmelsmacht in Zins und Pacht.
Was da lebt, dient seinem Zwecke,
Und der Mensch bleibt auf der Strecke,
Arbeit, Würde, Eigensinn
Sinken vor den Geiern hin.
Eh sie nicht davongejagt,
Statt des Markts der Heiland sagt,
Ist nur der Floh hier frei und froh.
Trübsal herrscht in deuschen Landen,
Ganze Dörfer gehen zuschanden,
Bis ein schwerer Riegel fällt
Vor die Bank mit Teufelsgeld.
Wanderer im Frühwindswehn
Nimm vom Feind nicht Rat noch Lehn,
Verkauf kein Stück von deinem Glück.
Nur wenn sich dein Herz verweigert,
Fällt der Kurs, den er ersteigert,
Bleibst du rein in Freud und Weh,
Stürzt sein Turm aus Pappmaschee.
Reiches Feld, die Raine auch,
Himbeern prunken rot am Strauch,
Die Haselnuß spricht Überfluß,
Wie die Ziegen wolln wir springen
Wie die Amseln Lenz besingen,
Hämmern wie der bunte Specht
Wenn der Teufel sich erfrecht.
Singst du froh in Flur und Hain,
Will man dich dem Maulkorb weihn,
Es schweig der Schrat vorm Automat.
Selbst der Pfaff ist dir kein Lehrer,
Du vertraust dem Allzeit Mehrer,
Der uns hegt in Tag und Jahr,
Deutscher Himmel, hell und klar.
Such die höchsten Gipfel auf,
Dieser Weg zeigt sie zuhauf,
Der Rennsteigblick verlacht den Trick
Aller, die das Land betrügen,
Denn das Ohr findt sein Genügen,
Wo man spricht den deutschen Laut
Und auf Gottes Güte baut.
ISBN der Quelle: 3936455759
Rubrik: Dichter
Friedrich Rückert
Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh in einem stillen Gebiet!
Ich leb allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!
ISBN der Quelle: 3150036720
Rubrik: Mittelalter
Friedrich Rückert
Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterirdschen Schlosse
Hält er verzaubert sich.
Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt;
Er hat im Schloß verborgen
Zum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinabgenommen
Des Reiches Herrlichkeit,
Und wird einst wiederkommen,
Mit ihr, zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt:
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Kinn ausruht.
Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug halb offen zwinkt;
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.
Er spricht im Schlaf zum Knaben:
Geh hin vors Schloß, o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg.
Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr.
ISBN der Quelle: 3150036720
Rubrik: Lebenslauf
Friedrich Rückert
Es ging ein Mann im Syrerland,
Führt ein Kamel am Halfterband.
Das Tier mit grimmigen Gebärden
Urplötzlich anfing, scheu zu werden,
Und tat so ganz entsetzlich schnaufen,
Der Führer vor ihm mußt entlaufen.
Er lief und einen Brunnen sah
Von ungefähr am Wege da.
Das Tier hört er im Rücken schnauben,
Das mußt ihm die Besinnung rauben.
Er in den Schacht des Brunnens kroch,
Er stürzte nicht, er schwebte noch.
Gewachsen war ein Brombeerstrauch
Aus des geborstnen Brunnens Bauch;
Daran der Mann sich fest tat klammern,
Und seinen Zustand drauf bejammern.
Er blickte in die Höh, und sah
Dort das Kamelhaupt furchtbar nah,
Das ihn wollt oben fassen wieder.
Dann blickt er in den Brunnen nieder;
Da sah am Grund er einen Drachen
Aufgähnen mit entsperrten Rachen,
Der drunten ihn verschlingen wollte,
Wenn er hinunterfallen sollte.
So schwebend in der beiden Mitte
Da sah der Arme noch das Dritte.
Wo in die Mauerspalte ging
Des Sträuchleins Wurzel, dran er hing,
Da sah er still ein Mäusepaar,
Schwarz eine, weiß die andere war.
Er sah die schwarze mit der weißen
Abwechselnd an der Wurzel beißen.
Sie nagten, zausten, gruben, wühlten,
Die Erd ab von der Wurzel spülten;
Und wie sie rieselnd niederrann,
Der Drach im Grund aufblickte dann,
Zu sehn, wie bald mit seiner Bürde
Der Strauch entwurzelt fallen würde.
Der Mann in Angst und Furcht und Not,
Umstellt, umlagert und umdroht,
Im Stand des jammerhaften Schwebens,
Sah sich nach Rettung um vergebens.
Und, da er also um sich blickte,
Sah er ein Zweiglein, welches nickte
Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren;
Da konnt er doch der Lust nicht wehren.
Er sah nicht des Kameles Wut,
Und nicht den Drachen in der Flut,
Und nicht der Mäuse Tückespiel,
Als ihm die Beer ins Auge fiel.
Er ließ das Tier von oben rauschen,
Und unter sich den Drachen lauschen,
Und neben sich die Mäuse nagen,
Griff nach den Beerlein mit Behagen,
Sie däuchten ihm zu essen gut,
Aß Beer auf Beerlein wohlgemut,
Und durch die Süßigkeit im Essen
War alle seine Furcht vergessen.
Du fragst: Wer ist der töricht Mann,
Der so die Furcht vergessen kann?
So wiß, o Freund, der Mann bist du;
Vernimm die Deutung auch dazu.
Es ist der Drach im Brunnengrund
Des Todes aufgesperrter Schlund;
Und das Kamel, das oben droht,
Es ist des Lebens Angst und Not.
Du bists, der zwischen Tod und Leben
Am grünen Strauch der Welt muß schweben.
Die beiden, so die Wurzel nagen,
Dich samt den Zweigen, die dich tragen,
Zu liefern in des Todes Macht,
Die Mäuse heißen Tag und Nacht.
Es nagt die schwarze wohl verborgen
Vom Abend heimlich bis zum Morgen,
Es nagt vom Morgen bis zum Abend
Die weiße, wurzeluntergrabend.
Und zwischen diesem Graus und Wust
Lockt dich der Beere Sinnenlust,
Daß du Kamel die Lebensnot
Daß du im Grund den Drachen Tod,
Daß du die Mäuse Tag und Nacht
Vergissest, und auf Nichts hast acht,
Als daß du recht viel Beerlein haschest
Aus Grabes Brunnenritzen naschest.
ISBN der Quelle: 3150036720
Rubrik: Neuzeit
Ernst Moritz Arndt
Hast du noch Lebensodem,
O Erde grün und schön,
Um die aus schwarzem Brodem
Nur finstre Nebel wehn,
Aus der blutwilde Horden
Brand, Mord und Zeter schrein
Und frech in Meuchelmorden
Der Freiheit Glanz entweihn?
Wie? sind dies deutsche Fahnen?
Die Farben roter Wut?
Will deutsche Kämpfe mahnen
Das Rot an Brust und Hut?
Wie? Rot der welschen Seine
Das mahnte deutschen Mut,
Für Wolf und für Hyäne,
Doch nicht für Deutsche gut?
Sind dies der Freiheit Gaben?
Ist dies der Freiheit Klang,
Von schwarzen Galgenraben
Der Mitternachtgesang?
Nein! nein! von Freiheitstötern
Des Blindschleichs Schlangenlist,
Wo unter grausen Zetern
Kein Laut der Freiheit ist.
Ist dies die deutsche Treue?
Trifft so das deutsche Schwert?
Springt so der deutsche Leue,
Der grad aufs Eisen fährt?
Mann steht den Mann, den Satan
Bestehen zwei und drei,
Doch sieht man solche That an,
So bricht das Herz inzwei.
Zwei Helden sind gefallen,
Nicht, wie der tapfre fällt
Bei hellen Trommelschallen
Aus blutgem Schlachtenfeld;
Sie haben andre Rosen
Weiland gepflückt im Streit:
Was war den Waffenlosen
Hier für ein Kampf bereit?
Mein Deutschland, Land der Treue!
Mein Deutschland! Land des Muts!
Wann löschet lange Reue
Die Flecken solches Bluts?
Den Mord, womit der Feige
Den Unbewehrten trifft?
O deutschen Ruhmes Neige!
O deutscher Ehre Gift!
O wehe, dreimal wehe!
Weh dieser düstern That!
Nein, meine Seele, gehe
Nie mit in solchen Rat!
Der Ruhm, den Mörder haschen,
Der werde nie mein Ruhm!
Ach, nimmer wegzuwaschen
Vom deutschen Heldentum!
ISBN der Quelle: 3615000048
Rubrik:
Ernst Moritz Arndt
Sind wir vereint zur guten Stunde
Wir starker deutscher Männerchor,
So dringt aus jedem frohen Munde
Die Seele zum Gebet hervor:
Denn wir sind hier in ernsten Dingen
Mit hehrem, heiligem Gefühl;
Drum muß die volle Brust erklingen
Ein volles helles Saitenspiel.
Wem soll der erste Dank erschallen?
Dem Gott, der groß und wunderbar
Aus langer Schande Nacht uns allen
In Flammen aufgegangen war,
Der unsrer Feinde Trotz zerblitzet,
Der unsre Kraft uns schön erneut
Und auf den Sternen waltend sitzet
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Wem soll der zweite Wunsch ertönen?
Des Vaterlandes Majestät!
Verderben allen, die es höhnen!
Glück dem, der mit ihm fällt und steht!
Es geh, durch Tugenden bewundert,
Geliebt durch Redlichkeit und Recht
Stolz von Jahrhundert zu Jahrhundert,
An Kraft und Ehren ungeschwächt!
Das Dritte, deutscher Männer Weide!
Am hellsten solls geklungen sein!
Die Freiheit heißet deutsche Freude,
Die Freiheit führt den deutschen Reihn;
Für sie zu leben und zu sterben,
Das flammt durch jede deutsche Brust,
Für sie um großen Tod zu werben
Ist deutsche Ehre, deutsche Lust.
Das Vierte – Hebt zur hehren Weihe
Die Hände und die Herzen hoch!
Es lebe alte deutsche Treue!
Es lebe deutscher Glaube hoch! –
Mit diesen wollen wirs bestehen,
Sie sind des Bundes Schild und Hort:
Fürwahr, es muß die Welt vergehen,
Vergeht das feste Männerwort.
Rückt dichter in der heilgen Runde,
Und klingt den letzten Jubelklang!
Von Herz zu Herz, von Mund zu Munde
Erbrause freudig der Gesang!
Das Wort, das unsern Bund geschürzet,
Das Heil, das uns kein Teufel raubt
Und kein Tyrannentrug uns kürzet,
Das sei gehalten und geglaubt!
ISBN der Quelle: 3615000048
Rubrik: Neuzeit
Ernst Moritz Arndt
Ihr schaut den deutschen Michel an?
Er trägt nicht mehr den Stamm der Tannen,
Doch ist er noch der wilde Mann,
Der nicht viel dannen fragt noch wannen,
Das Riesenkind im alten Traum,
Vor dessen Faust die Welt muß strauchen,
Und nimmt er sich den Weberbaum,
Er weiß wie weiland ihn zu brauchen.
Ihr schaut den deutschen Michel an?
O meinet nicht mit ihm zu scherzen,
Er ist noch heut der wilde Mann,
Der viel im Arm hat, mehr im Herzen.
Traut nicht zu viel auf seinen Traum,
Er träumet hart am Morgenthore,
Ein solcher Traum wird nimmer Schaum,
Er hat die volle Lichtaurore.
Ja, schaut euch nur den Michel an.
Er reibt die Augen zum Erwachen,
Ihm träumte, wie er ein Gespann
Von einem Riesen schlug und Drachen –
O schaut, wie ihm des Schlafes Sand
Vom lichtbestrahlten Auge fließet,
Wie er halb träumend mit der Hand
Wie durch die Lüfte Speere schießet.
Ja, schaut euch nur den Michel an,
Die Faust, das Herz, das Speereschießen,
Der schwere Schlaf gottlob wird dann
Auch euch wie ihm im Licht zerfließen –
Kommt, schaut den Traum, des Träumers Spiel,
Und traut nicht, daß er nur will spielen:
Weil er mit Geistern spielt zum Ziel,
So wird er desto schärfer zielen.
Ja, schaut euch nur den Michel an,
Und lernt im Michel euch erkennen,
Lernt mit dem deutschen starken Mann
Wie weiland für die Freiheit brennen,
Für deutsche Ehre, deutsches Recht,
Für deutsche Wahrheit, deutsche Freude –
Lernt das! dann weidet eur Geschlecht
Auch künftig mit auf deutscher Weide.
Ja, schaut den deutschen Michel an,
Was soll ich Fürsten Wahrheit fälschen? –
Zieht an den vollen deutschen Mann,
Werft weg den bunten Rock der Welschen,
Werft weg den welschen Lügenschein,
All eure welschen Feinereien –
Dann tritt der deutsche Held herein,
Der erste Freie unter Freien.
Ja, schaut den deutschen Michel an –
O wärt ihr ganz aus seinem Holze!
Gleich stünde da der ganze Mann,
Der Stille, Tapfre, Freie, Stolze,
Der winkte durch die Welt hinaus:
»Still, Moskowiter! still, Franzose!
Wir stehen fertig jedem Strauß
Und schütteln mutig rote Lose.«
Ja, schaut den deutschen Michel an,
Das Riesenkind mit Geisterträumen –
Nicht wird die Brandung, die begann,
In dünnem Wellenspiel verschäumen –
Mit ihm mit hellem Mut hinein,
Wie wild auch Sturm und Woge treiben!
So werdet ihr die ersten sein
Und Michel wird der Zweite bleiben.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Metall
Ernst Moritz Arndt
Gold schreit die feige Welt,
Und Gold macht feige Knechte,
Des Tapfern Herz verstellt
Und schwächt des Starken Rechte;
Für Gold mag keiner sterben,
Der nicht mehr leben darf,
Und edlen Ruhm zu werben
Machts nie den Degen scharf.
Drum preis ich das Metall,
Das schwarze braune Eisen,
Denn ohne Glanz und Schall
Es thut sich herrlich weisen,
Heilt mächtig alle Wunden,
Die jenes blanke macht;
Wär Eisen nicht gefunden,
Noch tappten wir in Nacht.
Es stellt den Pflug ins Land,
Die Erde zu bezwingen,
Es läßt das Schiff vom Strand
Auf schnellen Windesschwingen,
Baut Menschen feste Sitze
Und führt die Kunst ins Haus,
Und löscht des Donnrers Blitze
Mit einer Stange aus.
Und wann die Sitte flieht
Und Männerarm erschlaffen,
Wann Trug für Ehre blüht
Und Gold gebeut für Waffen,
Wann Despotismusjammer
Die Welt mit Schmach bedroht,
Dann schlägt aus ihm der Hammer
Sieg und Tyrannentod.
Dann wird es schöne Wehr,
Des Mannes Heil und Freude,
Als Schwert, als Schild, als Speer,
Als festes Brustgeschmeide
Macht es den Tritt der Braven
Den Knechten fürchterlich,
Wir wären alle Sklaven
Ohn Eisen ewiglich.
Und sieget Tyrannei
Und sinkt des Glückes Wage,
So macht es blutig frei
Mit einem tapfern Schlage,
Zerhaut die Schlangenknoten,
Die Trug und Feigheit flicht,
Und schickt die tapfern Toten
Empor zu Recht und Licht.
Bleib, Eisen, Männern hold,
Laß Knechte Gold begehren.
Wer deine Kraft gewollt,
Der wollte hohe Ehren,
Der wollte herrlich leben
Und herrlich untergehn.
Drum sei dir Preis gegeben,
O Eisen schwarz und schön!
ISBN der Quelle: 3615000048
Rubrik: Deutschland
Ernst Moritz Arndt
Deutsches Herz, verzage nicht,
Thu, was dein Gewissen spricht,
Dieser Strahl des Himmelslichts,
Thue recht und fürchte nichts.
Baue nicht auf bunten Schein,
Lug und Trug ist dir zu fein,
Schlecht gerät dir List und Kunst,
Feinheit wird dir eitel Dunst.
Doch die Treue ehrenfest
Und die Liebe, die nicht läßt,
Einfalt, Demut, Redlichkeit,
Stehn dir wohl, o Sohn vom Teut.
Wohl steht dir das grade Wort,
Wohl der Speer, der grade bohrt,
Wohl das Schwert, das offen ficht
Und von vorn die Brust durchsticht.
Laß den Welschen Meuchelei,
Du sei redlich, fromm und frei;
Laß den Welschen Sklavenzier,
Schlichte Treue sei mit dir.
Deutsche Freiheit, deutscher Gott,
Deutscher Glaube ohne Spott,
Deutsches Herz und deutscher Stahl
Sind vier Helden allzumal.
Diese stehn wie Felsenburg,
Diese fechten alles durch,
Diese halten tapfer aus
In Gefahr und Todesbraus.
Deutsches Herz, verzage nicht,
Thu, was dein Gewissen spricht,
Redlich folge seiner Spur,
Redlich hält es seinen Schwur.
ISBN der Quelle: 3615000048
Rubrik: Deutschland
Ernst Moritz Arndt
Zu den Waffen! zu den Waffen!
Als Männer hat uns Gott geschaffen,
Auf! Männer, auf! und schlaget drein!
Laßt Hörner und Trompeten klingen,
Laßt Sturm von allen Türmen ringen,
Die Freiheit soll die Losung sein!
Zu den Waffen! zu den Waffen!
Die Arme müssen sich erstraffen
Und stählern alle Brüste sein,
Voll Kraft und Mut und Wut der Leuen,
Bis wieder strömt in deutschen Treuen
Der deutsche Strom, der deutsche Rhein.
Zu den Waffen! zu den Waffen!
Zur Hölle mit den welschen Affen!
Das alte Land soll unser sein!
Kommt alle, welche Klauen haben,
Kommt, Adler, Wölfe, Krähen, Raben!
Wir laden euch zur Tafel ein.
Zu den Waffen! zu den Waffen!
Komm, Tod, und laß die Gräber klaffen!
Komm. Hölle, thu den Abgrund auf!
Heut schicken viele tausend Gäste
Wir hin zu Satans düsterm Neste
Heut hört die lange Schande auf.
Zu den Waffen! zu den Waffen!
Als Männer hat uns Gott geschaffen,
Weht, Fahnen, weht! Trompeten, klingt!
In deutscher Treue alle Brüder,
Hinein! Es kehret keiner wieder,
Der nicht den Sieg nach Hause bringt.
ISBN der Quelle: 3615000048
Rubrik: Deutschland
Ernst Moritz Arndt
Was ist des Deutschen Vaterland?
Ists Preußenland, ists Schwabenland?
Ists, wo am Rhein die Rebe blüht?
Ists, wo am Belt die Möve zieht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.
Was ist des Deutschen Vaterland?
Ists Bayerland, ists Steierland?
Ists, wo des Marsen Rind sich streckt?
Ists, wo der Märker Eisen reckt?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.
Was ist des Deutschen Vaterland?
Ists Pommerland, Westfalenland?
Ists, wo der Sand der Dünen weht?
Ists, wo die Donau brausend geht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.
Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
Ists Land der Schweizer? ists Tirol?
Das Land und Volk gefiel mir wohl;
Doch nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.
Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
Gewiß es ist das Österreich,
An Ehren und an Siegen reich?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.
Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
So weit die deutsche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder singt,
Das soll es sein!
Das, wackrer Deutscher, nenne dein!
Das ist des Deutschen Vaterland,
Wo Eide schwört der Druck der Hand,
Wo Treue hell vom Auge blitzt,
Und Liebe warm im Herzen sitzt –
Das soll es sein!
Das, wackrer Deutscher, nenne dein!
Das ist des Deutschen Vaterland,
Wo Zorn vertilgt den welschen Tand,
Wo jeder Franzmann heißet Feind,
Wo jeder Deutsche heißet Freund –
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!
O Gott vom Himmel sieh darein
Und gieb uns rechten deutschen Mut,
Daß wir es lieben treu und gut.
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!
ISBN der Quelle: 3615000048
Rubrik: Liebe
Achim von Arnim
Mir ist zu licht zum Schlafen,
Der Tag bricht in die Nacht,
Die Seele ruht im Hafen,
Ich bin so froh erwacht.
Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus,
Was ists, daß ich mich quäle
Ob sie auch fand ein Haus.
Sie hat es wohl gefunden
Auf ihren Lippen schön,
O welche selge Stunden,
Wie ist mir so geschehn!
Was soll ich nun noch sehen?
Ach, alles ist in ihr.
Was fühlen, was erflehen?
Es ward ja alles mir.
Ich habe was zu sinnen,
Ich hab, was mich beglückt:
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzückt.
ISBN der Quelle: 3596251125
Rubrik: Kindheit
Clemens Brentano
Oft war mir schon als Knaben alles Leben
Ein trübes träges Einerlei. Die Bilder,
Die auf dem Saal und in den Stuben hingen,
Kannt ich genau; ja selbst der Büchersaal,
Mit Sandrat, Merian, den Bilderbüchern,
Die ich kaum heben konnte, war verachtet,
Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet.
So, daß ich mich hin auf die Erde legte,
Und in des Himmels tausendförmgen Wolken,
Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen,
Den Wechsel eines flüchtgen Lebens suchte.
Kein lieber Spielwerk hatt ich, als ein Glas,
In dem mir alles umgekehrt erschien.
Ich saß oft stundenlang vor ihm, mich freuend,
Wie ich die Wolkenschäfchen an die Erde,
Und meines Vaters Haus, den ernsten Lehrer
Und all mein Übel an den Himmel bannte.
Recht sorgsam wich ich aus, in jenen Höhen
Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen.
Ich wollte damals alles umgestalten,
Und wußte nicht, daß Änderung unmöglich,
Wenn wir das Äußre, nicht das Innre wenden,
Weil alles Leben in der Waage schwebet,
Daß ewig das Verhältnis wiederkehret,
Und jeder, der zerstört, sich selbst zerstöret.
Dann lernt ich unsern Garten lieben, freute
Der Blüten mich, der Frucht, des goldnen Laubes
Und ehrte gern des Winters Silberlocken.
An einem Abend stand ich in der Laube,
Von der die Aussicht sich ins Tal ergießt,
Und sah, wie Tag und Nacht so mutig kämpften.
Die Wolken drängten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blutge Speere;
Es rollte leiser Donner in der Weite,
Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre
Von Tag zu Nacht, neigt sich zu jeder Seite;
Dann sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder.
Da fühlte ich in mir ein tiefes Sehnen
Nach jenem Wechsel der Natur, es glühte
Das Blut mir in den Adern, und ich wünschte
In einem Tage so den Frühling, Sommer,
Herbst, Winter, in mir selbst, und spann
So weite, weite Pläne aus, und drängte
Sie enge, enger nur in mir zusammen.
Der Tag war hinter Berge still versunken,
Ich wünschte jenseits auch mit ihm zu sein,
Weil er mir diesseits mit dem kalten Lehrer,
Und seinen Lehren, stets so leer erschien.
Der Ekel und die Mühe drückte mich,
Ich blickte rückwärts, sah ein schweres Leben,
Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter.
Dann wünscht ich mich mit allem, was ich Freude
Und wünschenswertes Glück genannt, zusammen
Vergehend in des Abendrotes Flammen.
Der Gärtner ging nun still an mir vorüber
Und grüßte mich, ein friedlich Liedchen sang er,
Von Ruhe nach der Arbeit, und dem Weibe,
Das freundlich ihm mit Speis und Trank erwarte.
Die Vöglein sangen in den dunkeln Zweigen,
Mit schwachen Stimmen ihren Abendsegen,
Und es begann sich in den hellen Teichen
Ein friedlich monotones Lied zu regen.
Die Hühner sah ich still zur Ruhe steigen,
Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen.
Und leise wehte durch die ruhge Weite,
Der Abendglocke betendes Geläute.
Da sehnt ich mich nach Ruhe nach der Arbeit,
Und träumte mancherlei von Einfachheit,
Von sehr bescheidnen bürgerlichen Wünschen.
Ich wußte nicht, daß es das Ganze war,
Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff.
Des Abends Glut zerfloß in weite Röte,
So löst der Mühe Glut auf unsern Wangen
Der Schlaf in heilig sanfte Röte auf.
Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wider,
Es ließ ein Leben ohne Kunst sich nieder,
Die hingegebne Welt löst sich in Küssen,
Und alle Sinne starben in Genüssen.
Da flocht ich trunken meine Ideale,
Durch Wolkendunkel webt ich Mondesglanz.
Der Abendstern erleuchtet, die ich male,
Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz,
Die Göttin schwebt im hohen Himmelssaale
Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz.
Bald faßt mein Aug nicht mehr die hellen Gluten,
Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluten.
Und nie konnt ich die Phantasie bezwingen,
Die immer mich mit neuem Spiel umflocht;
So glaubte ich auf einem kleinen Kahne
In süßer Stummheit durch das Abendmeer
Mit fremden schönen Bildern hinzusegeln.
Und dunkler, immer dunkler ward das Meer,
Den Kahn und mich, und ach, das fremde Bild,
Dem du so ähnlich bist, zogs still hinab.
Ich ruht in mich ganz aufgelöst im Busche,
Die Schatten spannen Schleier um mein Aug,
Der Mond trat durch die Nacht, und Geister wallten
Rund um mich her, ich wiegte in der Dämmrung
Der Büsche dunkle Ahndungen, und flocht
Aus schwankender Gesträuche Schatten Lauben
Für jene Fremde, die das Meer verschlang.
Und neben mir, in toter Ungestalt,
Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt.
Und es schien das tiefbetrübte
Frauenbild von Marmorstein,
Das ich immer heftig liebte,
An dem See im Mondenschein,
Sich mit Schmerzen auszudehnen,
Nach dem Leben sich zu sehnen.
Traurig blickt es in die Wellen,
Schaut hinab mit totem Harm,
Ihre kalten Brüste schwellen,
Hält das Kindlein fest im Arm.
Ach, in ihren Marmorarmen
Kanns zum Leben nie erwarmen!
Sieht im Teich ihr Abbild winken,
Das sich in dem Spiegel regt,
Möchte gern hinuntersinken,
Weil sichs unten mehr bewegt,
Aber kann die kalten, engen
Marmorfesseln nicht zersprengen.
Kann nicht weinen, denn die Augen
Und die Tränen sind von Stein.
Kann nicht seufzen, kann nicht hauchen,
Und erklinget fast vor Pein.
Ach, vor schmerzlichen Gewalten
Möcht das ganze Bild zerspalten!
Es riß mich fort, als zögen mich Gespenster
Zum Teiche hin, und meine Augen starrten
Aufs weiße Bild, es schien mich zu erwarten,
Daß ich mit heißem Arme es umschlingen
Und Leben durch den kalten Busen dringe.
Da ward es plötzlich dunkel, und der Mond
Verhüllte sich mit dichten schwarzen Wolken.
Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden
In finstrer Nacht. In Büsche eingewunden,
Konnt ich mit Mühe von der Stelle schreiten.
Ich tappe fort, und meine Füße gleiten,
Ich stürze in den Teich. Ein Freund von mir,
Der mich im Garten suchte, hört den Fall,
Und rettet mich. Bis zu dem andern Morgen
War undurchdringlich tiefe Nacht um mich,
Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle,
Ich weiß nicht wo, voll tiefer Seligkeit,
Befriedigung und ruhigen Genüssen,
Die alle Wünsche, alle Sehnsucht löste.
Als ich am Turm zu deinen Füßen saß,
Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben,
In dem von allen Schmerzen ich genas.
O teile froh mit mir, was du gegeben,
Denn was ich dort in deinem Auge las,
Wird sich allein hoch über alles heben.
Und kannst du mir auf jenen Höhen trauen,
So werd ich bald das Tiefste überschauen.
Ich glaube, daß es mir in jener Nacht,
Von der ich nichts mehr weiß, so wohl erging,
Als ich erwachte, warf sich mir die Welt
Eiskalt und unbeweglich hart ums Herz.
Es war der tötende Moment im Leben,
Du, Tilie, konntst allein den Zauber heben.
Mein Vater saß an meinem Bette, lesend
Bemerkte er nicht gleich, daß ich erwachte.
Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zügen
Mit solchem Forschen, solcher Neugierd, daß
Mir selbst vor meiner innern Unruh bangte.
Dann neigte er sich freundlich zu mir hin
Und sprach mit tiefer Rührung: Karl, wie ist dir?
Ich hatte ihn noch nie so sprechen hören,
Und rief mit lauten Tränen aus – O Vater!
Mir ist so wohl, doch, ach! die Marmorfrau –
Wer ist sie? – Wessen Bild? – Wer tat ihr weh?
Daß sie so tiefbetrübt aufs holde Kind,
Und in den stillen See hernieder weint?
Mein Vater hob die Augen gegen Himmel,
Und ließ sie starr zur Erde niedersinken,
Sprach keine Silbe und verließ die Stube.
In diesem Augenblicke fiel mein Los.
Ein ewger Streit von Wehmut und von Kühnheit,
Der oft zu einer innern Wut sich hob,
Ein innerliches, wunderbares Treiben
Ließ mich an keiner Stelle lange bleiben.
Es war mir Alles Schranke, nur wenn ich
An jenem weißen Bilde in dem Garten saß,
War mirs, als ob es alles, was mir fehlte,
In sich umfaßte, und vor jeder Handlung,
Ja fast, eh ich etwas zu denken wagte,
Fragt ich des Bildes Widerschein im Teiche.
Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel,
Und folgte still, wie die bescheidne Ferne,
Der weißen Marmorfrau, die auf dem Spiegel
Des Teiches schwamm. So wie der Wind die Fläche
In Kreisen rührte, wechselte des stillen
Und heilgen Bildes Wille, und so tat ich.
ISBN der Quelle: 3150086698
Rubrik: Rhein
Clemens Brentano
Am Rheine schweb ich her und hin
Und such den Frühling auf
So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn
Wer wiegt sie beide auf.
Die Berge drängen sich heran,
Und lauschen meinem Sang,
Sirenen schwimmen um den Kahn,
Mir folget Echoklang.
O halle nicht, du Widerhall,
O Berge kehrt zurück,
Gefangen liegt so eng und bang
Im Herzen Liebesglück.
Sirenen tauchet in die Flut,
Mich fängt nicht Lust nicht Spiel,
Aus Wasserskühle trink ich Glut,
Und ringe froh zum Ziel.
O wähnend Lieben, Liebes Wahn,
Allmächtiger Magnet,
Verstoße nicht des Sängers Kahn,
Der stets nach Süden geht.
O Liebes Ziel so nah so fern,
Ich hole dich noch ein,
Die Frommen führt der Morgenstern,
Ja all zum Krippelein.
Geweihtes Kind erlöse mich,
Gib meine Freude los,
Süß Blümlein ich erkenne dich,
Du blühest mir mein Los,
In Frühlingsauen sah mein Traum
Dich Glockenblümlein stehn,
Vom blauen Kelch zum goldnen Saum,
Hab ich zu viel gesehn,
Du blauer Liebeskelch in dich
Sank all mein Frühling hin,
Vergifte mich, umdüfte mich,
Weil ich dein eigen bin.
Und schließest du den Kelch mir zu
Wie Blumen abends tun,
So lasse mich die letzte Ruh
Zu deinen Füßen ruhn.
ISBN der Quelle: 3150086698
Rubrik: Dichter
Clemens Brentano
Durch den Wald mit raschen Schritten
Trage ich die Laute hin,
Liebe singt, was Leid gelitten,
Schweres Herz hat leichten Sinn.
Durch die Büsche muß ich dringen
Nieder zu dem Felsenborn,
Und es schlingen sich mit Klingen
Durch die Saiten Ros und Dorn.
In der Wildnis wild Gewässer
Breche ich mir kühne Bahn,
Steig ich aufwärts in die Schlösser,
Schaun sie mich befreundet an.
Haus ich nächtlich in Kapellen,
Stört sich kein Gespenst an mir,
Weil sich Wandrer gern gesellen,
Denn auch ich bin nicht von hier.
Seh ich Zauberschätze glimmen,
Locket bald durch Sumpf und Moor
Mich der Irrwisch hin und stimmen
Muß mein Lautenschlag dem Chor.
Zu der Gnomen Hochzeitfeier,
Zu der Elfen luftgem Tanz
Tönet meine ernste Leier
Unerschreckt im Mondenglanz.
In dem Schoß der Wunderberge
In der Zauberfräulein Haus
Führen mich die schlauen Zwerge
Und ich singe ohne Graus.
Geister reichen mir den Becher,
Reichen mir die kalte Hand,
Denn ich bin ein kühner Zecher,
Scheue nicht den glühen Rand.
Ja beim Mahl zur bösen Stunde
Leert den Becher ich mit Faust,
Wo berührt vom Satansmunde
Höllenglut im Weine braust.
Alles ist mir schon geschehen,
Meine Schale ist erfüllt,
Seit ich selber mich gesehen,
Hab das Antlitz ich verhüllt.
Zu der Mainacht Hexenreihen
Spiel ich nun ein geistlich Lied,
Daß die Schar mit Maledeien
Vor dem fremden Sänger flieht.
In Frau Venus Berg die Leier
Hab mit Keuschlamm ich geschmückt
Und sie hat mich ohne Schleier
An die volle Lust gedrückt.
Doch sie konnte mich nicht rühren,
Sie verging in frommer Scham,
Ließ sich leicht von mir verführen,
Daß sie einen Schleier nahm.
Die Sirene in den Wogen,
Hätt sie mich im Wasserschloß,
Gäbe, den sie hingezogen,
Gern den Fischer wieder los.
Wo der Schwan im Wellenspiegel
In sein Sternbild niedertaucht,
Bricht der Schmerz auch mir das Siegel,
Daß mein Leid im Liede haucht.
Meinen weißen Hirsch verloren
Hab ich mit dem Goldgeweih;
Die in ihm war eingeboren
Starb mit ihm die schöne Fei.
Weh, mich hatte die Meduse
Mit dem Schlangenblick versteint,
Und seitdem hat meine Muse
Nicht gelachet, nicht geweint.
Doch mit scharfen Wünschelruten
Schlug ihr Amor ins Gesicht,
Daß ihr aus in Tränenfluten
Die versteinte Seele bricht.
Bittre Meere um mich rannen,
Und wie auch die Phantasie
Mochte bunte Segel spannen,
Nie ach nie, erschafft ich sie!
Und nun kehre ich von Thule,
Fand da auf des Meeres Grund
Einen Becher, meine Buhle
Trinkt sich nur aus ihm gesund.
Füllet euch ihr ewigen Tage,
Mond und Sonne steigt und sinkt,
Dürstend ich den Becher trage,
Und sie fehlt, die aus ihm trinkt.
Suchend geh ich durchs Gedränge
Und die Schuldner mahnen mich,
Und ich singe viel Gesänge,
Doch im Herzen weine ich.
Wo die Schätze sind begraben
Weiß ich wohl, Geduld, Geduld,
Einer schwebt am Kreuz erhaben,
Der bezahlet meine Schuld.
Während ich dies Lied gesungen
Nahet sich des Waldes Rand,
Aus des Laubes Dämmerungen
Trete ich ins offne Land.
Aus der Eichen zu den Myrten,
Aus der Laube in das Zelt,
Hat der Jäger sich dem Hirten,
Flöte sich dem Horn gesellt.
Während du die Lämmer hütest,
Zähm ich dir des Wolfes Wut,
Wenn du fromm die Hände bietest
Werd ich deines Herdes Glut.
Und willst du die Arme schlingen
Um ein Liebchen zwei und zwei,
Will ich dir den Baum schon zwingen,
Daß er eine Laube sei.
Du kannst Kränze schlingen, singen,
Schnitzen, spitzen Pfeile süß,
Ich kann ringen, klingen, schwingen,
Schlank und blank den Jägerspieß.
Gib die Pfeile, nimm den Bogen,
Mir ists Ernst und dir ists Scherz,
Hab die Sehne ich gezogen,
Du gezielt, dann triffts ins Herz.
Wild getan, wie stolz gesprochen,
Weh der Pfeil flog seine Bahn,
Hat des Lammes Herz durchstochen,
Drohend sah der Hirt mich an.
Dorn ward da die Rosenkrone
Um sein göttlich mildes Haupt,
Vater! rief er, ihn verschone,
Denn er hat an mich geglaubt.
ISBN der Quelle: 3150086698
Rubrik: Bäume
Barthold Hinrich Brockes
Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
in kühler Nacht beim Mondenschein;
ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein.
Es schien, als wär ein Schnee gefallen;
ein jeder, auch der kleinste Ast,
trug gleichsam eine rechte Last
von zierlich weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
- indem daselbst des Mondes sanftes Licht
selbst durch die zarten Blätter bricht -
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
was Weißres aufgefunden werden.
Indem ich nun bald hin, bald her
im Schatten dieses Baumes gehe,
sah ich von ungefähr
durch alle Blumen in die Höhe
und ward noch einen weißern Schein,
der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,
fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
von einem hellen Stern ein weißes Licht,
das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergötze,
dacht ich, hat er dennoch weit größre Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.
ISBN der Quelle: 3150020158
Rubrik: Blumen
Barthold Hinrich Brockes
Angenehmes Frühlingskindchen,
Kleines Traubenhyazinthchen,
Deiner Farb und Bildung Zier
Zeiget mit Verwundrung mir
Von der bildenden Natur
Eine neue Schönheitsspur.
An des Stengels blauer Spitzen
Sieht man, wenn man billig sieht,
Deiner sonderbaren Blüt
Kleine blaue Kugeln sitzen,
Dran, so lange sich ihr Blatt
Noch nicht aufgeschlossen hat,
Wie ein Purpurstern sie schmücket,
Man nicht sonder Lust erblicket.
Aber wie von ungefähr
Meine Blicke hin und her
Auf die offnen Blumen liefen,
Konnt ich in den blauen Tiefen
Wie aus himmelblauen Höhen
Silberweiße Sternchen sehen,
Die in einer blauen Nacht,
So sie rings bedeckt, im Dunkeln
Mit dadurch erhöhter Pracht
Noch um desto heller funkeln.
Ihr so zierliches Gepränge,
Ihre Nettigkeit und Menge,
Die die blauen Tiefen füllt,
Schiene mir des Himmels Bild,
Welches meine Seele rührte
Und durch dieser Sternen Schein,
Die so zierlich, rein und klein,
Mich zum Herrn der Sterne führte,
Dessen unumschränkte Macht
Aller Himmel tiefe Meere,
Aller Welt- und Sonnen Heere
Durch ein Wort hervorgebracht;
Dem es ja so leicht, die Pracht
In den himmlischen Gefilden
Als die Sternchen hier zu bilden.
Durch dein sternenförmig Wesen
Gibst du mir, beliebte Blume,
Ein Erinnerung zu lesen,
Daß wir seiner nicht vergessen,
Sondern in den schönen Werken
Seine Gegenwart bemerken,
Seine weise Macht ermessen
Und sie wie in jenen Höhen
So auf Erden auch zu sehen.
ISBN der Quelle: 3150020158
Rubrik: Mittelalter
Wolf von Aichelburg
Der Gier der Flamme war ich zugeschworen
Durch einen grausamen Geheimvertrag,
War ihre Beute, eh ich noch geboren.
Sie lauerte als Funken auf den Tag,
Wo mich des Schicksals blinde Knechte banden
Und sie befreiten aus der Kerkerhaft.
Sie wird nun jede Schranke überbranden
In allzulang gestauter Leidenschaft.
Käm fernher jagend jetzt ein Gnadenruf
Und stürzte Regen, bräche das Gedräng
Der Menge ein, der Pferde wilder Huf,
Die Flamme läßt nicht mehr. Sie hält mich eng.
Dein Wort war Feuer. Du hast mich gerufen,
Dein Haß und deine Liebe waren Glut!
Nun klimme, spricht sie, diese Bretterstufen,
Bis du gestillt ertrinkst in meiner Flut.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Bäume
Wolf von Aichelburg
Zypresse du, ins kalte Blau Entfernte,
Am Wegrand eine Säule aufgerichtet,
Geschwisterlos und stumm und ohne Ernte,
Kein Traum hat je dein Trauern aufgelichtet.
Dein Stamm ist ehern, nur der schwarze Turm
Der Nadeln hat im Winde ein Bewegen,
Wird dunkel wie ein Wolkenball im Sturm,
Ist wie ein Mantelwurf um einen Degen.
Dich trug empor dein Glauben. Unbezwungen
Nahmst du den steilsten Weg aus eigner Kraft.
Nun bist du hart und ganz von Stolz durchdrungen,
In Gnadenquell getauchter Lanzenschaft.
Du bist der Berg, du bist die Einsamkeit,
Die Wolken nehmen dich zu ihrem Zeiger.
Das Farbenrauschen der bewegten Zeit
Wird stumm an dir und heilt, du Allverschweiger.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Liebe
Wolf von Aichelburg
Der Tänzerinnen kannst du dich entsinnen,
Mein Lieb, wie eine von der andern schwebte,
Sich wieder fand zu zärtlichem Beginnen,
Und eine aus der andern Händen lebte,
Wenn sie den Arm emporgewendet hielten,
Die anderen darunter, helle Flammen,
Im Wirbel den gereckten Arm umspielten
Wie Duft und Wind verschlungen und zusammen
Den seidnen Teppich fast nicht mehr berührten,
Bis einer Sohle Aufschlag und ein Klatschen
Sie wieder holten, einzeln, und verführten
Zum stolzen Ruck im grellen Schrei der Ratschen,
Zur jähen Wendung und zum knappen Sprunge ...
Ein Flüstern dann, ein wellendes Verstehen,
Ein Schlängeln wie das Spielen einer Zunge
Und wieder süßes Ineinandergehen?
Ist unser Spiel von Kosen und Entsagen,
Von brennendem Umarmen und Verlassen,
Das täuschende Verbergen und das Wagen,
Das ruhige Verströmen und das Fassen
Nicht ebenso wie dieser Mädchen Reigen
Geordnet und gezählt nach holden Tönen,
Und steiten wir nicht, schwingend, wie zwei Geigen,
Die trunken sich im letzten Ton versöhnen?
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Klassisches Altertum
Wolf von Aichelburg
Geschenk ist alles. Blüten taumeln nieder,
Die hoch Fortuna aus dem Füllhorn streute.
Du hältst die Hände, und sie duften wieder,
Des Lächelnden geheim erhaschte Beute.
Härst du die Göttin über Wolken rollen?
Ihr Wagen ist so weich wie Wolkenschwingen.
Du spürst ihn nur im Wind, dem schauervollen,
Wenn Blumen regnen und an Zweigen klingen.
Dort schüttelt eine Wolke Rosenflitter,
Und weiter ist es wie ein tauig Wehen.
Du fühlst die Bahn am wandernden Gezitter,
Am Wolkenrosenleuchten und Vergehn.
Wie Maienregens hellendes Erquicken
Ist es ein schauernd Hin- und Widerwallen,
Ein Tanz im Fangen, Bergen, Fliehn und Bücken,
Wenn Sterne dich umsprühn und samten fallen.
Dein Haar ist triefend und dein Mund ist offen
Und weiß kein Wort für diesen Glanz zu sagen.
Da blitzts! Ein grader Strahl hat dich getroffen,
Du schaust die Göttin hoch und windgetragen.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Kosmos
Wolf von Aichelburg
Die kleine Sanduhr mit dem feinen Rinnen
Ist nie verengt. Die Körner weichen aus.
Ein Sterben und ein ständiges Beginnen
Bringt eines je und alle sanft nach Haus.
Kein Wettbewerb besteht vor diesem Tauschen
Des Standorts jedes Korn mit jedem Korn:
Ein unerhörtes, gleichgemeßnes Rauschen
Weicht aus, nimmt ein, verläßt und treibt nach vorn.
Du läßt sie leer. Der Sand jedoch rinnt weiter,
Dir unsichtbar, in Mauern, Fels und Holz,
Auch du klimmst hoch die sprossengleiche Leiter
Und steigst sie wieder ab, ganz ohne Stolz.
Was könnte auch der Stolz und was das Steigen
Verändern, wo sich eins ins andre zwängt
Und ohne Leidenschaft in Eil und Schweigen
Durch einen Durchschlupf ins Gefälle drängt?
Doch hörst du fern die stolzen Stämme brechen.
Der wahre Gott der Zeit, es ist der Wind.
Er läßt das Meer, die stummen Felsen sprechen.
Der Sand indes ganz leise weiterrinnt.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Länder und Reisen
Wolf von Aichelburg
Der Tramp streift ab den kalten Sand
Und rollt den Schafsack ein.
Der Mensch ist ihm hier nicht verwandt,
Die Straßen immer Stein.
Doch irgendwo im Herzensgrund
Ragt weiß wie Morgen Trapezunt.
Die Schiffe wanken schon am Pier,
Sirenen - doch es gilt nicht dir.
Du hast kein Geld zur Überfahrt.
Du hast zwei Kolben Mais erspart.
Ach, ging der heiße Tag zu Ende!
Das Dunkel bringt vielleicht die Wende.
Die Wagen sausen über Land.
Du bist verstaubt und braungebrannt.
Der Kamm will nicht mehr durch den Filz.
Er muß. Rasch, scheitle dich! Nun gilts!
Und lächle. Lächeln ladet ein,
Es mag im Magen grausig sein.
Du kannst von hier nicht mehr zurück.
Doch nimmt das Leben, Stück für Stück.
Du bist noch keine siebzehn Jahr.
Es findet sich. Und eins ist wahr:
Ein Mensch am Weg geht nicht zugrund,
Denn irgendwo glüht Trapezunt.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Polemik
Friedrich Nietzsche
– Ist Das noch deutsch? –
Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen?
Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Entfleischen?
Deutsch ist dies Priester-Händespreizen,
Dies weihrauch-düftelnde Sinne-Reizen?
Und deutsch dies Stocken, Stürzen, Taumeln,
Dies ungewisse Bimbambaumeln?
Dies Nonnen-Äugeln, Ave-Glocken-Bimmeln,
Dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln?
– Ist Das noch deutsch? –
Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte: –
Denn, was ihr hört, ist Rom, – Roms Glaube ohne Worte!
ISBN der Quelle:
Rubrik: Pflanzen
Wolfgang Schühly
Wie Brunnenschalen, die sich übergipfeln,
Stehn Quirle da von Winters Lasten frei,
Und weiß gekrönt mit schlanken Blütenzipfeln
Tritt er ans Licht im Wonnemonat Mai.
Steht unter Buchen er als Herr und Walter,
Ward er erwähnt als Waldes-Medizin,
Durch Hildegard schon seit dem Mittelalter,
Denn ihm entströmt beim Welken Cumarin.
Wohl feinen Duft das Kraut dem Wein verleihe
Wo Cumarin der Rebe sich vermählt,
Damit der Trank mit neuem Geist sich weihe,
Und doch, sofern der Zecher ungezählt,
Die Becher trinkt, in Bacchants froher Reihe,
Am nächsten Tag ein Ungemach ihn quält.
ISBN der Quelle: 3926370556
Rubrik: Wald
Wolfgang Schühly
Wanderer im Hügelland,
Siehst du Waldes Tempelwand,
Schlanken Schaft im dichten Stand,
Krone weit auf freiem Land.
Und von Fichten nicht erkannt,
Ilex säumt den Waldesrand
Wege, die das Wild erfand,
Buchenwald im Festgewand.
Rötlich-grau im Winterland,
Liegt die Au im Schlafgewand,
Doch alsbald die Kälte schwand
Und, berührt von Zauberhand,
Rote Buche knospt rasant,
Flaumreich ist der Blätter Rand.
Kein Vergleich zu Garten-Land:
Buchenwald im Maigewand.
Bald hat Sommer Oberhand,
Dunkler wird das Farbenband,
Reifend schauen in das Land
Eckern, die im Dorngewand
Paarweis ruhn, die Form markant.
Und der Herbst mit Meisterhand,
Taucht den Wald in Farben-Brand:
Buchenwald, ein Märchenland.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Fossil
Uwe Haubenreißer
I
Urmeer ward zum Tabernakel
Deiner Zeichen, wunderbar:
Ganz Spirale und Tentakel,
Bist du Schnecke und Kalmar.
II
Leben speist sich selbst: Millionen
Können nur der Humus sein:
Aber was die Zeiten schonen,
Prägen sie in Felsen ein.
III
Diese Pulse sind verklungen:
Doch die Form, des Bildners Kraft
Dauert immer, unbezwungen,
Leuchtet tief aus Steines Haft.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Tod
Uwe Haubenreißer
I
Zuerst schickt er dir nur Adnoten
voll Höflichkeit und Eloquenz -
er respektiert die Sterbequoten
und zeigt nicht seine Allpräsenz.
Doch hält er längst schon Residenz
in deinem Saft, dem warmen, roten ...
Du aber lebst aus tausend Schloten
und pfeifst auf jede Konsequenz.
Hinfort mit Regeln und Geboten!
So spottest du der Eminenz.
Du bist ein wohlgemuter Stenz
und buckelst nicht vor dem Despoten.
Nun aber kommen seine Boten,
mit ungeahnter Renitenz
das letzte Stündlein auszuloten:
Wann, glaubst du, folgt die Audienz?
II
Die weißen Kittel murmeln kryptisch
von mir und meiner Innenwelt:
Ins Neonlicht, apokalyptisch,
hat man mich vor sie hingestellt.
Die Arme vor. Nun zwei, drei Schritte.
Ob er auf einem Bein sich hält?
Den Finger auf die Nasenmitte.
Die Zunge raus? Kommt wie bestellt.
Ich schau sie an und möchte schmunzeln,
doch hat ein Blick es mir vergällt:
Es glotzt aus ihrem Stirnerunzeln
die Fratze, mein - gelähmt, entstellt.
III
Den ersten Schlag hast du bestanden,
der ohne Warnung niederschlug.
Doch wird der Gegner weitre landen?
Dir war der eine schon genug.
Vielleicht will er dich nur verwunden?
Und tänzelt immer noch im Ring,
auf daß er dich - nach drei, vier Runden -
zum Knockout in die Seile zwing?
Er ist der Meister aller Klassen.
Sei Fliegen-, Mittel-, Schwergewicht:
Du mußt ihm alle Titel lassen -
und Niederlagen kennt er nicht.
Sein erster Schlag hat gut getroffen.
Doch boxt du dich bis Runde zwei,
dann darfst du guten Grundes hoffen,
daß es nicht deine letzte sei.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Lebenslauf
Horst Lange
Kaum zu vernehmen, nur wie eine Ahnung,
Wie in der Mitternacht irrend ein Schimmer von Licht,
Also empfing ich dein Zeichen und hörte die Mahnung,
Dann ging ein lindendes Wehen mir übers verstörte Gesicht.
Schmiegsam und weich der Versucher, der jetzt mich berührte,
Süß und verlockend die Stimme, die mich zum Sterben verführte.
Der du mich schon in der Kindheit geleitet
Wie eines schweigsamen Freundes vertraute Gestalt,
Der du die mächtigen Fittiche sorgsam gebreitet
Mit vor den tödlichen Abgrund der Furcht, die Jahrtausende alt.
Schrecklos und still, so bezeugtest du jedes Entsetzen,
Aber du lenkst auch die Hände, die mich bedrohn und verletzen.
Der du die Laster beizeiten erkanntest,
Wandelnd durch Kot und das fade Gedünste von Blut,
Der du mir Schauder von Ekel und Ängstlichkeit sandtest,
Oben, ein mondener Schein, der in dräuender Finsternis ruht.
Zweifelnd und zag, so vermochte ichs nicht mehr zu tragen,
Aber auch Jaakob, er ward vom Engel des Herren geschlagen.
Kaum zu verspüren, nur wie ein Erinnern,
Wie ein Nachtbildes Umriß, so flüchtig und blaß,
Also gewahrte ich dich und vernahm dich im Innern,
Dann war die Prüfung vorüber und fremd mir der Zorn und der Haß.
Ehern und streng, wenn der Wahrheit ich matt mich entzogen -
Einmal kommt mit dir der Tod in die Niederung zu mir geflogen . . .
ISBN der Quelle: 3926370483
Rubrik: Sommer
Oda Schaefer
Geh in die glühende Stille,
In der auch das Flüstern schweigt,
Nur eine einzelne Grille
Hebt ihr dünne und schrille
Stimme, die klagend steigt.
Verdorrt scheint die aschene Krume,
Versengt die gebleichte Spreu,
Den Rainen zum Eigentume
Blieb kaum eine blasse Blume -
Süßer riecht Klee und Heu.
Und mitten in zitternden Gluten
Senkt dumpf das Rind sein Haupt,
Denn keine Gänger und Ruten
Wecken die heimlichen Fluten
Der Hänge, die grau bestaubt.
Wie lange kein Nebelstreifen,
Kein siebenfarbiger Tau -
Spinnenfäden, sie schleifen
Auf Äpfeln, die duftend reifen
Unter dem brandigen Blau.
Doch über der Koppeln Rücken
Schiebt sich langsam und schwer
Wie schwarze Türme und Brücken,
Für Wind und Donner die Lücken
Mit Licht gerändert und leer.
Mit Pauken zerrissen die Stille,
Des Regens Traufe sich neigt,
Und jene einsame Grille
Ertränkt ihre dünne und schrille
Stimme im Wasser und schweigt.
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Naturgeister
Uwe Nolte
Nach den winterlichen Träumen
Ferner Nächte, unter Bäumen,
Mich der späte März gebar.
Ungetrübt, befreit vom Eise
Sprudelt meine Quelle leise,
Grüßt mit Murmelklang das Jahr.
Ihres Wassers Frühlingssegen
Waltet heimlich; Bäume regen,
Kräuter, Sträucher schmücken sich.
Duft entströmt dem Heiligtume
Jeder aufgeblühten Blume,
Farben sprühen feierlich.
Käfer, Falter und Libellen
Schwirren wolkendicht um Quellen,
Funkeln in gelebter Pracht.
Überall erklingen wieder
Frohe, mir vertraute Lieder;
Meine Schwestern sind erwacht!
Von der Wolkenberge Hänge
Hallen wider die Gesänge,
Streuen ihre lichte Saat.
Melodien uns umwogen;
Ist der Frühling erst verflogen,
Bald das wilde Einhorn naht.
Brennen Tage sonnenlüstern,
Weht es mit geblähten Nüstern
In den Traum, der uns umsäumt.
Ungestüm, dem Licht verfallen,
Stürmt es durch des Himmels Hallen,
Von Gebeten ungezäumt.
Wo sein Huf berührt die Wiesen
Fingerhut und Pilze sprießen,
Reckt sich auf der Rittersporn.
Funken roten Mohnes ranken
Leuchtend sich um seine Flanken,
Glimmen auf dem Silberhorn.
Seiner Augen Sternensiegel
Ist der Sommernächte Spiegel,
Färbt die Weiten irrlichtblau,
Und wir preisen es mit Tänzen,
Samten seine Fährten glänzen,
Früh am Tag im Morgentau.
Jede Wiese wird ein großes,
Morgenrotes, uferloses,
Tiefes Diamantenmeer.
Auf den schaumgekrönten Wellen
Jagen wir vereint dem hellen
Einhorn jauchzend hinterher.
Schwestern, keiner wird es glücken,
Halt zu finden auf dem Rücken,
Wenn es unserm Traum entflieht,
Doch verlohte Wünsche glühen,
Werden mit dem Sommer blühen,
Den das Einhorn uns beschied.
Noch entzweit uns zages Bangen,
Schwestern, noch sind wir gefangen,
Noch besingen wir den März.
Nur die Lieder, die uns binden,
Wallen freier in den Winden,
Treiben lockend abendwärts.
ISBN der Quelle: 3942090260
Rubrik: Dank
Wolf von Aichelburg
I
Brennt der Morgen durch das Tor,
Halte ich das Brot empor.
Stummes Wirken vieler Hände
Findet in mir Dank und Ende.
Erst noch scheu, wie ein Erkennen,
Dann ein zögerndes Entbrennen,
Mählich merkst du im Gemüte
Wirken, Wärme, Wert und Güte.
Fühlt sich dunkel in dir ein,
Wird von deinem Blute sein.
II
Komm auf, du süßes Morgenrot,
Berühre leuchtend meine Hände.
Daß ich es ehrfurchtvoll verwende!
Das Heilge bergen sie, das Brot.
Bevor ich einen Bissen breche,
Verharre ich in deinen Gluten,
Daß ich die reinen Worte spreche,
Die wärmend meinen Leib durchfluten,
Daß ich das köstliche Geschenk
Noch einmal hebe und behalte,
Wie einen kleinen Leib umfalte,
Mein Staunen tief darein versenk.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Schwermut
Uwe Haubenreißer
In den Tälern, auf den Graten
Schwindet still der müde Tag,
Eingehüllt von Traumkantaten
Welkt die Sonne überm Hag.
Vogel steigt ins Nimmerwieder,
Westwärts, wo der Tag verloht,
Lenkt mit rauschendem Gefieder
Schwer den Flug ins Abendrot.
Schatten wachsen in den Zweigen,
Weben dunkle Melodien,
Flechten sich als milder Reigen
In die Abend-Harmonien.
Wind durchflüstert Hain und Fluren,
Aus der Ferne, nachtgeweiht,
Tönen dumpf die alten Luren,
Rufen uns zur Schweigezeit:
Wenn die Auen widerklingen
Vom Gesang der Sterne sacht,
Trägt der Wind mit sanften Schwingen
Uns auf Kähnen durch die Nacht.
ISBN der Quelle: 3926370610
Rubrik: Dichter
Uwe Haubenreißer
I
Im bunten Lärm der Gassen,
Drin Menge sinnlos schäumt,
Steht einer da, gelassen,
Und lächelt nur und träumt.
Sie alle, die nicht gelten,
Die stumpfer Zwang nur müht,
Erahnen nicht die Welten,
Das Reich, darin er blüht.
Er steigt durch Schnee-Arkaden,
Die nie ein Wacher fand,
Zu lichten Esplanaden,
Azuren überspannt.
Im Glast von Gletscher-Firnen
Entrückt aus Zeit und Welt,
Hinauf zu den Gestirnen
Hat ihn ein Ruf bestellt –
Verstummen muß der Spötter
Geschrei. Der Tag verrauscht,
Da er dem Sang der Götter
Und ihrer Stille lauscht.
II
Lohes Wort im Abendglühen
Stehst du, silben-überschwemmt,
Unter ihnen und willst blühen:
Doch ihr Auge mißt dich fremd.
Kränze flichst du – wen zu krönen.
Strophen lallst du – wem zur Lust.
Niemand lauscht den trunknen Tönen
Die du bebend singen mußt.
Wo nur Gräser dich begreifen
Sollst du schweifen im Geraun
Und dein bilderschweres Reifen
Dunklen Felsen anvertraun.
Mattes Blau verfrühter Schlehen
Kelterst du zu herbem Wein –
Doch die Nächte zu bestehen
Tunke Mohn in Wolfsmilch ein.
Weißer Schlaf, veraschte Gluten,
Traumlos sankest du ins Meer –
Endlich, aus Vergessens Fluten,
Hebst das Haupt du, blaß und leer.
III
Nun füll den Krug und würze
Den Wein zu Lethe-Trank:
Die Parzen lieben Kürze
Und wollen keinen Dank.
Dein letztes Wort – verschweige.
Was noch am Herzen zehrt,
Gilt nichts, wenn erst zur Neige
Den Becher du geleert.
Im Garten summt die Imme
Um einen Hasel-Trieb:
So tönt die letzte Stimme,
Die dir vom Chor verblieb.
Den Bogen spannt Astarte,
Von Firnen stäubt der Schnee,
Schon gleitet die Standarte
Aus deiner Hand: Verweh
Und folge dem Geleite,
Wenn auch das Auge schwimmt,
Ins Unbemessne, Weite,
Darin dein Traum verglimmt.
ISBN der Quelle: 3926370610
Rubrik: Pflanzen
Uwe Haubenreißer
du bringst mir hollerbeeren
wir zupfen im akkord
der dunkle most wird gären
bevor die dolde dorrt
ein zarter kuss, ich schweige
du sagst: ich muß zurück
durch lichte pappelzweige
begleitet dich mein blick
und hält auf leeren nestern
wie schnell die zeit verrann
es duftet süß nach trestern
schon fliegen wespen an
die hohen tage waren
der sommer geht uns aus
in deinen blonden haaren
hat er noch ein zuhaus
ISBN der Quelle: 3926370610
Rubrik: Bäume
Horst Lange
Die Hände liegen auf der grauen Platte
Und fühlen deines Wuchses Spuren nach,
Nun bist du wieder Holz und nicht das Glatte,
Nun bist du wieder Baum, der mit dem Winde sprach.
Die Türen wehen groß wie Flügel auf und nieder,
Das falsche Licht umstarrt die trüben Gläser:
Am Rande sind im Walde kleine Lieder,
Und Samenwolke überfliegt die Gräser.
Aus starrem Holze kehrt der Herzschlag wieder,
Die Sprache ist zunicht am leeren Raum,
Der rauhe Rauch erhebt sein Blaßgefieder,
Und du vergaßest selbst den letzten Traum.
ISBN der Quelle: 3926370483
Rubrik: Schwermut
Horst Lange
Der volle Mond kommt weiß herauf,
Wir liegen früh im Zelt,
Und schlafen nicht und lauschen drauf,
Wie fern ein Schuß noch fällt.
Die Nacht wird kalt, der Frost kriecht ein,
Das Lager ist so hart wie Stein -
Hier, ostwärts von Smolensk.
Am Tage war die Luft sehr klar,
Und warme Sonne schien,
Viel späte Blumen, wunderbar,
Gibt uns der Herbst, Zugvögel ziehn.
Ein Blick geht ihnen hinterdrein,
Im Westen fallen sie wohl ein -
Nicht ostwärts von Smolensk.
Der Nachtwind faßt die Sträucher an,
Die Wache geht vorbei,
Manch einer fängt zu sinnen an
Und träumt nun allerlei.
Die Mäuse rascheln leis im Stroh,
Sie werden ihres Lebens froh -
Hier, ostwärts von Smolensk.
Das Leben, wie es einstmals war,
Jetzt kommt es mild zurück:
Das stille Lächeln, blondes Haar
Und rings des Friedens Glück.
Kamrad, dem sich das Herz beschwert:
Einmal bist du ja heimgekehrt -
Nicht ostwärts von Smolensk.
Der volle Mond steht hoch und rein,
Ich seh ihn durch das Zelt
Und denk daran, daß so sein Schein
Auch über Deutschland fällt.
Wenn mir es sollt beschieden sein,
Schlaf morgen ich für immer ein –
Hier ostwärts von Smolensk . . .
ISBN der Quelle: 3926370483
Rubrik: Natur
Horst Lange
Gemähte Felder in der Nacht,
Die Grillenchöre sind erwacht,
Und irrend fliegt die Fledermaus
Waldein im Dunkel und waldaus,
Auf Steinen knirscht dein schneller Schritt,
Es kommen viele Schatten mit,
An Schlehdornhecken warten sie,
Mit Käuschensimmen rufen sie,
Und wo es schweigt und wo es schrie,
Sind sies und Antwort gibt es nie . . .
Da zirpen lauter alle Grillen
Und höher tönen sie und schrillen,
Der laue Wind fährt drüber her,
Der Himmel ist von Sternen leer -
Ach, nur ein einzger Tropfen Mond,
Damit ein Licht am Grunde wohnt! -
Die Wiesen sind von Schierling weiß,
Das moorge Wasser brodelt leis,
Vom Teichrand winkt die blasse Hand
Weither, auis einem andern Land,
Du fühlst die Haut, du riechst das Haar,
Auf dem dein Mund so fiebrig war,
Die dunkle Flut wellt auf im Kreis -
O Winterkälte! - Frühlingsreis,
Das kaum begrünte, welkt im Nu -
Wie fröstelst du, wie schauderst du . . .
Die Grillenchöre sind verstummt,
Dein Blut ists, das im Ohr dir summt,
Schon schwemmts vergessne Worte an,
Den alten Zwang, den alten Bann . . .
ISBN der Quelle: 3926370483
Rubrik: Farben
Fritz Usinger
Nicht nur in einem Kleid aus Ewigkeit,
Auch innen ganz zur Ewigkeit befreit,
Ewiger Liebe voll, doch ungeliebt,
Der nie empfängt und dennoch immer gibt,
Aus oberen Wurzeln himmelstill gespeist,
Auch wenn die Erde keinen Trost verheisst,
Dem Tartaros-Gedröhn noch abgrundfern,
Im Lichte dienend einem oberen Herrn:
Dem Licht-Geist Christ-Apollon zugewandt,
Der Eines ist in zwiefachem Verband,
Schaff ich das Blau-Gedicht aus Form und Licht,
Da deren keines sich am andern bricht,
Das Liebe-Licht, den hellen Tempel-Geist,
Der sich im Gang der Verse wahr erweist,
Das Irdisch-Schöne, liebend ganz durchdrungen,
Von höchsten Chören unsichtbar durchsungen,
Das Helle und das Heilige geeint,
Dass jedes ganz den Grund des andern meint,
Das eine selig in des andern Armen,
Vom Wort der Schönheit bis zum Wort Erbarmen.
Ein Himmel von Ideen ganz durchlichtet
Und durch ihr Dasein nimmermehr vernichtet.
Idee ist auch den höchsten Welten teuer,
Denn sie ist nichts als göttlich reines Feuer,
Urfeuer, das schon vor den Welten glühte,
Das in der Liebe wie im Schönen blühte
Und der Vollendung Form zur Über-Zeit
Aus untrem Feuerdrang heraus befreit.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Lebensweisheit
Joachim Werneburg
In einem Brief erreichte dein Klaglied mich
Das Vermaß ist antik und es schmiedete
Mit diesem Takt ein Künstler Feuer
Bringende Helden an Asiens Berge.-
Und mich, zurückführenden Gedankenspiels
Ein Freund, Vergangnem dienend, betrifft es als
Der rechte Text, nach dem Pandorens
Krüg vorm Gebrauche zu prüfen seien.
Nicht spann die Parze mir diese Schwermut des
Hyperion, die Türken sind längst besiegt,
Doch sie, die an der Sage zweifeln,
Gegen sie ward noch kein Heer gerüstet.
Was bleibt, erheitert sehr, und ich fertige,
In manche Kammer sendend, die Sprüche dir,
Daselbst vor dem Papier verharrend,
Lichter geworfen in fremde Zeiten.
ISBN der Quelle: 3926370130
Rubrik: Liebe
Florian Kiesewetter
In Artern, dieser schönen Stadt
Mit wohlbewehrten Mauern
Lebt eine Maid, die alles hat,
Worum ich würde trauern.
Ihr Schloß ihr Freuden bieten kann
Und sie ist froh mit allen,
Auch mit dem fremden Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.
Was würde ich nicht alles tun,
Um einmal ihm zu gleichen,
Ich kann zur Mitternacht nicht ruhn
Und niemals Schlaf erreichen.
Ich frage mich nur immer: Wann
Wird liebes Wort erschallen
Dem andern, fremden Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.
Ach, gäbs nur einmal Zeit und Ort,
Ihr meinen Schmerz zu sagen,
Ihr Öhrlein für das Flüsterwort,
Das ich kaum wag zu klagen.
Doch was ich im Gebet ersann,
Muß unerhört verhallen,
Denn dorten steht ein Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.
Ich sing mein Lied nach Vogelart
Stets wohlgesetzt und munter,
Und wär ihr Ohr dem Sang gepaart,
Wärs inniger und bunter.
Doch taug ich nicht zu andrer Bann,
Mit Raub mich zu bestallen
Am andern, fremden Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.
Doch hätt ich eine Bitte frei,
So will ich die euch sagen,
Ich würde, wenns gestattet sei,
Ein Tänzchen mit ihr wagen,
Sie geh zu ihrem Lieben dann,
Ich werd nicht Fäuste ballen,
Sie geh zu ihrem Reitersmann,
Dem war ihr Herz verfallen.
ISBN der Quelle: 3926370386
Rubrik: Deutschland
Florian Kiesewetter
I
Gott soll segnen dich und alle,
Die dem Brockentraum verwandt,
Lied auf Lied zum Ruhm erschalle,
Harz du holdes Sagenland!
Segen sei für Fels und Flüsse,
Segen Grotten, Aun und Quelln,
Ich verschwende meine Küsse
Auf den Saum der Bodewelln.
Welcher Tann ist zauberhafter
Als der Elf von Rübeland?
Reicht zu Sprüngen nicht der Klafter,
Ist der Besen hier zur Hand,
Auf den Blocksberg mußt du fahren
Jährlich zur Walpurgisnacht,
Was zur Hölle ist gefahren,
Mittnachts unterm Monde lacht.
Zwerge werken tief im Quarze,
Silber aus den Schrunden schaut,
Von dem Reichtum raunt im Harze
Ginster zu dem Habichtskraut.
Eichelhähers Moos im Neste
Mischt dem Traum das Salzgetropf,
Und wenn du betrittst die Feste,
War die Pracht schon längst im Kopf.
Angelit und selbst Korallen
Schaust du staunend untertag,
Reicher noch ist ausgefallen,
Was im Raum des Geistes lag,
Wo der Hangwind fällt die Fichten,
Aus dem Netz Forelle springt,
Hat der Seher viel zu dichten,
Weil hier auch der Schäfer singt.
Jede Scheune, jeder Weiler
Jede Mühle, jedes Tal
Spricht von Riesen und vom Heiler,
Niemand kennt der Sagen Zahl,
Sie sind nicht nur Not und Sorgen
Kleiner Leute hier am tun,
Reich und Kaiser müßten borgen,
Läg nicht Gold in Harzer Truhn.
Darum will ich nicht verschweigen
Daß ich solcher Heimat froh,
Wo sich Feuersteine zeigen
Mit dem Zeug zur Osterloh.
Was mir je zum Lied gediehen,
Ist geschuldet Harzer Sinn,
Und der spricht: Ich hab verziehen
Weil ich doch unendlich bin.
Wo Frau Holle ist zu Hause
Sorgt sie, daß nicht unbeweibt
Sei der Dichter in der Klause,
Der zu ihrer Ehre schreibt:
Fabeln schienen sie entsprungen,
Die ich fand in Dorf und Stadt,
Hab ich einmal ausgesungen,
Werd ich nicht die Liebe satt.
Springt der Quell in einer Mulde,
Wähn ich schon ein blondes Haar,
Daß sich der Gesang gedulde,
Meint nur, wer nie trunken war.
Dies kann nicht im Harz geschehen,
Wo der Wind Legenden raunt,
Wo die Götter sichtbar gehen
Und der Sterbliche nur staunt.
Hier nennt sich mein Geistversprüher,
Romkenhaller Wasserfall,
Meint man, Wunder gabs nur früher,
Trank man nie sein Traumgelall,
Dem, der wie vor Zeit die Goten
Meinen tiefsten Traum verstand,
Hab ich meinen Gruß geboten:
Harz du holdes Sagenland.
II
Ich singe stets mit ganzer Kraft
Und tu nichts ohne Leidenschaft,
Ich bin da Prügel schon gewohnt,
Gleichwohl ich weiß, der Einsatz lohnt,
Dem Sänger frommt die Lippe rot,
Er spricht von Liebe, Treu und Tod,
Das Volk ist launig wie ein Gott
Und meistens siegt der alte Trott.
Ich sing mit Feuer und mit Blut,
Ob meine Verse schlecht und gut,
Hab ich zu prüfen nicht die Zeit,
Doch Liebe fand mich stets bereit,
Drum kann gerecht mich richten nur,
Wer sie im Übermaß erfuhr,
Wer frei war, sich die Wahl zu traun,
Wer griechisch nannt sein Vorbild Faun.
Im Harz liebt nicht der Mensch allein,
Die Vögel wollen trunken sein,
Schau, wie dem Tann der Liebreiz poch,
Nur Adler spähen schärfer noch,
Wer hier mit Stein und Blume schwingt,
Der trauert tief, bis daß er singt,
Gesang ist nichts als Freisein leicht,
Drum meine nie, die Verszahl reicht.
Den Göttern und den Genien all
Im Klammtal und am Wasserfall,
Sei Dank und Treue bis zum End,
Bis niemand meinen Namen kennt.
Die Heimat steht vor aller Wahl,
Nicht übertrumpfen Ruhm und Zahl
Was mir Harz an Wundern bot,
Noch schmälerns Untergang und Tod.
Was die Geburt erhob zum Eid,
Und wär es nichts als Schmerz und Leid,
Ich könnte niemals was bereun
Und in der Fremde mich erneun.
Ich seh im Harz den Morgenstern,
Ich heul hier mit den Hunden gern,
Ich singe stets mit ganzer Kraft
Und tu nichts ohne Leidenschaft.
ISBN der Quelle: 3926370386
Rubrik: Klassisches Altertum
Florian Kiesewetter
Wenn der Liederborn versiegte,
Spalten klaffen, Strudel ziehn,
Wenn der Mai mich nicht mehr wiegte,
Dann entsinn ich mich an ihn:
Lorbeer ziemt dem Makellosen,
Ruft die Musen auf den Plan,
Süß wie reife Aprikosen
Tönt die Melodie des Pan.
Lockend wie von Sternenboten
Klagte Sehnsucht aus dem Rohr,
Wie ein Kosmos voller Noten
Drängte sich der Reim hervor,
Tückisch sprach gespaltne Zunge,
Solche Töne schaffst du nie,
Doch ich fühlte in der Lunge
Pan mit süßer Melodie.
Kann ich mir den Mai nicht rufen,
Wenn ich denk der holden Maid?
Hör im Scharrgeräusch von Hufen
Nur das grimme Herzeleid?
Doch die Kraft ist ungebrochen,
Die begabt mit holdem Wahn,
Wo Skorpion den Fuß gestochen,
Tönt die Melodie des Pan.
Hier und Jetzt sind für den Dichter
Einzig Pole drum er kreist,
Nur dem Narren scheint es lichter,
Wenn ein Narr die Richtung weist,
Wer da Ohren hat, der heische,
Was das All am Anfang lieh,
Daß im Gegenwarts-Gekreische
Pan mit süßer Melodie.
Jenseits aller tumben Trotter
Liegt ein Quell im heilgen Hain,
Wie das Osterei das Dotter
Schließt ihn warmer Südwind ein.
Er beschenkt mit Zungensüße
Die mit Liebesgaben nahn,
Und als Unterpfand der Grüße
Tönt die Melodie des Pan.
Nie erlischt die Gnadenflamme,
Wie der Quell auch ewig sprüht,
Ich erfuhr, woher ich stamme,
Und ich stärkte mein Gemüt,
Lernte Setzen und Vertauschen
Und des Reimes Wortmagie,
Und ich werd nicht müd zu lauschen
Pan mit süßer Melodie.
ISBN der Quelle: 3926370386
Rubrik: Tiere
Florian Kiesewetter
Nur einer setzt Sein vor das Werden,
Sein glänzendes Wiegen verspricht es,
Er steht, wie kein zweiter auf Erden,
Der Löwe, der König des Lichtes.
Zu stolz, daß man etwas erkenne
Am Mienenspiel oder am Walten,
Urfeuer, dem not, daß es brenne,
Hat sich in dem König erhalten.
Im Setzen der prächtigen Pfoten,
Wird alles zum heiligen Akte,
Erscheint ihm ein Angriff geboten,
Erkennst du im Opfer das Nackte.
Er achtet nicht Sonne und Sterne,
Daß Himmel als Gleichnis ihm diene,
Erkennt der Betrachter von ferne
Auch ohne Opal und Rubine.
Wenn Mond sich gesellt seinen Plätzen,
Beweist er sich nur noch gespiegelt,
Du hörst nur das wilde Entsetzen
Des Schicksals, das stumm er besiegelt.
ISBN der Quelle: 3926370386
Rubrik: Tiere
Florian Kiesewetter
Tage, kalt wie Marmorglanz,
Trieben meinen Mut ins Soll,
Bläst das Horn zum Totentanz,
Daß mich krön der Dornenkranz,
Oder schindet mich Apoll?
Krähe, Unglücksbotin, kreisch
Über meinem Haupte wild!
Ist so süß mein mürbes Fleisch?
Glaub nicht, daß ich lang noch heisch
Nach geliebtem Innen-Bild.
War hier nicht ein Wunderquell
Und ein Ruf zu Werk und Tat?
Wind verweht die Zeichen schnell,
Meinen Gram der Weggesell
Noch vermehrt mit seinen Rat.
Plötzlich auf den Himmel tupft
Sich ein Räuber, jagt im Kreis.
Der Merlin die Beute rupft,
Und ich merke, leicht verschnupft,
Daß die Welt stets Antwort weiß.
ISBN der Quelle: 3926370386
Rubrik: Weltende
Rolf Schilling
Spürt, bis ins Herz eurer friedlichsten Tage,
Söhne des Staubs meinen knirschenden Schritt,
Wenn ich mit rauschendem Fittich zerschlage
Sanftes Getier, das mich liebend erlitt.
Schöner als Gott und die himmlischen Heere,
Reiten wir, Engel vom Unteren Reich,
Silbernen Hufs durch die steinerne Leere,
Städte, schon morgen dem Erdboden gleich.
Muschelgehäus, das ich lachend zerstöre,
Panzer aus Kalk, meinem Eifer geweiht,
Dorrender Austern arkadische Chöre
Tönen, zum Untergang heiter bereit,
Göttern, die klagend in Sümpfen versanken,
Holdeste Botschaft verkündigend: Stirb!
Beute dem zärtlichen Hieb meiner Pranken,
Krümmt sich ein Engel mit zähem Gezirp.
Falken, die heiligen Werke zu segnen,
Zucken am Himmel, den Blitzen zum Raub,
Feuer wird fallen und Asche wird regnen,
Schlangen, sich sonnende, spielen im Staub.
Nichts, nur der Schutt soll den Tag überdauern.
Dies meine Botschaft - nun geht, und viel Glück!
Fern eurem Traumgelall, fern eurem Trauern
Trägt mich mein Fittich ins Chaos zurück.
ISBN der Quelle: 3926370025
Rubrik: Alter Orient
Rolf Schilling
Sag, hast du Babylon gekannt,
Das Löwentor, die Wappenwand,
Den Himmel, hell und morgenweit?
Dort leg den Stab aus deiner Hand,
Dort kehrst du ein, vom Traum gebannt,
Am Ausgang jeder Ewigkeit.
Dort bist du Schweifender zuhaus
Im Wortgewirr, im Labyrinth.
Die Schwalben fliegen ein und aus,
Geheime Kunde weiß der Wind.
Ein Sperber, Spender dunklen Lichts,
Erbarmt sich deiner Ungeduld,
Versinkst du, starren Angesichts,
In seines Fittichs grauer Huld.
Du hast kein neues Reich entfacht,
Hast nur, geneigt ins Niezurück,
Uraltes endlich heimgebracht:
Den Abgesang, das Ernteglück,
Die letzten Flüge vor der Nacht.
Nun holt dich keine Zeit mehr ein,
Was jemals werden kann, verging,
Was morgen war, wird gestern sein,
Beginn und Ende schließt der Ring.
Fern aller Bitte, allem Ruf,
Tritt vor, nimm dein verheißnes Los.
Blind war der Gott, der dich erschuf,
Blind kehrst du heim in seinen Schoß.
Sag, hast du Babylon gekannt,
Den Regenbogen, weit gespannt,
Verschwistert allem Einst und Je?
Die Morgenhimmel sind verbrannt,
Von morschen Schwingen stäubt der Sand,
Und Schnee wird sein, viel Schnee.
ISBN der Quelle: 3926370025
Rubrik: Tod
Rolf Schilling
I
Du, falterzart,
Aus Augenblau
Erwacht, gepaart
Dem ersten Tau,
Kamst du daher,
Ein Lied, verhallt
Im Nimmermehr,
Noch ungelallt.
Du, nicht gezeugt
Für Heut und Hier,
Was dich umschweigt,
Gehört nur dir,
Dein Morgenflug
Von Pol zu Pol
Kennt kein Genug
Und kein Fahrwohl.
Dich, ungeliebt,
Wird niemand sehn,
Der Kunde gibt
Von deinem Gehen,
Die Hüter-Hand,
Die dich verletzt,
Hält dich verbannt
Aus jedem Jetzt.
Wo, was verfloß
Ins Kommen führt,
Ein Albatros
Die Flügel rührt,
Trägst du, allein
Mit Wind und Stern,
Dein Draußensein,
Dein Allem-fern.
Du, falterzart,
Zum Schlaf erwacht,
Du bleibst bewahrt
- In wessen Acht?
Im Niemandslicht
Die Schere blinkt,
Eh dein Gesicht
In Blut versinkt.
Im Trauerblau
Ein Traum, geköpft,
Hand, die den Tau
Der Augen schöpft:
Dies ist der Hirt,
Vor seinem Speer
Sank, was dir wird,
Ins Nimmermehr.
Sein Odem blies
Die Himmel klar,
Vom Nachtsaum stieß
Die weiße Schar,
Wo Stier und Schwan
Als Opfer qualmt,
Der Flügel-Clan,
Der dich zermalmt.
II
Du, ungeboren,
Du, lange tot,
Du, kaum beschworen,
Zu Traum verloht:
Wer schnitt die Flügel
Von deinem Fuß?
Wer schloß die Siegel
Für Ruf und Kuß?
Du, nie begonnen,
In Nacht zurück,
Ein Reif, zerronnen:
Vor ihrem Blick
Stehn wir geblendet,
Ihr Wiegen-Wind
Schirmt nur, was endet,
Nicht, was beginnt.
Du, vor Erkennen
Und Wahn gefeit:
Wo wir verbrennen,
Bist du der Scheit,
In allen Taten,
Gesang, Gedicht
Bist du der Atem,
Die Flamme licht.
Auf Schild und Wappen
Verblühte Spur,
Zwei Schwerter kappen
Die Bogenschnur:
Wer schliff die Sporen?
Weß Zorn bedroht
Dich, ungeboren,
Dich, lang verloht?
Aar, der die Ringe
Des Lichts zerstieß,
Hebt seine Schwinge
Vom Wolkenvlies,
Die Wege weisend
Zu dunkler Hut,
Die Himmel speisend
Von deinem Blut.
Aus keinem Schoße
Wird je dir Welt,
Bleibst du ins große
Verwehn gestellt,
Dem eignen Wähnen
So treu geeint,
Wo nur mein Sehnen
Noch wacht und weint.
ISBN der Quelle: 3926370025
Rubrik: Krieg
Rolf Schilling
Schläfer im Wald, Schläfer im Tal,
Schläfer im dämmernden Hain:
Rief euch der Herzog der Schatten zur Wal?
Schenkt euch die Spätnacht ein Sein?
Tretet heraus auf die Schwelle
Schicksals, von Sterben durchsüßt,
Hebt eure Häupter ins Helle
Steigenden Tags, der euch grüßt:
Schwertlicht, Gewitterlicht, zuckend und fahl,
Schimmert auf Stirnen von Stein.
Habt ihr die Fährten des Jägers erspäht,
Als ihr euch schartet zur Mahd?
Kreuzen die Speer-Ottern, saphirbesät,
Silbernen Bugs euren Pfad?
Banner des Rauschs, auf die Zinnen
Brennender Städte gehißt,
Engel, euch träumend zu minnen,
Schwirren vom Sterbegenist:
Ist es zu frühe? Ist es zu spät?
Fragt nicht, entfacht euch zur Tat!
Wachsen euch Flügel am splitternden Blatt,
Wenn euch der Sturmbote kor?
Loht aus der Traumeschen goldnem Geschatt
Frucht, die der Sommer verlor?
Sperber, im Speeredurchragten,
Winden sich, Fang eurem Stoß,
Nimrod, Gebieter der Jagden,
Läßt seine Windspiele los,
Herz, der Vergängnis, der Wiederkehr satt,
Birst unterm Hammer des Thor.
Schläfer im Hain, Schläfer im Tal,
Schläfer im dämmernden Wald,
Scharen der Fahnder, gegürtet in Stahl,
Schatten, ins Feuer gekrallt,
Widder, berenn die Gemäuer,
Adler, verzuck im Geloh,
Stürzt euch, mit Schwingen aus Feuer,
Jauchzend ins Nirgendwo,
Schwarzfittich, schattend auf Asche und Gral,
Schirmt, was erklang, was verhallt.
Spur der Behuften, von Äsern gesäumt,
Brandung und rauchender Scheit,
Stierhaupt, in purpurne Himmel gebäumt,
Führt euren Zug aus der Zeit,
Lehm deckt verrottende Münder,
Welle schwemmt blutigen Laich,
Sturmvogel, Frühlings Verkünder,
Schweigt vom verheißenen Reich:
War es erlitten? War es erträumt?
Wahn hat die Wege verschneit,
Aber in Schwerthimmeln, lichtüberschäumt,
Dauert der ewige Streit.
ISBN der Quelle: 3926370025
Rubrik: Germanen und Kelten
Rolf Schilling
Geh, unter Blitzen geborgen,
Nimm deine Götter mit dir,
Zwischen Gestern und Morgen
Bist du der blinde Kurier,
Schatzhüter, silbern betresste,
Schirmen die Grotte am Hang,
Wo sich die Holder der Queste
Sammeln zum Abschieds-Gesang.
Stämme, schwankend im Winde,
Gitter, auf Steine gelegt,
Unter der brüchtigen Rinde,
Die unser Anwesen trägt,
Dehnen sich weite Paläste,
Garten, Brunnen, Verlies,
Steht eine andere Queste,
Schattend auf Säule und Vlies.
Sie, jener oberen Spiegel,
Dauert, wenn diese verging,
Mit diamantenem Siegel
Ruft sie die Jünger zum Thing,
Heimstatt befiederter Gäste,
Schlafender Adler Gezelt,
Neigt sich die Untere Queste
Über die Wurzeln der Welt.
Schlange, Zeit und Mäander
Weben den goldenen Saum,
Bieten Ziel dem Gewander,
Bieten Halt unserm Traum,
Wirrnis verflochtener Äste,
Laubhaar und Blüten-Gebind
Wölbt an der Unteren Queste
Bögen zum Labyrinth.
Wipfel im Holden, im Heilen,
Weltesche, runenbestickt,
Wer sie entziffert, die Zeilen,
Hat in die Zukunft geblickt,
Feder aus brennendem Neste,
Wer sie entschleierte, weiß:
Heimkehr im Zeichen der Queste
Bleibt ihr geheimes Geheiß.
Zeigen die Weiser nach Norden,
Trägt deine Stirne das Mal,
Ruft dich der samt-schwarze Orden,
Ritter vom Inneren Gral,
Aber zum Fest aller Feste,
Schweifenden Göttern gesellt,
Schweben die Holder der Queste
Über den Wipfeln der Welt.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Klassisches Altertum
Rolf Schilling
I
Mai hat uns Tau gewährt,
November Schnee,
Ob, was nicht wiederkehrt,
Im Wort besteh?
Die deinen Wahn genährt
Mit Lust und Weh,
Sie stehn am Spätgefährt,
Und sprechen: Geh!
Von dunklem Traum beschwert,
Stichst du in See.
II
Entsteigst du dem Schoß der Mithräen,
Vom Blut noch des Stieres benetzt,
Beflügeln zwei Gold-Skarabäen
Dein Aug, das den Himmel abschätzt.
Verknüpfst du den Gipfel der Grotte,
Verklärst du die Schreie zum Sang,
Berufst du die Schar, die dem Gotte
Zur Herbstwacht befiedert entschwang.
Nicht allein die die Kralle dir schärfen,
Gehen dir nah, deinem Wahn parallel,
Auch die anderen, die dich verwerfen,
Gehorchen geheimem Befehl.
Nicht verlangt deine Stimme nach Worten,
Wo ein Blick, wo ein Zeichen genügt,
Der gemessene Schritt der Cohorten
Sei das Maß, dem dein Walten sich fügt.
III
Da du vom Quell in die Ebenen schrittest,
Waren dir Raben und Krähen genaht,
Flur, die du blühen sahst, Korn, das du schnittest,
Säume nicht länger den dunkelnden Pfad.
Worte, vertane, die dich nicht bedeuten,
Stimmen, verwundete, die du nicht heilst,
Wölfe, dir folgend in hungrigen Meuten,
Sind dein Geleit, da du sanglos enteilst.
Fittiche weisen dir, schweigendem Geher,
Masken aus Schnee, die der Frühwind zerbricht,
Unter dem Himmel der Hyperboreer
Treten die mächtigen Schatten ans Licht.
IV
Spann deine Segel ins Verweste,
Wenn auch der Schleier Traums zerreißt:
Dein Wink ist eines Ritters Geste,
Dein Geist ist eines Kriegers Geist.
Rufst du den Schwan, das er dich leite,
Bringt er sein Herz dir, Drifter, dar,
So bleibst du der im Fall Gefeite,
Dir selber Freistatt und Gefahr.
Nur einer - Blut sind seine Spuren -
Kürt blanker Klinge dich zur Braut
Und zeichnet magische Figuren
Auf deine bald schon welke Haut.
Nur einer, der dir nie begegnet,
Wird wachen, wo dich niemand kennt:
Er ist die Schlange, die dich segnet,
Und ist der Blitz, der dich verbrennt.
V
Sprich, Schatzhüter Greif:
Siegt Gold über Grauen?
Rührt nächtige Auen
Von Holdem ein Streif?
Sag, Schweiger im Schacht:
Den Schatten im Klange,
Das Siegel der Schlange -
Wer hält es in Acht?
Du bleibst, vor es tagt,
Der Zeichen-Verzückte,
Der Flügel-Bestückte,
Von Geren umragt.
Wird, Wahrer des Banns,
Dich Traum auch beschweren,
Wird Flamme dich sehren -
Du waltest im Glanz.
Wird Blut, das verrollt,
Den Fittich dir streifen,
Du wirst es ergreifen
Mit Klauen von Gold.
Nicht fährt, vor es tagt,
Dein Schatten vom Hügel,
Doch über der Tiefe
Wacht samten dein Flügel
Und, wenn er entschliefe,
Dein Aug von Smaragd.
VI
Geh zu den Hyperboreern,
Jenseits von Wasser und Land
Hebt sich, von Sängern und Sehern
Dunkel aus Träumen bekannt,
Halle, von Harfen durchtönte,
Schlafender Ritter Castell,
Labt sich Hirsch der Grkrönte
Am elysäischen Quell.
Wenn dich die Wasser umfangen,
Wenn dir die Küste verschwimmt,
Bleibst du, von Schleiern verhangen,
Lichtem Ziele bestimmt,
Fährst du fernhin durch hohe
Abende, sonnig und klar,
Stehn die Schatten in Lohe
Unterm Wind der Gefahr.
Lecken salzige Wogen
Deinen befiederten Fuß,
Salbt der Gott mit dem Bogen
Deine Stirne mit Ruß,
Er, der die Düsternis lichtet,
Er, der die Sphären umfaßt,
Hat schon die Tafel gerichtet
Dir seinem spätesten Gast.
Tönt aus balsamischer Grotte
Leise der Holder Geharf,
Löst sich vom träumenden Gotte,
Was er einst spielend entwarf,
Schwirren goldene Bienen
Flüsternd zum Honig-Hort,
Weilst du blind unter ihnen,
Ohne Wink, ohne Wort.
Kommen die Schwäne gezogen,
Die dir der Lichte verhieß,
Trenn dich von Brünne und Bogen,
Ritter vom Goldenen Vlies,
Dunkel sind deine Farben,
Aber dein Auge ist blau,
Schenkst du, Schnitter, die Garben,
Schlägst du, Adler, den Pfau.
Geh zu den Hyperboreern,
Drifter im Nachen Apolls,
Kehr, wenn die Nebel sich nähern,
Heim an die Schwelle des Golds,
Weinlaub auf dämmernden Schläfen,
Asche von Eden bestaubts,
Heil aus den brennenden Häfen
Fahren wir, heiteren Haupts.
VII
Tritt ein ins Haus des Wassermanns,
Lösch deine Glut im Firn,
Von weißen Schwingen dunkler Glanz
Senkt sich auf deine Stirn.
Laß, was du wobst und was du wägst,
Dem kühlen Souverän,
Er wird die Wolfshaut, die du trägst,
Mit Sternen übersän.
Der Pfeil, der auf dein Herz gezielt,
Schwebt über deinem Haar,
Dem Drachen, der die Harfe spielt,
Reichst du den Becher dar.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Liebe
Rolf Schilling
Wir trugen durch endlose Räume
Das Kreuz, drin die irdische Gier
Erlischt, doch im Dunkel der Träume
Stand weiß und unzähmbar das Tier.
Und keiner, der sagt, was es sinne,
Und keiner, der weiß, ob es sei,
Doch wenn wir uns grüßten in Minne,
War immer das Einhorn dabei.
Wo Stirnen sich schmückten mit Speeren,
Frau Venus mit blühendem Reis
Uns rührte, das Holde vom Hehren
Sanft schied, und wir schritten in Weiß,
Wo Küsse den Büßer entsühnen,
In Wäldern, wo ewiger Mai
Die Minner beglückte, die kühnen,
War immer das Einhorn dabei.
Horn Oberons, Hörner der Brüste,
Horn Thors, draus verdunkelt das Blut
Des Delphins von goldener Küste
Verströmt in die salzige Flut,
Horn Rolands, Gepränge der Recken,
Horn Klingsors, aus berstendem Ei -
Wo Stämme stehn, Schäfte sich strecken,
War immer das Einhorn dabei.
Wo Schlangen die Häupter erheben
In Säumen von seidener Haut,
Der Purpur aus Ranken und Reben
In Trauben, belaubten, sich staut,
Wo Quester-Adepten im Schatten
Dem Gralshüter, daß er sie weih,
Sich neigten zu frommem Begatten,
War immer das Einhorn dabei.
Sein Bild blich im Grün der Gefilde:
Gibt Winter die Treibenden frei,
Fügt keiner die Splitter zum Bilde,
Trägt keiner den Speer, der ihn frei.
Doch wenn, wie von göttlicher Gilde
Zur Hochzeit entboten, wir zwei
Uns finden im Spiegel der Schilde,
War immer das Einhorn dabei.
ISBN der Quelle: 3926370335
Rubrik: Initiation
Rolf Schilling
Ein dunkler Strom, der über Stufen rann,
Und wie ein Wiegen hob es langsam an,
Und wie ein Schatten aus dem Paradies
Trat einer ein aus Nacht und Schlafes Bann.
Es war ein Knabe, der die Flöte blies,
Er trug auf Schultern schmal das Purpur-Vlies,
Und was er wirkte, was sein Wink beschwor,
War Stolz und Traurigkeit und nichts als dies.
Wie Schlangen stand sein Sang vor deinem Ohr,
Doch als die Lippe dann das Lied verlor,
War Sanftheit bald in Wagemut verkehrt,
Und Speere blitzten aus dem Rosenflor.
Ein Schein von Blut auf seinem Bronze-Schwert
War dir Befehl zu folgen, und er lehrt:
Wer so wie du den Wurf Apolls nicht scheut,
Ist edlen Stamms und aller Weihen wert.
Sein Finger - war es gestern? War es heut? -
Band Flechten aus Orakeln und Gekräut,
So setz die Zeichen, Blut und Banner gib
Dem Drifter, daß er deine Träume deut.
Ob er die Antwort in den Sand dir schrieb?
Ob er dein Floß zu dunklen Ufern trieb?
Und steht sein Licht noch über Tal und Teich,
Wenn vom Gesagten kaum ein Hauch verblieb?
Hier sieh das Tor, hier endet sein Bereich,
Und Flocken lösen sich und fallen weich
Auf deine Stirn, verstoßen ins Gewog
Von seinem Stab, dem deinen nicht mehr gleich.
Du weißt nicht, ob er lachte, ob er log,
Ob er den Lorbeer dir zu Kronen bog,
Nicht wer ihn ausgesandt noch wer er war,
Nur daß er weilte und dann weiterzog.
Doch lag ein dunkler Glanz auf seinem Haar,
Ein Widerschein von Größe und Gefahr,
Und all dein Ruhm, novemberlich im Mai,
Verweht vor ihm wie Asche vom Altar.
So schritt er leicht im Wind und ging vorbei,
Du weißt, er liebt dich nicht, was immer sei,
Und was auch wiederkehrt und was begann,
Trägt ihn nicht her und gibt sein Bild nicht frei.
Nur dunkles Blut, das über Stufen rann,
Und wie ein Wiegen hebt es manchmal an
Und wird als Weinen laut und wächst zum Schrei
Und stirbt in Schlafes Haft und Traumes Bann.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Natur
Rolf Schilling
Tief ist der Wald. Wo der Wind schläft im Dämmer der Eichen,
Verträumen die Nattern den Tag, und es rieselt der Sand
Unaufhörlich vom Hügel zum Saum, den die Wasser begleichen,
Doch über dem Joch steht ein farbiger Bogen gespannt.
Gefilde des Lichts und des Himmels, du hast sie befahren,
Verwirf ihre Lockung, besieh dich im Spiegel und stell
Dein Haus in den Strom, und er trägt dich, er wird dich bewahren
Im Sturm, der die Wipfel zerreißt, und wir ruhen am Quell.
Die Dunklen behüten den Hort: Salamander und Kröte,
Das Zepter des Pan schattet samten, wo silbern und kühl
Forellen die Wogen durchschneiden, der Eschenhaugk böte
Noch immer dem Drachen ein Obdach und Adlern Asyl.
Und was wir verloren, kehrt reicher zurück, wir empfangen,
Zur Nacht, was der Abend uns nahm, und die Stimmen sind hell,
Der Falke bewacht unsern Hag, und die Herrin der Schlangen
Beschirmt unsern Gang zum Altar, und wir singen am Quell.
Vergrab dich ins Grün, wenn der Frühtau die Gräser befeuchtet,
Bekränz dich mit Schilf, tu dem Hüter die Speer-Stunde kund,
Erwähl deine Kämpfer und schärfe den Stahl, bis er leuchtet,
So neigt sich zur blutenden Wunde der blutende Mund.
Hüllt Nebel die Pfade des Pan, stehn die Birken entblättert,
Der Hüter in schuppiger Haut reicht dem Quester im Fell
Vergessens Getränk, doch der Stein, der die Harfe zerschmettert,
Schläft noch in der Hand, die ihn hob, und wir trinken am Quell.
Wir ziehn, wird die Stunde auch dunkler und drohender, weiter,
Wir geben uns ganz in der nächtigen Schweifer Geleit,
Das Horn, das dem Treiben ein Ende setzt, findet uns heiter,
Wir blühen dem Traum zu, wir wissen nichts mehr von der Zeit.
Wir lagern im Schatten, der Herbst bringt die Schnitter zur Reife,
Nicht rührt uns ihr Fittich noch schreckt uns der Doggen Gebell,
Wir schlummern, vom Südwind gewiegt, wo die Garde der Greife
Den Goldhort vor Spähern beschirmt, und wir träumen am Quell.
Hold ist der Herbst uns. Der Speer, der die Gralshüter feite,
Berührt unsre Stirnen. Wenn Ritter mit schwarzem Panier
Ihr Herzblut ergießen auf Steine, der Sonne geweihte,
Empfangen die Widder den mächtigen Zustrom vom Stier.
Wer sagt dann, ob Krieger entstehn aus dem Samen des Drachen
Und ob sich der Adler des Zeus dem des Odin gesell?
Wer wiederkehrt, waltet im Traum, und wer stirbt, wird erwachen,
Der Hirt, der die Tore schloß, schweigt, und es raunt noch der Quell.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Fabeltiere
Rolf Schilling
I
Laß ab vom Stock der goldnen Biene
Und such des Wassermanns Palast,
Der deine Gärten, Melusine,
Mit Gürteln sanft aus Tang umfaßt.
Sein Auge schenkt dem Wasser Helle,
Sein Atem macht das Trübe klar,
Und was du spürst von Sturm und Welle,
Ist nur sein Hauch in deinem Haar.
Geborgen in der blauen Tiefe
Spielst du mit Muschel, Schnecke, Schwamm,
Dort wirf die Netze aus und hieve
Die Gold-Amphore aus dem Schlamm.
Wächst aus dem Rachen der Charybde
Die Woge, die den Fels bezwingt,
Hältst du dem Hüter das Gelübde
Und trinkst vom Quell, der ihm entspringt.
II
Als noch die Falken zu dir drangen,
Warst du des Winds Gebieterin,
Nun da dir Huf und Horn verklangen,
Gibst du dich ganz der Tiefe hin.
Ob dir der Schwanen-Ritter diene?
Er kommt, und hold ist sein Gebot:
Auf deine Lippen Melusine,
Legt er des Herbstes Gold und Rot.
Er schöpft aus goldenen Amphoren,
Er ficht mit funkelndem Florett,
Was du bei Tag an Glanz verloren,
Macht seine Huld im Dunkel wett.
Und wenn die Ufer sich verwischen,
Wirst du dem Gott, der dich bestritt,
Dein Blut nur inniger vermischen,
Je tiefer seine Klinge schnitt.
III
Fach, wenn im Schatten der Gynander
Dich traf, des Altars Flammen an:
Dort wachst du mit dem Salamander,
Dort schläfst du mit dem Wassermann.
Wo du versinkst im Gold-Besprühten,
Sind andre Zeichen dir gesetzt
Und Siegel, die dich immer hüten,
Solang du selbst sie nicht verletzt.
Der aus dem Blut der Purpur-Schnecke
Die Säfte, die dich heilen, braut,
Färbt Speere Schaft und Schildes Decke,
Dann trägst auch du die Sternen-Haut.
Und wenn kein Himmel dir erschiene,
Du spürst im Schilf, das zu dir spricht,
Den Hauch des Hüters, Melusine,
Und seiner Lippen goldnes Licht.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Staatmänner und Feldherren
Rolf Schilling
Auf den Säulen Widder-Felle,
Stern, der sich zur Erde kehrt:
Nur der Traum schenkt solche Helle,
Unbeweglich auf der Schwelle
Steht der Wächter mit dem Schwert.
Er bewahrt es in der Scheide,
Er behütet unser Haus.
Was der Streiter auch erleide,
Zeitlos gelten seine Eide,
Und kein Zauber löscht sie aus.
Herz und Lippe sind versiegelt,
Doch das Antlitz zeigt es ganz,
Was die Sprache nicht entriegelt,
Nie gesehne Himmel spiegelt
Seines Leibes nackter Glanz.
Flammen-Haar, bedacht von Aaren,
Marmor-Schnee und Wolken-Firn:
Weiße Schlangen, die sich paaren,
Künder künftiger Gefahren
Streifen träumerisch die Stirn.
Wird er stehen? Wird er fallen?
Jeder Kämpfer fällt zuletzt.
Aber einmal über allen
Wahn-Gedanken strahlt metallen
Ares, der die Kinge wetzt.
Steigt der Held vom Hügel nieder,
Rüstet sich das Horn zum Stoß.
Marmor wird zur Flamme wieder,
Adler breiten ihr Gefieder
Über Wasser uferlos.
Stahl, aufzuckend wie Gewitter,
Mißt sich mit des Löwen Brunft.
Stürzt im Sand der Wüsten-Ritter,
Wird sein Herz dem wilden Schnitter
Siegel seiner Wiederkunft.
Ferne Welten, leicht bezwungen:
Wenn der Arm die Sehne strafft,
Spricht der Dichter bald in Zungen,
Aber eh der Kranz errungen,
Nehmen Schatten uns in Haft.
Biete vor Zypressen-Hainen
Hades unserm Walten Halt,
Ragt im Himmels-Blau, im reinen,
Keins der Zeichen, nur des Einen
Dunkle schimmernde Gestalt.
Ob sein Aug im Traum erstarrte?
Ob der Waffen-Gang gelang?
Rost wächst aus des Schwertes Scharte,
Doch der Aar auf der Standarte
Trägt die Fackel noch im Fang.
Urnen und zerbrochne Flügel,
Niemand ist zurückgekehrt.
Blut verschloß die Sonnen-Siegel,
Nackt und schweigend vor dem Spiegel
Steht der Wächter mit dem Schwert.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Pilze
Rolf Schilling
I
ZAHLEN-SONETT
Null: Schoß, Quell, Urnichts, goldnes Oster-O,
Eins: Flamme, Zepter, Liebespfeil, Narziß
Zwei: Schwingenpaar, Geweih, Licht, Finsternis,
Drei: Stirn-Aug, Sparren, Gott und Geist-Geloh.
Vier: Jahres-Ring, Kreuz, Raute, reines Dur,
Fünf: Mistel, Zeit-Vernichter: Keil, Fuß, Hand,
Sechs: Stern des Hirten, Wabe, Diamant,
Sieben: Strahlenhaus, das Phaeton befuhr.
Acht: Spinne, Sleipnir, Doppel-Blick der Zeit,
Neun: Krummstab, Schnecke, Blatt vom Asphodill,
Zehn: Blankvers, Spanne Lebens Lethe-her.
Elf: Yin und Yang, Torwächter Speer an Speer,
Zwölf: Mittag, Mittnacht, Schar, dem Gral geweiht,
Im Glanz des Zodiak dein Schild, Achill.
II
YPSILON-SONETT
Wenn Hyazinth im Schimmerer der Berylle
Krystallen sich erblickt, wächst der Polyp
Zur Hyder, daß die Pythische Sibylle
In Hieroglyphen sich und Hymnen üb.
Hyperborea grünt, es fügt der Skythe
Den Zweig zur Zwille: Hütet Yggdrasil
Walkyren androgyn, blüht aus der Mythe
Der Thyrsos wie aus Krypten das Reptil.
Syrinx ertönt im Rauschen der Charybden,
Der Python paart im innersten Ägypten
Des Goldes Glanz der Schwärze des Onyx.
Zypresse hüllt die Myrte, doch dem Mysten
Entbietet Sphinx im Spiegel amethysten
Asyl, bis der Olymp sinkt im Styx.
III
ECHSEN-SONETT
Steig in den Silber-Fluß und fang den Lachs,
Eh dich der Blick des Krokodils verhexe,
Goldkorn im Rachen der Smaragd-Eidechse
Zerschmelze wie im Kelch das Kerzenwachs.
Birg das Chamäleon im Rot des Phlox,
Bewirte den Waran mit jungen Dachsen
Und sieh die Schatten aus dem Styx erwachsen
Wie Schlangen-Häupter aus dem Blut des Bocks.
Der Typhon ficht mit Hermelin und Luchs,
Der Pterodaktylus erwebt sich flugs,
Aus Grüften wuchert phallisches Gewächs.
Vom Quell entwich die Natter mit der Nixe,
Und knirschend schreitet über Kruzifixe
Der Pontifex: Tyrannosaurus Rex.
IV
PILZ-SONETT
Die Lorchel ist ein Hirn in feuchter Blöße
Und wie die Schlangen des Laokoon,
Das Zepter Pans dringt in der Nymphen Schöße
Und sorgt, daß uns der sanfte Herbst besonn.
Des Panthers Pranke trifft wie Fechterstöße,
Seine Schatten leuchtet auf dem Acheron,
Wer je den Stolzen sah in seiner Größe,
Der schmäht den Tag und trägt den Traum davon.
Von Soma sprach der Falke dem Entflammten,
Lingzhi ist biegsam wie des Einhorns Horn,
Stark wie der Zauber, den der Geist begehrt,
Wenn, zart wie Federflaum, wie Falter samten,
Der Gott den Glanz von Blut und Mutterkorn
Ins Herz dir senkt und in die Stirn ein Schwert.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Dichter
Rolf Schilling
Spätes Wort, von Säulenschäften
Bröckelnd, Steinen, die der Regen
Reinwäscht, flüchtig aufgetragen,
Spätes Wort, mit Elsterfedern
In den kalten Wind geschrieben,
In das Wasser wie der Name
Dessen, der zur Hirtenstunde
Welker Himmel Gold erträumte.
Aber immernoch und wieder
Ist es eine Opfergabe
Auf dem Tisch der alten Götter.
Noch verstörmt wie Gold ihr Odem.
Noch verwandelt sich die Asche
Unaufhörlich in die Rose.
Noch verwandelt sich in Feuer
Nackter Fels, vom Wort getroffen.
Nicht vom Seim der Purpurtrauben
Sei das Opfermahl bereitet:
Ach, es sind die alten Götter
Mit Geringerm nicht zufrieden
Als dem Blut, das wir vergießen,
Wo sich Pan, der weiße Widder
Mit dem Sonnen-Stier verschwistert,
Daß Gesang sei bis zum Abend.
Grausam sind der Götter Spiele.
Wer sie spürt im Ungetrübten
Wird, von ihrem Glanz geschlagen,
Blind sich im Gestrüpp verlieren.
Doch sie schützen uns hienieden,
Doch sie hüten Horst und Herde,
Geben Atem deiner Stimme,
Lassen blühen, was gesät war.
Was der Frühste dir verkündet,
Wird der Späteste gewähren.
Er, den nie ein Schatten streifte,
Hat sein Gold dir zugewogen,
Und dein Wort, das ihn bedeutet,
Gleitet über Lanzenspitzen,
Funkelt über Drachenschlünden
Zart wie ein Libellen-Flügel,
Hart wie Damaszener Stahl.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Liebe
Rolf Schilling
Der Holder ist an Gruft und Blut gebunden.
Er träumt am Ufer, dunkel wie das Tier,
Das zu ihm sprach: »Dir soll der Wermut munden.
Um deine Säule, die der Sonnen-Stier
Verließ, hat Erdas Schlange sich gewunden
Als Hüterin am inneren Menhir.
Im Weiherschilf, wo süß die Unke läutet,
Empfang den Spruch und laß ihn ungedeutet.«
Der Quester aber kommt aus edler Sphäre.
Er lebt im Licht, im hellen Element.
Er atmet, bis der Glänzer ihn verkläre,
Vom Balsam, den Apoll ihm spendet. Nennt
Der Ferge, der ihn hegt auf leichter Fähre,
Das Ziel der Fahrt, eh Neptun den Trident
Erhebt, Aquarius des Hauses Pforten
Ihm auftut, später Himmel Gold zu horten?
Der Holder spielt im Dämmer mit Skorpionen.
Der Quester hat den Widder sich erkiest.
Doch wird die Schnitterin den Spieler schonen,
Solang der Mohn blüht, und der Hüter schließt
Das Tor erst, wenn im Hochzeitsflug der Drohnen
Die Welt von Gold und Purpur überfließt
Und alle Himmel tönen, bis im Hagen
Der Holder kniet, den Questenkranz zu tragen.
Der Quester ist vom Holder nicht zu trennen.
Wenn Mistel weiß entspringt im Wipfelgrün,
Wird überm Quell der Lilienkelch entbrennen,
Daraus zur Mittnacht rote Funken sprühn.
Der Holder wird im Quester sich erkennen,
Der Quester wird in Holders Haft erblühn:
So öffnen sie, wo nachts der Salamander
Erglüht, ihr Herz und strömen ineinander.
Zwei Stimmen gehen, die dunkle und die helle,
Im Rausch der Falternacht ihr Bündnis ein,
Vermählt, vertauscht, verwoben wie die Welle
Dem Duft des Zephirs, der sich neigt im Hain.
Der Holder schöpft den Nektar aus der Quelle.
Der Quester pflanzt sein Schwert am Echsenstein.
Und nur der Blüher von verwandtem Stamme
Spürt, wer sie sind: ein Mund und eine Flamme.
Orion setzt sein Wild auf ihre Spuren.
Aurora säumt mit Rosen ihren Pfad.
Zu ihren Häupten ziehn die Dioskuren.
Auf ihren Feldern reift die Sternen-Saat.
Ein großer Odem wogt, da sich azuren
Die Hyder aufbäumt, Pfauen schlagen Rad,
Wo Zwillings-Adlern gleich, die sich beschwingen,
Zwei Stimmen stehn, den einen Traum zu singen.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Blumen
Rolf Schilling
Für Sylvia
Wenn die Tiger-Blume blüht,
Steht der Sommer auf der Schneide
Schwerts, daß er die Zeiten scheide,
Aber immer kommt verfrüht,
Wer sich anschickt zu erspähen,
Wie, bewacht von Skarabäen,
Drachenblut auf Gold zu säen
Sich die Tigerin bemüht.
Gelbe Blätter, schlaff gekreppt,
Säumen Schalen mit Gewürzen,
Satten, die den Sinn bestürzen,
Daß der schwebende Adept
Tiefer sich in Purpur-Schlünde
Senke, daß auf samtner Pfründe
Blick und Flügel sich entzünde,
Eh der Feuerstrom verebbt.
Ein fast fleischliches Gelüst
Spricht aus ihrem Kelch, der offen,
Wie vom Liebespfeil getroffen,
Trägt das schwankende Gerüst
Der entflammten Staubgefäße:
Was die Drachenfrau vergäße,
Wär dem Quester das gemäße
Und dem Tiger, der sie küßt.
Purpur-Blick aus goldnem Schoß:
Vor dem sanften Flammenwerfer
Werden Fang und Kralle schärfer,
Liegen alle Adern bloß,
Eh der Wächter Schlaf-verhangen
Aufsteht, unterm Schirm der Schlangen
Blut und Opfer zu empfangen
Für die Götter Mexikos.
Kaum begonnen, schon gebeugt,
Sinken in der Abendkühle
Häupter welk auf braune Pfühle,
Doch ihr Zauber bleibt bezeugt,
Wenn die Eintags-Blüherinnen
Münder, die sie singen, minnen,
Ewig wieder zu gewinnen
Tiger-Purpur Gold-geäugt.
Wenn die Tiger-Blume blüht,
Scheint der Schlangenring geschlossen,
Scheint die Neige ausgegossen,
Doch der Sonnen-Widder sprüht
Weiter seine goldne Garbe,
Daß der Stempel, daß die Narbe
Leuchten in des Feuers Farbe,
Bis des Tigers Grimm verglüht.
ISBN der Quelle: 3926370319
Rubrik: Astrologie
Florian Kiesewetter
Wassermann, Vater der Dichter,
Fische, lebendiger Quell,
Widder, o Feind der Verzichter,
Stier, wie erscheinst du so hell,
Zwilling, mein Bruder-Verpflichter,
Krebs, du verzwickter Gesell,
Löwe, der König der Lichter,
Jungfrau, mit Hundegebell,
Waage, gerechter Gewichter,
Skorpion, der listig und schnell,
Schütze, der wählt ohne Richter,
Steinbock, mit goldenem Fell.
ISBN der Quelle: 3926370386
Rubrik: Metall
Rolf Schilling
I
Gold: Gewalt versunkner Sonnen,
Wurmbettsfeuer, Schlangen hold,
Von der Sage Garn umsponnen,
Gold.
Ob der Greif dem Späher grollt?
Quillt ein Licht aus dunklem Bronnen?
Hat der Drache sich entrollt?
Glück der Tiefe, kaum gewonnen,
Wem entrissen? wem gezollt?
Glanz verströmt und Glut geronnen,
Gold.
II
Holdes Hort: von Wurm und Greif
Streng gehegt an dunklem Ort,
Daß kein Himmels-Fittich streif
Goldes Hort.
Leu und Lindwurm lagern dort,
Drachen mit gerolltem Schweif
Flammen auf und schlummern fort.
Nun die Nattern mit Gepfeif
Sammeln sich zum Hold-Akkord,
Schweigend ruht im Schlangen-Reif
Goldes Hort.
III
Gold und Blut: Geschwister-Paar,
Rosen-Glanz und Sonnen-Glut,
Doppelklinge, Doppel-Aar:
Gold und Blut.
Blut: bewahrt in Leibes Hut,
Gold: im Auge offenbar,
Zeichen, drin das Heil beruht.
Flamme, steigend am Altar -
Blitz die Schneide, springt die Flut:
Gib dich hin und nimmer spar
Gold und Blut.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Edelstein
Rolf Schilling
I
Dich nur zierte der Türkis:
Kupfer aus des Hahns Gefieder
Schließt ihn ein, des Widders Vlies
Hüllt die Schulter dir, die Lider
Schattet Mohnblatt, Pans Gesänge
Wiegen dich, es züngeln scheu
Schlangen dir als Ohr-Gehänge,
Trägt dein Schoß den roten Leu.
Andre schmückt der weiße Flieder,
Andre salben ihre Fänge
Mit Gamander und Anis,
Andern bindet Gold die Glieder:
Dich nur zierte der Türkis.
II
Dir nur taugte der Samaragd,
Botin aus des Drachen Halle:
Nicht zur Liebe, doch zur Jagd
Schärfst du deine Silber-Kralle,
Die den Aar zu bannen wagt.
Winkst du mit gefeitem Finger,
Streift der Falter in die Falle
Deines Traums, doch ungefragt
Kommt der Tiger, dein Bezwinger,
Dem der Drachenkampf behagt.
Dir nur glänzt die sanfte Klaue,
Dir nur grünt die Morgen-Aue,
Dir nur taugte der Smaragd.
III
Dir nur ziemte der Rubin:
Rosen-weiß ins Rosen-Rote
Drängend hold das Tier erschien:
Hobst du, wenn sein Horn dir drohte,
Deinen Schild, durchstieß es ihn.
Sonnen-Hauch, der uns umflorte,
Übergoß mit Karmesin
Dich, von Einhorns Horn Durchbohrte,
Dich, unwillig zu entfliehn.
Blut entsprang und Flamme lohte,
Sperber flog, der Todes-Bote,
Doch du blühst im Hermelin:
Dir nur ziemte der Rubin.
ISBN der Quelle: 3926370092
Rubrik: Ostsee
Uwe Lammla
Vineta, sang die Mutter mir,
Vineta, ach, wie warst du hehr,
Vineta, aller Balten Zier,
Warum nahm dich das kalte Meer?
Dies sind die Weisen, die betörn,
Als Kind, als Mann, zur Todesstund,
Im Seewind meint man noch zu hörn
Den Glockenklang vom Meeresgrund.
Die Sage ist recht rasch erzählt,
Die Hoffart und die Eitelkeit
Ham statt des Herrn das Gold gewählt
Und grinsten dabei frech und breit.
Durch Spiegel, farbig hell im Dunst,
Und durch der Meerfrau Abgesang,
Erkannte wohl die Wahrsag-Kunst,
Daß nah der Schreckens-Untergang.
Doch soll das Urteil Demut nicht
Gefunden haben, Buß und Reu,
Vinetas Volk hielt das Gericht
Für Spuk und blieb sich selber treu.
So mags gerecht gewesen sein,
Daß jeder Damm zur Stunde brach,
Jedoch, ach, Mutter sing, ich wein
Und träum den kalten Fluten nach.
ISBN der Quelle: 3867036926
Rubrik: Preußen
Uwe Lammla
Für Oskar Loerke
Einst in Jungen nahe Schwetz
An der Weichsel wuchs ein Knab,
Der als Ostens Meister Petz
Nahm Berlin im raschen Trab,
Von Vineta schrieb er früh
Und er pries den großen Pan,
Und er zog ins Waldgeblüh,
Da im Reich regiert der Wahn.
Wo der Turmbau eilig schritt,
Sieht das Kind den Oger nahn,
Und von Dürers Dreifachritt
Träumt im See ein morscher Kahn,
Grad da eine Welt versinkt,
Drin die Blüher Sinn und Maß,
Er sich einer Kunst verdingt,
Der es reicht, was er besaß.
Wie die Armut im Gedicht
Aufsingt, bleibt sie Dichtern treu,
Darum auch verwunderts nicht,
Daß der Halde Schutt und Spreu,
Eine selten reiche Schar
Hochgestimmter Lieder schuf,
Wo die Welt am Ende war,
Klang der Windzeit Nebelruf.
Zwei Jahrzehnte warf das Land
An der Oder Sproß um Sproß,
Der den Bogen in der Hand
Pfeile deutschen Sangs verschoß,
Wo der Erstling pries den Elch,
Folgten Otter, Schierling, Wurz,
Und der Spätre fragt sich, welch
Genius stieg so steil, so kurz.
Drum ist wohl der kleine Ort
Dieser Herkunft recht benamt,
Denn der Jugend Zauberwort
Kennt den Traum, daher ihr kamt,
Jeder Dichter dieser Zeit
Gelte mir als Großpapa,
Und der Osten, hell und weit,
Stellt die erste Garde da.
ISBN der Quelle: 3926370742
Rubrik: Griechenland
Uwe Lammla
Er weiß sich fest und froh in seiner Welt,
Von deren Gipfeln man die Ufer schaut,
Sein Haar ist weiß und Morgendunst-betaut,
Er tut seit Urzeit nur, was ihm gefällt.
Er hegt die Tiere seit der Niederkunft
Und hat für sie manch grimmer Fahr getrotzt,
Sein Frühstück, das von Waldes-Honig strotzt,
Läßt er den Göttern nicht, doch alle Brunft
Von Menschen, Schafen, Ziegen, Federvieh
Erscheint ihm dem Geheimnis abgeschaut,
Das wolkig sich am Horizonte braut.
Zwar gibt es Unterstände da und hie
Und manche haben Krüge starken Weins,
Daß er im warmen Fell der Herde träumt,
Es gibt nichts, was ihn ruft, was er versäumt,
Bis Hermes kommt und macht mit Lethe eins.
Hochebnen, wo er streift und nichts vergaß,
Das Grün ist oft verbrannt und nährt gering,
Am Waldsaum, hin er manche Male ging
Im Juli, wächst das saftigere Gras.
In Senken, wo das krautige Gewächs
Und Gräser aller Arten seiner Schar,
Die, als er jung, noch nicht so zahlreich war,
Wohl munden, weilt er, Souverän und Rex.
Kaum neidet ihm ein Feind das karge Land,
Der Herde wird ein Erbe sein - wer weiß,
Ob der sie forttreibt oder Pans Geheiß
Ihn an den Ort, der sie geschaffen, bannt.
Der Sturm ist ihm ein Lächeln, doch der Blitz,
Der jäh in rasch verfärbtem Himmel reift,
Erscheint ihm so, als ob ein Gott ihn greift,
So wie des Jungtiers Mutter den Besitz.
Er hat vergessen, wann ein Mann ihn trifft,
Die Fischer kommen selten ins Gebirg,
Und daß ihn eine Nymphe leicht bekirk,
Nimmt er mit Mutwill von den Kräutern Gift.
Er findet Gold aus der Kroniden-Zeit
Und schmückt damit die Bronze-Glocken so,
Daß ers bereut, weil sie nun minder froh
Zur Trift ihn rufen auf die blonde Weid.
Er stirbt gelassen, weil er immer tut,
Was sein muß, und in seiner Sphäre bleibt,
In ihm hat sich ein linder Wind verleibt,
Der schlichten Mutes und im Herzen gut.
Wenn dunkles Blut ihm seine Adern bläht,
Bläst er die Flöte Pans und die Schalmei,
Er weiß nur, daß er Gottes Kind und frei
Und daß es gradso früh ist wie es spät.
ISBN der Quelle: 3774935823
Rubrik: Übersee
Uwe Lammla
So wie Schliemann Troja glaubte,
Als man frühes Wort gering
Schätzte und an Kränen schraubte,
Daß man den Olymp bezwing,
War es manchem Forscher lieber
Seiner Bibel zu vertraun,
Als Tiberius in den Tiber
Und die Schrift hineinzuhaun.
Dorten steht an mancher Stelle,
Daß einst Hierams Schiffe froh
Ausfuhren nach der Sonnenhelle,
Schaffend Gold für Salomo,
Und das Land, wo solche Funde
Leicht und unermeßlich schier,
Führt das Königsbuch im Munde
Mit dem Namenszug Ophir.
Auf den Seglerkarten fehlend,
Ward vermutet Ost und West,
Kurs und Reisezeit verhehlend,
Legt sich der Chronist nicht fest,
Und die Gier nach Gold erweckte
Manchen Wahn und manchen Mord,
Trieb aufs Meer die buntgescheckte
Menge nach dem Mären-Port.
Zwischen Träumern und Phantasten
Spricht wohl für Rhodesien viel,
Schon Ägyptens Priesterkasten
Schickten aus nach diesem Ziel,
Durch das Rote Meer am Saume
Afrikas entlang nach Süd,
Hat schon früh dem Goldlandtraume
Aller Sonnenglanz geglüht.
Freilich hat am Gold der Tempel
Vorrecht, wo die Seele trinkt,
Unerfunden war der Krempel,
Der nach seinen Eignern stinkt,
Rein war Gold, was Frevlerhände
Fleckten, floh das Joch der Zeit,
Daß der Teufelsspuk verende,
Bleibt der Weg nach Ophir weit.
War es einst den Wirklichkeiten
Feil und hold und offenbar,
Wird kein Wind den Segler leiten,
Ist die Welt der Ehrfurcht bar,
Gott kann jeden Schatz verschenken
Vom Zenit bis zum Nadir,
Er erwählt und weiß zu lenken
In das goldne Land Ophir.
ISBN der Quelle: 3867036926
Rubrik: Maler und Bildhauer
Uwe Lammla
Für Anton Rückel
Die Werke, die moderne Kirchen schmücken,
Enspringen Theoremen Intellekts,
Und nicht mit Christus wollen sie beglücken,
Ihr Manifest, nach Selbstbespieglung schmeckts.
Die Kirche sollte besser sie verbannen,
Denn Schönheit kann nicht ohne Wahrheit sein,
Was die Narzisse ohne Gott ersannen,
Ist wie ein Kelch, der nie empfängt den Wein.
Ganz anders Anton Rückel sie gestaltet,
Ein Meister und den Schmieden Kürassier,
Er trägt die Botschaft, die uns nie veraltet,
In Stolz und Demut immer im Panier.
Er wagt die keinen Dinge und Titanen,
Kein Perlenspiel und kein profaner Geist
Darf trüben sein Verherrlichen und Mahnen,
Das tröstet und den Mensch ins Zentrum weist.
Nicht scheut er den Vergleich zu alten Meistern,
Wie andere mit Technik und Sujet,
Drum darf sein Werk die Gläubigen begeistern,
Und es wird dauern, weil es gilt seit je.
ISBN der Quelle: 3867035512
Rubrik: Jahreswende
Uwe Lammla
Wir feiern nicht den Papst des Altertumes,
Sein Name weiht nicht das Kalenderblatt,
Uns ist der Wald, der Wahrer allen Ruhmes,
Der Hirt, der uns das Jahr zu sagen hat.
Das alte soll versinken ohne Gnade,
Und offen lockt, was lenzen uns erführ,
Dem ist um das Vergangene nicht schade,
Wer weit die Tore macht und hoch die Tür.
Die Böller schrein, die Tenne lockt die Trester
Zum Dreschen und zur Jause zwischendrein,
Wir gießen Blei und dann erlabt uns bester
Sylvaner, und ich schenk nicht mäßig ein.
Das Feuerwerk vertreibt die bösen Geister,
Und Hilke schenkt Oxalis ihrem Bärn,
Im Jahreswerk erkennt er sich als Meister,
Und braucht sich keinem anderen erklärn.
Mit Roßhaar und mit einer Fetzenlarve,
Besucht der Percht uns noch vor Mitternacht,
Und wenn hier alles sauber, spielt er Harfe
Und glockt dem Winter, das sein Teil vollbracht.
Das Jahr beginnt für Christen mit der Mette,
Zwar manchmal stört ein Knall den Orgelklang,
Dann weißt du, daß der Drache an der Kette
Wohl rüttelt, doch sich nimmer hebt zum Fang.
ISBN der Quelle: 3867035512
Rubrik: Ostern und Pfingsten
Uwe Lammla
I
Im Osterfeuer brennt die Zeit der Nächte,
Wir schichten Reisig auf und trocknes Moos,
Die Freude ist sehr jung und ist sehr groß,
Die Kränze lind und gelb wie Farn und Flechte.
Am Osterfeuer wird man Bürde los,
Geheimstes mit den Schuppen dunkler Schächte,
Hier stellt die Jugend Kanzel, Amt und Rechte
Und stellt verjährte Eitelkeiten bloß.
Ob auch der alte Winter sich erfrechte
Zu kehren in der Nacht mit Frostgetos,
Wird ihm doch Achtung nicht bei dem Gefechte.
Man träumt im warmen Wind am Feuerstoß,
Hat keinen Blick, der weinend sein gedächte,
Und einer sagt: Jetzt macht er in die Hos.
II
Am Ostermorgen ist das Grab gebrochen,
Der Heiland hat sich aufgemacht zur Schar
Der Jünger, die gebannt und traurig war
Und Tage nahm, als wärens viele Wochen.
Im Ostermorgen wird uns offenbar,
Die wir aus Schmerz und Blut zum Licht gekrochen,
Daß Kämpfe, die in unsern Adern pochen,
Er führte als der ersten Sonne Aar.
Zwar hat der dunkle Fürst ein Heer bestochen,
Das sieggewohnt nicht Feind scheut noch Gefahr,
Doch uns in sein Verließ hineinzulochen,
Ist er nicht frei, solang im Wind das Haar
Uns weht und wir dem Herrn das Festmahl kochen,
Der brachte sich für unser Leben dar.
III
Der Osterhase liebt Versteckens-Spiele,
Er ist der Schalk, der uns nicht ruhen läßt,
Wo Hag und Hecke grünen, ist das Fest
Kein Ruhplatz, der dem Winterschlaf verfiele.
Was er versteckt im Wildwuchs-Palimpsest,
Es ruft hinaus von Speicher, Herd und Diele,
Wer noch studiert mit schlankem Pfauenkiele,
Der kommt zu spät und findet nur den Rest.
Ein Fund, der langes Suchbemühn zum Ziele
Gebracht, Triumph, der atemlos gepreßt,
Ein Gleichnis birgt für unsere Lebensstile.
Es kommt ein Wind von Ost, einer von West,
Doch einer, der sich sonnt am Roten Hiele,
Ist froh, daß ihr die meisten rasch vergeßt.
IV
Im Osterei, wo Schale, Weiß und Dotter
Die Dreiheit zeugen und die Welt in nuce,
Ruht alle Weisheit, eh der Kückenfuß
Die Wand zerstemmt, als Vogelwesen flotter.
Im Dreiklang fand der Sphärenhall den Gruß,
Und Gestern, Heut und Morgen schicken Trotter
Auf den vom dritten Stand gehäuften Schotter,
Wo Waffen gehn und Geister Flügelschuhs.
Wenn wir uns wiedersehn im Spiel der Otter
Und uns verwirrn im Spiel der Ichs und Dus,
Sei Ostern auch für unsern Geist Entmotter.
Denn Kalkstein, Frucht-Gelee und Götter-Mus,
Sind auf getrennten Wegen nur Vergotter,
Und was dem einen Glück, ist andern Buß.
V
Der Osterfrieden sammelt die Gemeinen
Zur Kirche, die von Haß und Hader trennt,
Und wenn das Licht der Auferstehung brennt,
So dürfen auch die harten Herzen weinen.
Im Osterfrieden wird das Element
Zur Heimat, Land und Meer und Luft zu einen,
Und vor dem Grab, befreit von schweren Steinen,
Ein Engel steht, der nur noch Freie kennt.
Von Parsifal, dem törigen und reinen,
Der auszog, daß er einst die Lanze send,
Verlorn im Frevel und in Zauberhainen,
Geführt, wird uns ein reiferer Advent,
Der Reichtum sammelt in geweihten Schreinen,
Im Heil, das uns bei unserm Namen nennt.
VI
Der Ostersegen regnet auf die Auen
Und macht die Weide fruchtbar und das Feld,
Er schafft Gedeihn und Wuchs, solang die Welt
Nicht einst beschließt, auf andres zu vertrauen.
Der Ostersegen unser Land bestellt,
Er weicht die Krume und verwöhnt mit lauen
Berührungen den Keimling, wenn im Blauen
Der Storch sich wieder unserm Heim gesellt.
Die Schwalben siehst du ihre Nester bauen,
Die Osterglocke prunkt vor deinem Zelt,
Und alles in dir ist nur Stehn und Schauen.
Manch einer aber kennt nur Geiz und Geld,
Manch andrer ahmt die Putzsucht nach des Pfauen,
Und wieder einer geifert nur und bellt.
VII
Die Osterliebe ist allein von Dauer,
Weil sie uns zeigt, daß wir erstanden sind
Aus Grabesdunkel, das den Geist umspinnt,
Bis aufbricht, die von Furcht gefügte Mauer.
Die Osterliebe reinigt Truhn und Spind
Von Abgelebtem, das dort auf der Lauer,
Den Gram und der Verzweiflung Eberhauer
Ins Herz zu stoßen jedem Gotteskind.
Drum sei bereit und trage keine Trauer,
Denn Gott hat längst geschaffen, was dich minnt,
Und heute wird dein Augenlicht genauer.
Was heut dir widerfährt, was heut beginnt,
Es ist kein Fön und ist kein Regenschauer,
Es ist das große Glück, das dich gewinnt.
ISBN der Quelle: 3867035512
Rubrik: Erntedank
Uwe Lammla
I
Wir bringen Früchte und den Reif der Ähren,
Gegürtet mit dem Rot des Rosenstocks,
Wir ziehn durch Öd und Weil zu Equinox
Und zeigen, was die Felder uns gewähren.
Ölkrüge tragen Esel uns und Ochs,
Urbrauch darf heut im hohen Amte gären,
Es gilt der Rode und den frühen Mären,
Sonst wärs verfehlt wie Gärten ohne Phlox.
Gesungen wird von alten Finsternissen,
Drauf Gottes Tag beruft den Bauernschweiß
Zum Bund, den Macht und Lüge nie zerrissen.
Und heilig sind uns Krume, Halm und Reis,
Die Früchte, die wir mit Fanfaren hissen,
Der Segen, dem wir treu in Dank und Fleiß.
II
Das Gotteshaus beherrscht die Erntekrone,
Der Überfluß, geschichtet und gereiht,
Auf daß sich Tat und Müh des Bauers lohne,
Sei Dank dem Herrn der Erde und der Zeit.
Nicht ist der Mensch vor Hungersnot gefeit,
Nicht vor der Flut, nicht vor der Steppenzone,
Und nicht daß er mit Witz und Weisheit frone,
Bestimmt, daß etwas fruchtet und gedeiht.
Drum sei im Dank das Opfer nie vergessen,
Darin wir dessen Herrlichkeit verehrn,
Den wir im Geist und in der Nahrung essen.
Er wird uns seinen Segen nicht verwehrn,
Denn größer ist sein Herz, als wir ermessen,
Sein Fittich, drunter wir kein Gran entbehrn.
III
Der Erntedank ist Zeit auch für den Sänger,
Hier kehrt zum Volk der Flug durch Au und Tann,
Wie Feld und Himmel rührn sich Weib und Mann,
Als ob der Wind das Abendrot verlänger.
Das Lied, das Mut in Einsamkeit ersann,
Faßt nur die Landschaft und den Kreislauf enger,
Doch jeder Psalm erweist den Wiedergänger
Des Schöpfers, der uns Flur und Flut ersann.
Nicht nur vom März zum Michaelisfeste
Schlug sich ein Kranz, den Winterschlummer sinnt,
Der Kreis des Jahr kreuzt auch des Ritters Queste,
Die vor der Zeit in Monsalvat beginnt,
Und jedes Jahr schaust du die stolzen Gäste,
Wenn Wahn und Wachen Bardenreim umspinnt.
IV
Im Erntedank hat sich der Wind gewendet,
Der Ostern sprach von Schmerzen und Passion,
Die Stoppeln bleichen, wo die Astern schon
Ein Gold begrüßen, das in Stürmen endet.
Wer viel gewann und wer im Rosen-Ton
Geschwelgt in dieser Stunde gern verschwendet
Sein Herz dem Wind, der nichts als Trauer spendet,
Melancholie für Julis Lieblingssohn.
Der Sommer scheint ein Hort der Kindertage,
Kornblumen, blau gezackt, und Mohnenrot
Sind ein verlornes Heil und ohne Frage.
Denn wo das Werk getan, erscheint der Tod,
Wo Jugend tanzt, schleicht sich die Dämmerklage
Zum Sänger, der das Erntedanklied bot.
ISBN der Quelle: 3867036195
Rubrik: Jugend
Uwe Lammla
Ob Mohn, ob Seim,
Gefahr, Gedicht,
Sie ruft dich heim,
Was sie verspricht,
Ist alt, so alt
Wie nur die Welt,
Und es verhallt
Erst, wenn sie fällt.
Die Götter stehn
In ihrer Schuld,
Und wenn sie gehn,
So rückt der Kult
Vom Gipfelschnee,
Den sie nicht braucht,
In jede See,
Daraus sie taucht.
Ob sie das Heil
Im Flug begreift,
Als Sonnenpfeil
Durch Wolken schweift,
Ob sie ihn freit
Und sich vertauscht,
Ihr ist die Zeit
Ein Meer, das rauscht.
Sie krönt das Haupt
Wie Wogen Schaum,
Und wer ihr glaubt,
Agiert im Traum,
Der ihn umspielt
Und ihm nicht sagt,
Wohin er zielt
Und wann es tagt.
Doch wer ihr traut,
Hat ohne Groll
Auf Sand gebaut,
Und Glaubens voll,
Daß nicht ein Scherz
Die Karten leg,
Weiß er ins Herz
Den Königsweg.
ISBN der Quelle: 3774935823
Rubrik: Familie
Uwe Lammla
Einst flogst du aus dem Elternnest,
Von Erb und Lebensmustern frei,
Daß alles sich versuchen läßt,
Schien reicher als das Einerlei.
Du wurdst versorgt mit Theorien,
Daß heut sich alles anders stell,
Als morsch und staubig ward verschrien,
Wer sich nach altem Brauch gesell.
So rauschten manche Sommer hin
Und fruchtlos manch Experiment,
Bis deines Hochmuts Spinnerin
Als Käfig ihr Gespinst erkennt.
Meint wer, daß im Gesetz der Staat
Sei Kind und Greis die rechte Hand,
Erscheint ein jedes Wort zuschad
Für diesen Sumpf von Unverstand.
Die Sorg kann nie von fern gedeihn,
Drum sorg allje in nächster Näh,
Bestehen heißt den Seinen sein,
Drum lach, daß dich der Zeitgeist schmäh.
Daß man aus Zins und Wucherung
Könnt bannen alle Müh und Not,
So sprach des Teufels Lästerzung,
Doch aus dem Toten wächst nur Tod.
Wo immer Leben sich bestimmt,
Gilt es der Herkunft und der Brut,
Wenn man dem Mensch Familie nimmt,
Wird Sporenstaub das Herzensblut.
Weich nie der Pflicht, bequem ist nur
Der gute Vorsatz, wunderbar
Ist er zur Höll die Pflasterspur,
Wo alles Fremdverschulden war.
Was immer galt, wird immer stehn,
Drum iß im Brot den Heiland mit,
Daß in der Stunde fortzugehn
Dein Kind für deine Seele bitt.
ISBN der Quelle: 3936455732
Rubrik: China
Uwe Lammla
Wo das Tun der Elemente,
Daraus sich das Leben mischt,
Und des Thrones transzendete
Setzung aus dem Drachen zischt,
Muß das Einhorn anders wesen,
Zeigt es anders Leib und Spleen,
Und der Weise der Chinesen
Nennt es Mannweib und Qilin.
Bart und Kamm und Ochsenbeine
Wirken rauh und wutentbrannt,
Aber ungeacht dem Scheine
Bleibts der Minne Segenspfand,
Wer ihm träumerisch gewogen,
Läßt den Schmerz dem Horn-Morphin,
Und die Lieb hat nicht gelogen,
Weidet dämmerlands Qilin.
Ist der Drache groß und mächtig,
Spielt der Springer dir subtil,
Wer des Treubruchs verdächtig,
Seinem spitzen Horn verfiel,
Aber wer die Herzensfrohe
Grüßt im Aug als Almandin,
Segelt über Schwert und Lohe
Mit der Weisheit des Qilin.
Suche nicht nach seiner Weide,
Denn dein Weib ist längst bestimmt,
Sagst du noch nicht, ja wir beide,
Zweifel nie, daß eines stimmt:
Nur dein Aug ist trüb und neblich,
Wenn das Glück dir nicht erschien,
Alle Fahrten sind vergeblich,
Grast im Nachbarhof Qilin.
Also muß der Tag dir kommen,
Daß dus schaust im Dorngesträuch,
Soll sein Gnadenreich dir frommen,
Zeig nicht Scham noch Schreckgeräusch,
Denn dein Herzblut füllt am Bache
Krüge schwer und will schon ziehn,
Doch im Feuer steigt der Drache
Und den Minner küßt Qilin.
ISBN der Quelle: 3936455732
Rubrik: Erden
Uwe Lammla
Hart und glänzend, spröd und eisig
Stehst für Tod und Tods Palast,
Doch wie Birke, Hamster, Zeisig
Fronst du See und Sonnenglast.
Denn im Odem, der dem Alle
Geist gab, gibts kein geistlos Ding,
Muschel, Kreide und Koralle
Wandeln rascher bloß im Ring.
Erst im ärgsten Fegefeuer,
Spornt dein Wandelgeist das Pferd,
Daß er die Gestalt erneuer,
Wies dem Holze leicht im Herd.
Säure nur weiß Höllenhunde,
Daß ein kalter Exorzist,
Aus Kristalls gekrümmter Wunde
Hetzt, was ihn sublim bemißt.
Wir erschaun gebannt das Wunder,
Wie das Gitter sprudelnd weicht,
Grad als ob die Flamme Zunder
Wirbelt rasch und federleicht.
Weht der Geist erneut im Winde,
Strömt er gern ins Leben ein,
Daß er Horst und Heimat finde,
Soll nicht Sorg des Freien sein.
Ist zerglüht die Himmelsstrebe,
Sehnt sie durstig sich nach Schlick,
Und das Haus, darin ich lebe,
Nutz der Asche Formgeschick.
Denn geschlämmt wird sie im Winde
Nach dem Geist des Marmels schaun,
Daß sich solcher Art verbinde
Menschenwerk und Gottvertraun.
Doch ich will nicht Marmel schinden,
Wo geringre Steine stehn,
Ehs auch ihn zu überwinden
Gilt, will ich den Dulder sehn.
Seine Spröde setzt dem Hauer
Höchste Hürde, hehrste Norm,
Keine Waage faßt genauer
Künstlers Fehl und Gottes Form.
Meine Zeit, so reich an Lügen,
Muß nicht unbelehrbar sein,
Denn den Maßstab, zu genügen
Zeigt so mancher Marmelstein.
ISBN der Quelle: 3926370572
Rubrik: Frankreich
Rolf Schilling
I
Du stehst in deiner Zeit
So fremd wie ein Cyklop.
Du schlägst das Tambourin,
Als ob dich einer hör.
Du kommst im Schwanenkleid
Und singst dem Künder lob.
Setz all dein Glück auf ihn,
Zu seinem Banner schwör.
Und niemand weiß, wie weit
Der Dunkle dich erprob,
Ob er zum Paladin
Dich ohne Zögern kör.
Du sei für ihn bereit,
Denn groß ist, was er wob,
Und holder nie erschien
Herz-As dem Hassardeur
Als dir, der, wenn im Streit
Der Stier sein Horn erhob,
Das Weltspiel spielt, Merlin,
Als ob er nie verlör.
II
Träum dich heim ins Land der Kelten,
Forsche nach der Bilder Sinn,
Der du webst in diesen Welten
Schon von allem Anbeginn.
Einst - aus welchen Traumgezelten? -
Brachst du auf im Morgenglast,
Wogen, die am Fels zerschellten,
Hat dein Fang im Flug erfaßt.
Als die Himmel sich erhellten,
Hobst du Adler auf den Schild,
Doch mit blankem Speer gesellten
Sich die Jäger dir, dem Wild.
Recke, den die Schnitter fällten,
Blieb verschollen im Revier,
Doggen, die den Hirsch verbellten,
Stillen ihren Durst an dir.
Die die Runen-Weiser stellten,
Hat des Wächters Schwert geköpft,
Doch die Sprüche werden gelten,
Bis der Wind das Meer erschöpft.
III
Ihr, die ihr, vertieft
In die Muschel-Schrunde,
Träumtet: welche Kunde
Kam euch, da ihr schlieft?
»Wer die Perle schnitt
Aus dem Fleisch der Auster,
Bleibt ein Sturm-Umbrauster,
Den das Glück nicht litt.
Wer wie wir gefischt
Draußen an den Fjorden,
Schwelgt in Gold-Akkorden,
Bis das Licht erlischt.
Wer sein Wort vermischt
Mit dem Spruch der Kläger,
Gleicht zuletzt dem Jäger,
Dem das Wild entwischt.
Wer wie wir geruht
Auf der Silberstufe,
Hört des Einhorns Hufe
Noch im Sturz der Flut.
Wer den Schlafmohn träuft
Auf die Stirn des Drachen,
Wird im Wahn erwachen,
Wird im Blut ersäuft.
Wem die Locke trieft
Von geweihten Salben,
Wird im Sand verfalben,
Doch dem Sohn des Alben
Ist das Licht verbrieft.«
IV
Alles erhellt sich,
Alles erschließt sich,
Fügt sich zusammen,
Breitet sich aus,
Speerbanner schwellt sich,
Goldstrom ergießt sich,
Schürer der Flammen
Hütet das Haus.
Hütet die Halle,
Drin wir uns grüßen,
Bietet zum Pfande,
Krallen und Fell,
Bis wir uns alle,
Göttern zu Füßen
Sitzend im Sande
Tränken am Quell.
Hände bemalen,
Schwerter zerschrammen
Marmorne Platten,
Panzer von Erz.
Eh noch die Strahlen
Adler entflammen,
Gleitet der Schatten
Über dein Herz.
V
In Pen-Cadenic
Wirf Anker und raste,
Laß Hel, die verhaßte,
Mit Sichel und Quaste
Im Schatten zurück.
In Pen-Cadenic
Halt ein und verweile,
Daß Hermes, der heile,
Dir Köcher und Pfeile
Mit Runen bestick.
Erlies dein Geschick
Im Dünensand, senke
Vor Artemis’ Tränke
Die Flügel und schenke
Dem Stier einen Blick.
Den kühnen erquick
Mit Blitzen, vermische
Das Feuer der Frische,
Dann regen die Fische
Ihr Silber im Schlick.
Dann minnt, wie die Biene
Das Licht, auf der Brigg
Der Traum-Paladine
Merlin Melusine
In Pen-Cadenic.
VI
Wo die Wasser schweigen, wo der Stein
Sich der Mauer einfügt von allein,
Wo der Rabe schwarze Flügel schwingt,
Kaum die Sonne das Gestrüpp durchdringt,
Koste du, verdunkelten Gesichts,
Von der Süße des getrübten Lichts.
Die den Weg dir wiesen, fliehen schnell,
Einsam neigt der Quester sich zum Quell,
Einsam trägt die Kröte den Rubin,
Doch dem Trinkenden verspricht Merlin,
Daß er seiner Träume Schatten fang,
Atem-hold und mächtig an Gesang,
Daß er seiner Stärken inne sei,
Daß bei seinen Werken Minne sei,
Daß das Gnadenreich, das ihn entsandt,
Einst empfange seines Golds ein Quandt,
Daß die Stimme, wenn der Leib verging,
Wie Merlin aus tausend Mündern sing.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Italien
Rolf Schilling
Nach Algernon Charles Swinburne
I
VENTIMIGLIA
Himmel und Meer erglommen hell und blank:
Den Weg herab, mit Schritten, stolz und hehr,
Ein Mädchen kam und zollte keinen Dank
Himmel und Meer.
Ein toter Saphir, Zorn- und Liebe-leer.
Schien blind von Uferbank zu Uferbank
Die Meeres-Öde, keim Blick Begehr.
Doch reicher, tiefer glänzt ihr Aug: es trank
Das atemlose Licht und ward es her,
Bis bleich vor ihrem Übermaß versank
Himmel und Meer.
II
GENUA
Wie diese Macht aus Augen seltsam loht,
Nichts hielt auf Erden reiner je in Acht
Mein Herz, von Harm und Herrlichkeit bedroht,
Wie diese Macht.
Welch Zauber bannt, gleich Flammen angefacht,
Mir Geist und Sinn? welch seltenes Gebot,
Zu Schmach mir oder Gnade dargebracht?
Zu welchem Ende - Schicksal, Zufall, Tod -
Erschien dies Antlitz, schwesterlich erwacht,
Vollkommen, hold und keiner Worte not
Wie diese Macht?
III
VENEDIG
Aus dunklem Flor das Zwielicht, leise glühn
Die Lichter Stroms, wo durch der Brücke Tor
Die Gondeln, vogelgleich, vorüberziehn
Aus dunklem Flor.
Ein Antlitz wider, das ich lang verlor,
Erglimmt im Dämmer fahl und scheint zu fliehn,
Ein Schatten, den kein Sterblicher beschwor.
Ein Bild, woher entsandt und wem verliehn?
Es schwand... Sankt Markus hütet wie zuvor
Den Strom, darin es wie ein Traum aufschien
Aus dunklem Flor.
ISBN der Quelle: 3926370076
Rubrik: Tiere
Uwe Lammla
Erretteter vom Clan der Ammoniten,
In deinen Kammern, die sich jeder Hast
Verweigern, ist der Königsweg gefaßt,
Drauf Urzeitwesen durch die Wogen glitten.
Wie Perlen strömt das Gas uns deinen Reifen
Und macht dich jedem Tiefgang schwer und leicht,
Wer solches Maß an Innenraum erreicht,
Der trägt in sich, was andre schwer begreifen.
Wer wollte deiner Weisheit sich vergleichen,
Dem Lochaug und dem klebrigen Tentakel,
Und will sie gar noch mit Trophän erschleichen?
Wer nicht erstarrt vor solchen Meer-Mirakel,
Erschaue nie ein solches Lebenszeichen,
Denn er führt jedes Reich in ein Debakel.
ISBN der Quelle: 3867036918
Rubrik: König Artus
Uwe Lammla
Der Frühtag walisischer Sagen,
Der Kelten und Römer betaut,
Hat mächtig im felsigen Hagen,
Die Krone der Questen erbaut,
Gelang dir das Holde und Hehre,
So tritt vor den König und Gott,
Karfunkelnd mit Würde und Ehre,
Im Rittersaal von Camelot.
Hier wirkte die herrliche Runde,
Die tafelt mit Minne und Schwert,
Besungen aus edelstem Munde,
Und aller Gedichtkreise wert,
Sie zog nach dem Blut, das im Grale
Gewahrt von Gebräm und Gerott,
Die Blauaugen preisen die Schale
Im Rittersaal von Camelot.
Dann fiel mit dem König das Lehen,
Die Feste geriet in Verfall.
Die Seewinde schinden und wehen
Die Schriften aus Mauer und Wall,
Nur Lieder und Mären bewahren
Die Weltstunde über dem Trott
Der Einfalt und was wir erfahren
Im Rittersaal von Camelot.
Hier ist die Historie umschlugen
Von Träumen, der Weltschöpfung nah,
Hier ward eine Einheit errungen
Von Urschmerz und Heils-Omega,
Hier ruht ein gewaltiger Segen,
Und Rüste für Lug und Komplott,
Du pilgerst auf Gnadenreich-Wegen
Im Rittersaal von Camelot.
Du suchst in Geröll und Archiven
Nach Namen, nach Taten und Quest,
Im Strudel, im Schrägen, im Schiefen
Halt nicht das Beglaubigte fest.
Entsage dem Reimlaut-Getrennten
Und räume von Borden den Schrott,
Dann stahlt aus den Blut-Pergamenten
Der Rittersaal von Camelot.
ISBN der Quelle: 3867036187
Rubrik: Klassisches Altertum
Uwe Lammla
Er schwieg sich nackt in seinen Knabentraum,
Sandalenleicht - sein Schlaf und veilchenblau,
Doch ehrsuchtbleich umwand ein kühles Grau
Bereits den Hain und seiner Kleider Saum.
Der Flammenschein des Feuers am Verlöschen
Schlug gegen eine unsichtbare Wand,
Doch nichts erhob die schöne weiße Hand,
Ein Loch in den erwachten Wall zu brechen.
Der Himmel lag mit leicht verkrampftem Schauen
Und phallischer Begier in dunklem Rot
Und übergoß ihn zart mit Rosenduft.
Die Wimpern fielen leicht, und seine Luft
Ging ruhig. Nichts verriet die schweren Klauen
Und nichts die leise, rauschzerklirrte Not.
ISBN der Quelle: 3867036179
Rubrik: Mittelalter
Uwe Lammla
So sei es, hab ich zwar nicht Klampf und Harfe,
Ist meine Stimme hell und meine Reime,
Die brauchen weder Mummenschanz noch Larve,
Denn solches lernt ich schon beim Haferschleime,
Ich ging zu Artus Hof, weil seine Runde,
Im Festland und auf allen Inselriffen
Bekannt und höchstes Lob aus jedem Munde
Verbuchen kann, die Jungfraun einbegriffen,
Doch wenn ich ansah dort die reinsten Bäche,
So trieb mich doch die Sehnsucht nach der Quelle,
Wer gegen Strom schifft, haßt die kleinste Schwäche
Und hebt den Blick nur immerfort ins Helle,
Dort war ein Bild der Weiblichkeit, den Engeln
Beschämung, da sie dies nicht preisen dürfen,
Und ich befand selbst Nachtigalln am Quengeln,
Weil ich erpicht, allein das Bild zu schlürfen,
Holdseligkeit, das Haar, das Laub des Leibes,
Es rief mir zu: Du bist am Ziel des Mannes.
Ich sagte meinem Minnelied: Beschreib es,
Doch nur ein Gran vom hohen Glück gewann es.
Wenn es versucht, die Reize aufzuzählen,
Mit denen euch die Götter ausgestattet,
Wärs schwer, die Reihenfolge auszuwählen,
Und schwerer End, eh jedes Ohr ermattet.
Für alle Welt setzt ihr die Sonnenseite,
Hephaistos hätt Pandora eingemottet,
Schlüg ihn der Glanz von eurer Oberweite,
Die Hüfte, die der Schaumentstiegnen spottet,
Wärt ihr dem Schöpfer, ehe Sonn und Himmel,
Er hätte auf ein Weitertun verzichtet,
Denn aller Reiche Vielfalt und Gewimmel
Wird ganz von euerm Augenglanz vernichtet.
Ihr seid die Anmut selbst und alle Musen
Vereint die edle Formung eurer Glieder,
Wie Strudel Schwimmer zieht der feste Busen,
Ich ließ mein Leben gern an eurem Mieder,
Euch dienen will ich stets auf jedem Posten,
Die Hölle hat nicht Glut wie mein Verlangen,
Und sollte es die Ritterehre kosten,
Ich bin von euern Lippen ganz gefangen,
Ich blute und ich werde selbst zur Quelle,
Mag mich eur warmes Nahn nicht herrlich stillen,
Ich knie und tus sofort und auf der Stelle,
Erahn ich nur den Hauch von eurem Willen.
ISBN der Quelle: 3869011513
Rubrik: Gesellschaft
Uwe Lammla
Nicht gute Werke, wie es die Papisten
Erzählen, können unsern Herrn bewegen,
Zu kürzen und zu dehnen seine Fristen,
Er wird sich nicht in die Geschichte legen.
Ganz unerforschlich ist des Heilands Gnade,
Der uns erfreut im Weine und im Brote,
Drum sei sich für Orakel stets zu schade
Der Christ und halte sich an die Gebote.
Die Philosophen schaun die Meereswelle,
Die Feldherrn nutzen sie zum Überfalle,
Doch nur der Glaube führt dich heim ins Helle,
Und wahrt uns vor des Menschenfeindes Kralle.
Was wir als Splitter schaun in einem Auge,
Verbirgt den Balken uns im eignen Lichte,
Drum frag nicht, was das Tun der andern tauge,
Und mach dabei das eigne Heil zunichte.
Wir wolln, was auch gescheh und was da komme
Im Abendmahl für diesen Sonntag danken,
Dem Herrn vertraun, daß uns ein weitrer fromme,
Was immer sich Geschichten darum ranken.
ISBN der Quelle: 3926370777
Rubrik: Klassisches Altertum
Uwe Lammla
Ja bitter ist das Ringen dort am Hügel,
Man trieb die Griechen schon hinab ins Wasser,
Patroklos nahm Achilles Zaum und Zügel
Und sorgte, daß der Angriff nicht noch nasser.
Der große Hektor, welchen Phoebus leitet,
Zerschlug mit einem Stein die Festungstore,
Den Myrmidonen ward das Aug geweitet,
Da Hektor zeigt, wie man die Speere bohre.
Patroklos fiel, Achills Gewänder tragend,
Und Troja jubelt, da der Angriff stockte,
Doch diese Kunde zu Achilles tragend,
Den Heros jener Tod des Freundes schockte.
Nun schritt er ungeacht dem frühern Schmollen
Zur Walstatt, daß selbst Hektor mußte fliehen,
Und dreimal um die Mauer ging das Tollen,
Bis da Minerva zwang, das Schwert zu ziehen.
Und Hektor starb und bat da sterbend bitter,
Den Leichnam an die Stadt zurückzugeben,
Doch zum Entsetzen Freunds und Feinds und Dritter,
Mißhandelte Achilles den Epheben.
Er bohrte in die Ferse einen Haken
Und schliff die Leiche um das Grab des Lieben,
Die Haut zerriß wie ein zerfetztes Laken,
Bis er Priamus gab, was noch geblieben.
Die Raserei erfüllte mit Entsetzen
Die Götter, die da auch nicht glimpflich walten,
Ihr Ebenbild zerfleischte sich zu Fetzen,
Und Himmels Kampflust mußte so erkalten.
Aeneas ist nun Hoffnung der Dardaner,
Seit Hektor fiel, ist er der hehrste Streiter,
In Trauertagen schweigen die Trojaner,
Doch fürcht ich, dieser Kampf geht bald schon weiter.
ISBN der Quelle: 3869012072
Rubrik: Dichter
Uwe Lammla
Der große Aristoteles, der Weise,
Dem ein Jahrtausend keiner widersprochen,
Verlegte der Tragödie strenge Gleise,
Die seither kaum wer straffrei hat gebrochen.
Die Handlung geh in Einheit, was verständlich,
Dies frommt in jedem Wortwerk einem Dichter,
Auch daß die Zeit sich nähere unendlich,
Schüf allenfalls befremdete Gesichter.
Doch meint der große Mann in seinen Schriften,
Ein Sonnenlauf müßt jedem Dichter reichen,
Die Handlung zu vollführn und zu vergiften,
Zu reifen und am Ende zu verbleichen.
So zeigt sich ein Geschehen auf der Bühne,
Das auch im Leben würd nicht länger fristen,
Nah bei der Tat wärn so Motiv und Sühne,
Doch dies gelingt meist nur mit argen Listen.
Da vieles, was in eine Szene mündet,
Im lang Vergangnen Grund hat und Geschichte,
Umständlich oft ein Redner uns begründet,
Was wenig paßt in die erzwungne Dichte.
Der Dichter einer Tat, die früher Wunde
Entsprang, läßt deren Handelnde nicht später
Als Schatten geben eine Vorlauf-Kunde,
Weil sie so wie der Nachgeborne Täter.
Sie wissen nichts von ihrer Spuren Tiefe,
Was man sich vorstellt, ist gewöhnlich endlich,
Doch dringt ein Licht in staubige Archive,
Schließt sich ein Kreis, der streng und unabwendlich.
Doch selbst der Vorlauf hat nicht Tageslänge,
Die Monde, die der Schwangerschaft gegeben,
Sie bringen andre Szenen in die Gänge,
Weil anders sich gestaltet hier das Leben.
So springt die Handlung nun in eine Phase,
Da Ultraschall die Frucht schon kann erkennen,
Der Dichter hofft nun bloß, der alte Hase
Mög ihn im Jenseits keinen Stümper nennen.
Er säumt nicht, seinen Frevel zu gestehen,
Vielleicht wär alles besser, wär es anders,
Nun, Leute, wagt das Machwerk anzusehen,
Das wohl mißfällt dem Lehrer Alexanders.
ISBN der Quelle: 3926370785
Rubrik: Alter
Rolf Schilling
Nach Edmund Waller
Die See wird sanft, da sich der Wind gelegt,
So sanft sind wir, von Gier nicht mehr erregt,
Wenn wir verstehn, daß, was die Welt verspricht,
Ein Weg nur ist zu sicherem Verzicht.
Wolke der Leidenschaft, die bald entflieht,
Verhüllt das Nichts, das Alter klar ersieht.
Der Seele dunkles Haus, zerstört und kalt,
Läßt neues Licht ein durch der Zeiten Spalt,
Durch Schwäche stärker, weiser mit der Zeit
Sind, die sich nahn dem Tor der Ewigkeit:
Aus beiden Welten fällt auf sie der Schein,
Die auf der Schwelle stehn zu neuem Sein.
ISBN der Quelle: 3926370084
Rubrik: Moderne
Rolf Schilling
Nach Alexander Block
Er ist ins Freie aufgeflogen,
Der Drache, der die Flügel schwenkt
Und, wie der Triton in die Wogen,
Sich in der Lüfte Strom versenkt.
Propeller, die wie Saiten singen...
Sieh: unerschüttert, unbedroht
Zur Sonne sich emporzuschwingen,
Sitzt hinterm Steuer der Pilot...
Schon blinkt aus unerreichten Höhen
Die Moterhaube kupferblank,
Dort, kaum zu hören, nicht zu sehen,
Singt der Propeller seinen Sang...
Kein Aug, das den Entschwundnen sichtet,
Kein Zeichen, das ihn offenbart,
Im Fernglas, rasch emporgerichtet.
Nur blaue Luft, wie Wasser klar...
Und im Geflirr der Hitze unten,
Im Staub, der überm Hügel schwebt,
Flughallen, Menschen, erdgebunden,
Wie an der Erde festgeklebt...
Und wieder wie aus goldnem Nebel
Ertönt unirdisch ein Akkord...
Er naht, man sieht Gestäng und Hebel
Und applaudiert zum Weltrekord!
Und Höhenruder, die sich neigen,
Propeller dröhnend, nah im Licht,
Und plötzlich... unerhört, ein Schweigen,
Das jäh den Einklang unterbricht...
Das Untier stumm, die Trageflächen
Schräg, Schwingen schrecklichen Gewichts...
Nun such mit Augen, die schon brechen,
Nach Stützen in der Luft... im Nichts!
Zu spät: Der Pfeil, der dich getragen,
Liegt auf dem Landeplatz zerspellt:
Geflecht von Drähten, Stahl, zerschlagen,
Die Hand, ein Hebel, der nichts hält...
Was konnte dich ins Licht entrücken
Zum ersten und zum letzten Mal?
Versahst du dich nach Veilchen-Blicken
Und fielst, versehrt von ihrem Strahl?
Oder versankst du selbstvergessen
In tödlicher Verzückung Bann?
Triebst du hinab, vom Wahn besessen,
Und hieltest selbst den Motor an?
Oder vergiftete dein Schauen
Künftiger Kriege Schreckensbild:
Der Drache, der aus Nacht und Grauen
Einst kommt und sprengt der Erde Schild?
ISBN der Quelle: 3926370106
Rubrik: Tiere
Rolf Schilling
Runen, mit des Messers Schärfe
In der Birke Stamm geritzt:
Also kündest du der Kerfe
Sinn und wo das Siegel sitzt,
Daß der Schöpfer nicht verwerfe,
Was zu seinem Ruhme blitzt.
Was da webet, was da wimmelt,
Was da wuselt, was da wühlt,
Was auf Borke, die verschimmelt,
Mit behaarten Tastern fühlt,
Weiß vom Licht sich angehimmelt
Und von Düften überspült.
Nur die zartesten der Tiere
Gehen gepanzert und geschirrt,
Leise knacken die Scharniere,
Wenn das Wild den Blick verwirrt,
Und sie schüren sich, bis ihre
Sichel in der Sonne flirrt.
Glitzernde, mit Gold bestreute,
Schneiden mit gezacktem Kris
In das rote Fleisch der Beute,
Andre schimmern wie Jaspis,
Andre suchen Flammenbräute,
Wo der Wind ins Feuer blies.
Manche hocken träg am Boden,
Manchen ist die Woge hold,
Mancher weiß den Wald zu roden,
Manchem ist ein Horn gezollt,
Und der Herr der Traum-Kustoden
Trinkt das Blut und schürft das Gold.
Wo der Schöpfer mit dem Schweber
Sich vermählt im Skarabä,
Werden fröhlich alle Weber
Und die Panzer schmelzen jäh,
Und der Staub dankt dem Beleber,
Und der Schoß hofft, daß er sä.
ISBN der Quelle: 3926370327
Rubrik: Tiere
Rolf Schilling
Gliederleibs Verbieger,
Stecher, der sich keck
Wie ein junger Krieger
Räkelt im Versteck -
Wappenschilds Verzierer,
Spieler, der sich spitzt,
Auf des Lichts Verlierer,
Die sein Stachel ritzt -
Wenn im Schoß der Grotte
Sonne sich verkroch,
Opfert er dem Gotte,
Schlüpft er aus dem Loch.
Nicht zum Panzerbrecher
Hat ihn Mars verklärt,
Doch als Fugenstecher
Hat er sich bewährt.
Daß er Nähte schlitze,
Schuppenhaut durchdring
Und mit scharfer Spitze
Blut zum Fließen bring.
Wo der Abendschauer
Streuner weckt zuhauf,
Liegt er auf der Lauer,
Stellt den Stachel auf.
Wählt ein Wild zum Fange
Aus der Schatten Fluß,
Greift es mit der Zange,
Schlürft es mit Genuß.
Dunkel der Mithräen
Zieht ihn magisch an,
Was die Schatten säen,
Wer das deuten kann,
Wüßte auch die Wege,
Die der Jäger schweift,
Wo des Greifs Gelege
Unterm Stier-Stein reift.
Wo, von Gold umflutet,
Wenn die Sonne schied,
Blau der Gott verblutet,
Zwickt er ihn ins Glied.
Daß ihn Samen tränke
Von der Stiere Born,
Daß der Gott ihm schenke
Brünne, Schild und Sporn.
Daß, zum Mann erhoben,
Er im Ätherblau
Wandle, Gold-umwoben,
Auf der Sternen-Au.
Und er schreitet weiter,
Wie im Tanz beschwingt,
Und die Nacht ist heiter,
Die das Ende bringt.
Schattenflors Zerreißer,
Wachend, eh es tagt,
Kommt ein starker Beißer,
Der den Jäger jagt.
Blaue Zunge wittert
Kriegers Filigran,
Harten Schild zersplittert
Krachend der Waran.
Da den Stachelschwinger
Der Vertilger schlucht,
Schließt ein schwarzer Zwinger,
Was im Licht gezuckt.
Doch das Tor steht offen,
Wo mit weichem Dorn
Tausend andre hoffen,
Daß die Haut verhorn.
Doch getreu dem Gotte,
Der sein Blut vergießt,
Harrt im Schoß der Grotte,
Wo der Stier-Seim fleißt,
Gliederleibs Verbieger,
Daß ihn Purpur tauf,
Und ein junger Krieger
Stellt den Stachel auf.
ISBN der Quelle: 3926370327
Rubrik: Tiere
Rolf Schilling
Gepriesen sei das Weiche,
Das Zarte gebe Halt,
Und Holder vor der Eiche
Wird wer am längsten wallt.
Und wie er sich verhalte,
Daß er den Gral erlang,
Bevor die Glut erkalte,
Lehr ihn der Schlangen Gang.
Und wie er sich erstrecke
Mit Fühlern in den Raum
Lerht ihn das Horn der Schnecke,
Zu tasten Saum um Saum,
Bis er, in leisem Gleiten
Durch Mond- und Sonnenglanz
Erfuhr die beiden Seiten
Des Möbiusschen Bands.
Von Silber sind die Spuren
Der Gleiter, ihre Wehr
Glimmt safran und azuren,
Es stellt der Schnecken Heer
Die zartesten der Blitzer
Am Unsichtbaren Gral,
Im Liebesspiel-Geglitzer
Wird Silber zu Opal.
Spür, wie bereit zu reinem
Gebrauch der hohen Kunst,
Sie, Mann und Weib in einem,
Sich rüsten für die Brunst.
Wie sie bedächtig hegen
Die Mulde für das Ei,
Wie sie die Minne pflegen,
Als ob die Zeit nicht sei.
Als ob das Wasser stehe,
Das uns der Fluß hertrug,
Im Spiegel nicht verwehe
Der Hauch der ihn beschlug.
Sanft schmiegen sich die Glänzer
Dem Sämann in die Hand,
Hat je ein Tempeltänzer
So langsam sich ermannt?
Hat je, dem Gold verwoben
Der Nacht, ein Liebespfeil
So langsam sich erhoben
Und stand zuletzt so steil?
Und will der Reim sich schließen,
Er schließt sich nicht: So früh
Wird Seim sich nicht ergießen
Mit silbernem Gesprüh.
Erst wenn die Pfeile zielen,
Wie sie der Schoß begehrt,
Und frei die Lichter spielen,
Wird auch der Kelch geleert.
Mit Purpur überblühen
Die Himmel Haut und Horn,
Und wenn sie sacht verglühen,
Beginnt das Spiel von vorn.
Gepriesen sei das Weiche,
Was zart ist, währe lang,
Und Holder vor der Eiche
Wird , wer die Schlangen sang
Und wer im Haus der Schnecke
Geträumt hat, daß am Schluß
Der Quester ihn erwecke
Zu dunklerem Erguß.
Daß er als Weib dem Manne,
Als Mann dem Weibe dien,
Dem Wald sich zeigt als Tanne,
Dem Schnee als Hermelin.
Daß er als Scharlach-Spender
Die Brünne übersprüh
Dem Liebespfeil-Entsender
Mit Blut, und nie zu früh.
Doch Blut ist nicht das letzte
Und auch das erste nicht,
Vom Born, der dich benetzte,
Tropft Gold in dein Gedicht.
Schließ Quellen auf im Eise,
Greif nach des Rohres Knauf
Und mach nach Sängerweise
Dir deinen Reim darauf.
Das Zarte sei gepriesen,
Der Leib, der sich belaubt
Mit Wappen und Devisen,
Mit Hörnern auf dem Haupt.
Mit Hörnern, die so zart sind
Wie Schneckenhörner, wenn
Die Sanftesten gepaart sind,
Auf daß kein Schwert sie trenn.
Triffst du im Waldgelände
Die Gleitenden, die braun
Zur Zeit der Sommerwende
Ihr Liebesnest erbaun,
Halt aus bis an die Neige
Des Traums, dem Winzer freund,
Bis auf dem Rebensteige
Der Herbst die Trauben bräunt.
Dann soll der Reif sich ründen,
Dann soll der Stab, der glimmt,
Nicht früher sich entzünden
Als es der Gott bestimmt.
Auf Blättern rot und golden
Siehst du die Silberspur,
Blau-trunkenem Verholden
Sprich zu in dunklem Dur.
Quillt Purpur aus der Traube,
Wenn Pan die Sichel setzt,
Trägst du von Flaum die Haube,
Und dort im Traum zuletzt
Darfst du dich Schwelger nennen
Und als der Schnecken Hengst
Dein Siegesmal aufbrennen
Den Schößen, die du tränkst.
ISBN der Quelle: 3926370327
Rubrik: Japan
Uwe Lammla
Wer von lichter Schwebebrücke
Ließ der Lanze Kronjuwel,
Daß ihm Onogoro glücke,
Folgt nicht fremder Herrn Befehl,
Sind auch krumm die ersten Stücke,
Wuchs ein stolzer Archipel,
Doch der Feuersohn sann Tücke
Wider Mutters Leib und Seel.
Izanagi folgt der Trauten
Durch Gelichter und Geschatt,
Die den Dunkelhain erbauten,
Warnen, daß die Gattin satt
Längst sich aß am Ganz-Entblauten,
Wurzel nun dem Blütenblatt,
Daß nach Schauen und Geschauten
Sie gewiß kein Heimweh hat.
Doch dem Stolzen soll nichts hehlen,
Er entflammt den spitzen Span,
Was uns Nacht und Traum nicht stehlen,
Raubt uns der Erkenntnis-Wahn:
Also darf kein Schrecken fehlen,
Willst der Nachtwelt schauend nahn,
Denn die Würmer, nicht zu zählen,
Hindert nichts an Fraß und Bahn.
Angewidert will er fliehen,
Doch die Bleiche, selbst Dämon,
Sucht den Mann hinabzuziehen,
Der nicht Herr mehr, sondern Sohn.
Er entrinnt, wie ausgespiehen
Scheint vorm Tor der Eichenkron,
Diese Schmach bleibt unverziehen
Und verflucht der finste Thron.
Einen Felsblock, rot graniten,
Schiebt er vor den Höllenschlund,
Die Verfolgrin wird nicht bitten,
Unersättlich ist ihr Mund,
Allen Wünschen, Träumen, Sitten
Bleibt sie hart wie ein Korund,
Wie ein fauler Zahn inmitten
Einer Jugend, die gesund.
Denn sie schwört, sie wird sich holen,
Was da singt und was da summt,
Nicht allein zertretnen Sohlen
Sorgt sie, daß der Puls verstummt,
Manchmal schlägt sie Kapriolen,
Manchmal naht sie hold vermummt,
Sticht Skorpion am Huf das Fohlen,
Lacht die Gräßliche: Es kummt.
Izanagi hält dagegen,
Söhne, Töchter, Wehr und Hut,
Will das Dunkel uns erlegen,
Steh davor das Hab und Gut,
Also führt er flink den Degen,
Setzt auf Schwert und Schwingers Mut
Und erkauft sich allen Segen,
Daß ein andrer drunten ruht.
Dies gilt auch nach Menschenaltern,
Erde raunt dem Himmel zu,
Mit den Zeugern und Erhaltern
Steht der Tod auf Du und Du,
Ob an Schanzen oder Schaltern,
Ob im Rausch, ob in der Ruh,
Zu den Raupen und den Faltern,
Weist ein Wink und tuts im Nu.
ISBN der Quelle: 3926370572
Rubrik: Sommer
Joachim Werneburg
Seit ich geboren, ist wieviel Zeit vergangen,
Zehnmaltausend und Viermaltausend Tage.
Da ich die Zeit mir berechnete, bemerkt ich,
Diese Zahl, sie beängstigte mich wenig.
Mir bringt das Nachdenken Abstand und auch Ruhe,
Ich verliere im Alter so die Krankheit.
Und plötzlich freue ich mich, daß Leib und Herz mir
Großenteils ihre Dienste noch erweisen.
Des hellen Tags, da der Sommer angefangen,
Habe ich dieser Welt mein Ja gegeben.
Der Wind fährt leicht durch gefütterte Bekleidung,
Kalt nicht, heiß möchte ich ihn nicht benennen.
Das Bett versetzte ich in des Baumes Schatten,
Und was hab ich den ganzen Tag getrieben?
Bisweilen trank ich den Tee aus meiner Tasse,
Manchmal summte ich Zeilen von Gedichten.
Nach innen keinerlei Kümmernis und Sorge,
Äußerlich nicht das Halfter des Berufes.
An diesem Tag, wenn ich da nicht wirklich lebte,
Welcher Zeit, frage ich, gehörten solche Zeiten!
ISBN der Quelle: 3926370149
Rubrik: Bäume
Joachim Werneburg
Auf einem verschneiten Berg
Hör ich der eigenen Füße Stapfen.
Sie haben ihr Ziel verloren.
Ich nahe dem grünen Strauch.
Mit Armen scheint er mich einzuladen,
Ein wenig bei ihm zu weilen.
Ich folge dem Winke gern.
Fast glaube ich, daß er reden möchte,
Ich höre ein leises Rascheln.
Was wäre das für ein Wort,
Verständlich nur einem Elfenohre?
Ich könnt es nicht übersetzen.
Am Wege drei Tropfen Blut,
Die purpurnen auf der weißen Decke,
Nur leicht in den Schnee gesunken.
Wie deute ich mir das Bild,
Weilt niemand hier, der mir Antwort gäbe?
Ein Flüstern gewinnt an Stimme. -
Weil deine Gedanken wie
Des Schnees Kristalle geordnet sind, so
Verfehlst du das Allernächste.
Drei Blutstropfen fandest du?
Zwei einzelne auf die Wangen deuten,
Das Kinn zeichnete ein dritter. -
Die Stimme kam aus dem Strauch,
Ich kann sie hören. Wird sie mir auch vom
Geschick eines Menschen reden,
Geriet seine Hand vielleicht
Ins Nadelkleid, oder welches Unglück
Vermochte ihn zu versehren? -
Ein Apfel in Frauenhand,
Da sie den roten zerteilen wollte,
Verletzte sie sich am Finger.
Die Frucht aber schmeckte gut.
Und wer davon einmal kosten würde,
Gewänne die ganze Wahrheit. -
Wer redet von einem Baum,
Da ganze Wälder ihr Laub verlieren?
Wer spricht da von einem Apfel?
Erkläre mir doch, warum
Erstirbt das Leuchtende auf der Erde
Und geht mit der Sonne unter? -
Es bracht eine Frau zur Welt
Ihr Kind, ein jeder staunte über
Die leuchtende Stirn des Knaben.
Beim Spiele entwich ein Pfeil,
Er war geschnitzt aus dem Holz der Mistel,
Dem Bogen des blinden Bruders.
ISBN der Quelle: 3869011645
Rubrik: Deutschland
Joachim Werneburg
In ein Gefährt verwandelt der Mantel sich,
die Pferde habe
ich unter der Eisenhaube.
Ich gehe unter gleich einem Wandelstern.
Die Luft, ein Polster,
geleitet ins Tal des Rheines.
Nun fahre ich auf himmlischen Straßen nicht,
begegne manchem
metallisch maskierten Mimen.
Das Stück, wir spielen es, ist ein rasendes.
Ins Labyrinth kehr
ich, mit seinen vielen Häusern.
Um je hinauszufinden aus dieser Stadt
braucht ich den Zwirn aus
der Hand einer Ariadne. –
Dem roten Faden folge in einem Buch,
das ich gedruckt, ruft
Herr Gutenberg von dem Sockel. –
Sie sind nicht gleich, die Straßen, denn einige
gewähren Vorfahrt,
beklagt sich ein Liberaler.
Dem Markte gegenüber steht noch der Dom,
darin begraben
ein Kaiser aus andren Tagen.
Gestein verblieb allein vom zerstörten Reich,
Mauern zu lesen
wie Bücher, doch ohne Schicksal.
Des Abends auf dem Marktplatz hör ich Musik,
die schrägen Rhythmen
verhallen an den Fassaden.
An glatten Wänden fallen mir Fugen auf.
Die Flämmchen züngeln
hervor, und sie werden größer.
Will sie denn schon zerreißen, die Häuserwand,
gleich einem Vorhang?
Hindurchscheint das Licht des Tages.
ISBN der Quelle: 3931101061
Rubrik: Dichter
Timo Kölling
Wir sind der Orden, der die ersten Strahlen
Des jungen Tags mit alten Wirren paart.
Wir sind die Schar, die auch in Not und Qualen
Vergeßnes und Verlorenes bewahrt.
Daß sie der Zeiten Wandel nicht verderbe,
Verkünden wir die Botschaft: Wort und Klang
Verströmen wir, daß Mühe und daß Werbe
Sich einen mit des dunklen Stoffes Drang.
Es sei uns Sorge nicht, daß immer weiter
Das Rad zur Tiefe rollt und Wirrsal siegt,
Denn göttlich nennen wir der Zeiten Leiter,
Die Oben, Unten ineinander biegt.
Und ist, was immer wir gestalten, Leere,
So ist es Wille, dem wir uns ergeben,
Der einst uns mit der Kraft des Gotts bewehre,
In dem wir sind: sein Leben - unser Leben.
Geheim auch lenkt von unten die Geschicke
Die Gattin, die der Welten Lauf bemißt.
Du wohnst im Stoff, doch fern sind deine Blicke
Und fremd...- so sag uns Söhnen, wer du bist!
ISBN der Quelle: 3833403551
Rubrik: Dichter
Timo Kölling
Wir standen in der Nacht auf unserm Hügel
Und blickten auf das seltsame Getriebe,
Wie fern es war als ob nichts haften bliebe,
Wenn einst gebrochen sei das heilige Siegel.
Hier ist, wo wir zur Bruderschaft uns koren
In einer Frühlingsnacht, in der von Treue
Wir sprachen, und von jener Macht der Reue,
Der niemals zu ergeben wir uns schworen.
In heimlichen und schamvoll scheuen Fluchten
Entzündeten wir alle unsre Lichter,
Im Schein, der mühsam hellte die Gesichter,
Erschienen wir uns in geheimen Schluchten,
In die kein Gran des Menschentreibens dringen,
Noch je ein unbefugtes Auge blicken,
Noch spähen könne - anderen Geschicken
Gelobten wir im Fackelschein zu singen.
Jetzt stehen wir wie einst, während Getöse
Vom Tal, von wo die Lichter weithin leuchten,
Und wo die Menschen uns Gespenster deuchten,
Erschallt wie ferner Traum dunkel und böse.
Wir lassen aus Vergangenem erklingen,
Die Töne, die wir einst so tief gesogen.
Doch ist der Zauber längst nicht fortgezogen?
Gilts nicht, um gänzlich anderes zu ringen?
Du spürst, mein Blick verwundet dich im Grunde.
Wie soll auch diesen Schmerz ich noch ertragen?
Du weißt, daß ich verzichte auf das Fragen
Und mir genügt die offenbare Kunde.
Ich blicke dir wie damals in die Augen
Und hoffe, daß sie Horizonte wähnen,
Doch ich erkenne einzig falsche Tränen,
Die sich aus einem toten Holze saugen.
Was schafft die die Gewohnheit, dran zu hängen?
Ich sehe wohl, du stehst auf fremder Seite
Und willst das neue Wort nicht zum Geleite,
Darum wird mir so müd bei deinen Klängen.
ISBN der Quelle: 383340356X
Rubrik: Tiere
Helmut Bartuschek
Eine einzelne Krähe
Fern von anderen Krähn -
Mir ist, als hätt aus der Nähe
Ich sie schon etwo gesehn.
Sie stakt mit steifen Füßen
Über den Rasen, den der Reif überweißt:
Und sie nickt, als wollte sie feierlich grüßen
Der Ödnis waltenden Schicksalgeist.
Sie schreibt, was vom Nebel, dem schwebenden,
Dem Herrn der Höhe, ihr geboten,
Sie schreibt mit ihren sich hebenden
Sinnritzenden Krallenpfoten:
Das Lebendes zu den Lebenden,
Das Tote zu den Toten...
Sie schreibts auf den rauhreifglitzenden Rain,
Dunkel zu lesen für mich und für euch,
Sie zeichnets in alle Erde eine,
Und die Stille liest es mit im Gesträuch...
Im Gesträuch, im starren, erbebenden,
Drin Glasperlen von Totenkränzen,
Die Berberitzen glänzen und klirren, die roten:
Das Lebende zu den Lebenden,
Das Tote zu den Toten...
So schreibt sie und reiht
Schief und vage hin,
Was nicht da ist, nur prophezeit
Von der wiederkehrenden Weissagerin
Aus der dämmrigen Nebelzeit.
Aufgeplustert in ihrem Rätselsinn,
Vom Wind, der die Federn durchstreicht,
Hält sie ein, die dunkle Kritzlerin,
Äugt lauernd her: Ob wer schauernd in
Ihrem Totenorakel, ihrem Pfotengekrakel
Sich erlese End und Beginnn?
Dank sei dennoch ihr, dem düsteren Boten,
Dank ihr, der Weisung gebenden:
Das Lebende zu den Lebenden,
Das Tote zu den Toten...
Das Lebende zu den Lebenden,
Das -
ISBN der Quelle: 3944064143
Rubrik: Tiere
Helmut Bartuschek
Einer ist nicht zu greifen,
Er schlüpft heil aus gläserner Haut:
Glatt gleich dem Aal gebaut
Weiß er er Hand zu entschweifen,
Der Hand, der zupackend graut,
Spürt ihr hohles Rund sie ihn streifen:
Er ringelt sich um sie in Reifen
Und entrinnt, nur als Schemen geschaut,
Nur als Schatten gewahrt man noch, im Kneifen
Der Lider vorm Licht, das erblaut
Aus dem Äther: Silbriges, Haut -
Trocknes Knistern, ektrisch . . . ein Pfeifen,
Später, sagengrell, ein Laut,
Nicht zu fassen noch zu begreifen,
Ein Zischeln, entwischt in Schleifen
Den Fetzen, den flötenrohr-steifen,
Leeren Glasts, den der Herbststurm durchrauht . . .
DIC, CUR HIC . . . Keine Haut
Legt ihm lauernd Schlingen noch Schleifen:
Eine ist nicht zu greifen,
Er schlüpft heil aus gläserner Haut.
ISBN der Quelle: 3944064143
Rubrik: Deutschland
Karl Wolfskehl
Dein Weg ist nicht mehr der meine,
Teut, dir schwant, erkoren seist
Du am Nordgrat, nicht am Rheine,
Lug sei, was dich andern eine,
Lug das Lamm in Kreuzespeine,
Blut sei Same, Gift der Geist.
Borgst dir Zeichen, Zucht und Richter,
Löschest aus die eignen Lichter,
Fährst vom Weltentempelhaus
Deiner Kaiser, deiner Dichter,
Brüllend, Teut, ins Dunkel aus:
Wüsstest du was drinnen kreist!
Nacht hat auch zu mir gesprochen,
Gottesnacht, schwer dröhnt das Wort:
Losgebrochen! Losgesprochen!
Alle meine Pulse pochen
Von dem Rufe: auf und fort!
Und ich folge, und ich weine
Weine, weil das Herz verwaist,
Weil ein Tausendjahr vereist.
Aber ob zum Morgenscheine
Hindrängt das gewaltige Wort,
Wo ich mich Altvätern eine,
Harrend, dass Hagadol erscheine -
Ob der Ruf mich fernhin reisst:
Kür verheisst und Sende weist.
Weit aus heilig weissem Feuer
Reckt die Hand und heischt der Meister:
Überdaure! Bleib am Steuer!
Selige See lacht, Land entgleisst!
Wo du bist, du Immertreuer,
Wo du bist, du Freier, Freister,
Du der wahrt und wagt und preist -
Wo du bist, ist Deutscher Geist!
ISBN der Quelle: 3926370300
Rubrik: Liebe
Fritz Usinger
Dass ich nicht zu dauern brauche,
Dass ich mich in Dich verhauche,
Solche Genügen zu erlernen,
Wirkt der Blick von Deinen Sternen.
Die Provinzen Deines Reiches
Finden nirgendwo ein Gleiches,
Also ewig, also schweigend,
In noch weitre Welten zeigend.
Ihnen meinen Sang zu fügen,
Wird die Stimme nie genügen.
Darum laß die schönen Scherben
Des Gedichts mit mir ersterben.
Schenken Dir als kleinste Gabe,
Dass ich mich vergessen habe,
Dass ich mich in Dich verhauche,
Dass ich nicht zu dauern brauche.
ISBN der Quelle: 3926370432
Rubrik: Alter
Fritz Usinger
Ein Glocken-Glück, von Türmen her geläutet,
War früh ein Zeichen grossen Anbeginns.
Heut wird von Zeichen anderes bedeutet,
Und selten sind die Stunden des Gewinns.
Durch hohe Jahre vieles zu begreifen,
Sucht ich im schwer gewählten Bücher-Kreis,
Bis ich im letzten tödlich leisen Reifen
Noch vor dem Ende alles Wissen weiss.
ISBN der Quelle: 3926370181
Rubrik: Bäume
Oda Schaefer
Sitze ich im Dunkelgrün
Träumend an der grauen Rinde
Eingewiegt vom Sommerwinde -
Sehe ich dein helles Blühn
Überall im Dunkelgrün,
Sehe still dein Wunder,
Sterniger Holunder.
Blätter spielen über mir
Fingergleich mit Licht und Schatten
Auf den zarten Phloxrabatten,
Und ich ruhe ganz im Hier,
Glut und Mittag über mir,
Lausche deinem Wunder,
Sterniger Holunder.
Wie die Zeit vergessen lehnt
Drüben an der weißen Mauer -
Bin ich`s selber, ohne Trauer,
Ohne Seele, die sich sehnt
Und am Stamm vergessen lehnt
Tief in deinem Wunder,
Sterniger Holunder...
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Treue
Oda Schaefer
Ach, du wirst mich verraten,
Eh noch die Hähne krähn,
An der Wand der langnasige Schatten
Wir all die schlafenden Taten
Und deine Lüge erspähn.
Im Kreis der flackernden Kerzen
Wandert die Zeile und schwankt,
Die mitternächtigen Schwärzen
Dröhnen wie Glocken so erzen,
Am Traume bist du erkrankt.
Dem purpurnen, violetten
Weine vermischt sich mein Blut,
Was du verrätst, wird dich rettten,
Trinke! Es fallen die Ketten,
Entsteige der stygischen Flut.
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Initiation
Oda Schaefer
Vom Wort der Dichter früh betroffen
Lebt ich zumeist allein
Fern von der Welt - die Welt stand offen
Zu einem andern Sein.
Ich hörte Töne, Flügelrauschen
Und las die Chiffre ganz entrückt:
Ich solle nur das Ich vertauschen
Mit dem, was mich entzückt.
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Herbst
Ben Berressem
Mondenschein und Nebelreigen
Stehn auf dunklen Ackergründen,
Bach und Wiese, Ast und Zweigen
Menschenheim und Kirchenpfründen.
Von den Gräsern kriecht der Schleier
Auf die schneebedeckten Felder
Und das Schilf im starren Weiher
Bildet schauerliche Wälder.
Ginsterauen stehn geborgen
Hinter dunstverhangnen Birken,
Wo bis in den kühlen Morgen
Hexen ihre Zauber wirken.
Tau klebt an den steilen Matten,
Nachtverhangen, frostumwunden.
Dampfend gärt im Waldesschatten
Ein Kadaver, totgeschunden.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Klassisches Altertum
Ben Berressem
Von Strahlen beschienen die ruhende See,
Versendet ein schläfriges Rauschen,
Nur leise vermag er dem Zech-Evoe
Athens in der Ferne zu lauschen.
Doch droben beschweren am steinigen Riff
Den König die brennenden Sorgen.
Er wartet auf Theseus im säumigen Schiff,
Die Stunden vertreiben den Morgen.
Und Zephyr hebt an, als der Mittag vergeht,
Die Wasser gemächlich zu wiegen.
Er bläst, wo die Sonne im Himmelsblau steht
Und kreischende Seemöwen fliegen.
Sie schicken den Ruf, der die Ruhe durchfährt,
Aus den Höhen zum steinigen Strande:
Kehr glücklich zurück an den heimischen Herd
Vom Kriege im kretischen Lande.
Die Planken umfasst da ein silberner Schaum,
Als Wolken sich sammeln und türmen,
Boreas greift tief in das Segel am Baum,
Die Wetter geraten zu Stürmen.
Da Helios den Wagen zur Heimat schon lenkt,
Die Küste mit Nacht zu bedecken,
Hat Triton die Stimme zum Grunde gesenkt,
Die schlummernden Wellen zu wecken.
Da hebt König Aigeus die zitternde Hand
Und möchte nicht halten die Träne.
Er ruft voller Freude ins attische Land:
Da kommt er, nach dem ich mich sehne!
Doch tiefere Stimmen von mächtigem Schall
Ertönen aus grollender Sphäre.
Da mischt sich der Regen im sausenden Fall
Mit brandenden Fluten im Meere.
Den Blitz, dessen Zucken die Wolken durchsticht,
Hat Zeus nicht um Donner betrogen,
So füllt sich die Weite mit gleißendem Licht
Und zeigt das Gefährt auf den Wogen.
Der König die Winke der Unterwelt spürt
Wie Dolche, die blutig verletzen:
Die Schwärze des Segels, am Maste geführt,
Erfüllt ihn mit blankem Entsetzen.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Kosmos
Fritz Usinger
Ewig genannt und ewig getrennt,
Weit wie an den Enden der Welt,
Geheimnis ist’s, das euch erreiche:
Alpha und Omega sind das Gleiche.
Ein weiter Weg durchs Alphabet,
Der sich im Seltsamsten ergeht,
Durch Zeichen-Welt, die trügt und lügt
Und sich doch still zusammenfügt.
Aus Wildwuchs ist das All gemacht,
Aus Stacheln und aus Blumenpracht,
Und dennoch kreist die Erde da
Als Aleph und als Omega
ISBN der Quelle: 3926370173
Rubrik: Symbole
Fritz Usinger
Älter als der König ist die Krone
In gehütetem Gemach
Dauert sie und wartet ohne
Unrast, ohne schmerzlich Ach,
Dass ein Tag ihr dieses Warten lohne,
Sie aus Düsternis erhebt
Und empor zu jenem Throne,
Der im Lichte himmlisch schwebt.
ISBN der Quelle: 3926370181
Rubrik: Mythos und Geschichte
Fritz Usinger
Ach, was ist früh, und was ist spät?
Hör einfach in, was dir der Welt-Wind rät:
Bei Nacht die Meere-grossen Lichter-Flöre,
Bei Tag die Sonne-trunkenen Säulen-Chöre.
Das alles lauscht und rauscht und zuckt und raunt,
Dass dir der Sinn vor ewigem Rätsel staunt.
Materie singt und brennt, erleuchtet dich
Und schreckt dein Auge mit des Lichtes Stich.
Da sie nicht schläft, sollst drum auch du nicht schlafen
Im Angesicht von wachen Tragelaphen,
Mit denen du die mächtigen Strassen zierst,
Dass dein Gedenken niemals du verlierst.
Geh langsam haftenwärts die Tempelstrasse,
Dass dich dr Meerwind salzig sanft umblase!
Die Zeiten sind von ewig her gesät.
Ach, was ist früh und was ist spät?
ISBN der Quelle: 3926370181
Rubrik: Griechenland
Fritz Usinger
I
Bis hierher kam Athene und sie sah
Die Eiswand über sich: Himalaya,
Und wußte, dies ist Hellas’ fernster Rand.
Hier endet endlich das Apollon-Land.
Und eine Stadt zu gründen, hauchte sie
Dem Geiste Alexanders ein und lieh
Ihr einen Namen, hier nur griechisch da
Und niemals mehr auf Erden: Eschata.
II
Bis hierher rührte heilig-griechischer Geist,
Daß er die Jahrtausende die Erde speist.
Hier standen Thermen, strahlten Götterbilder.
Durch Schönheit atmeten die Dschungel milder.
Doch Tiger schlichen um die Marmorstufen.
Man hörte fern der Elefanten Rufen.
Und langsam sank das Land in alte Ruh,
Und Chodschent deckte stillen Marmor zu.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Tod
Oda Schaefer
O denk daran! Der Tod ist wie ein Kern
In dir und deinem Tagewerk verborgen,
Wie Haselnuß und heller Apfelstern,
Wie Pflaumensamt ihn einhüllt bis zum Morgen,
O denk daran, es nützt dir keine Flucht,
Er lebt in dir wie in der süßen Frucht.
Im vollen Fleische mästet er und nährt
Sich heimlich von den klaren, zarten Säften
Der Jugend erst, bis langsam aufgezehrt
Du nichts als Schale bist den matten Kräften,
Bis du den Herbst erwartest, der dich fegt,
Mit Sturm zum Haufen gelben Laubes trägt.
Er ist Vollendung auch. Dem braunen Rot
Der Hagebutte gleicht er nach der Rose.
Wie voller Mond so rund erscheint der Tod,
Wenn er begriffen wird im späten Lose
Als Inneres, gefältet tiefer Sinn
Der Knospe nur, die ich im Anfang bin.
Vergiß es nicht! Der Tod ist wie ein Kind
In deinem Leib, du speisest mit dem Schlage
Des Bluts ihm die Geburt, doch maulwurfsblind
Durchwühlst du noch die Erde deiner Tage.
Vergiß es nicht, er löst dir dein Gesicht,
Es dunkelt schon, du aber stehst im Licht.
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Liebe
Oda Schaefer
Du, wie mit tausend Hüllen
Aus dünnem, sprödem Glas
Verborgner! Kein Erfüllen,
Von Tränen bin ich naß.
Wo find ich dich, Gestalt!
Im Schweigen träumt der Wald.
Ein Fisch verschlingt den zweiten,
Es kehret keiner um.
Mein Schatten will sich breiten
Zu deinen Füßen stumm,
Verströmend singt mein Blut,
Kühl das Geliebte ruht.
Erinnern und Vergessen,
Nicht mehr als nur ein Tausch,
Die Klagen sind Zypressen,
Umdüstern jeden Rausch.
Du, atme tief mein Lied,
Das zuckend naht und flieht!
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Moderne
Oda Schaefer
Die Erde will uns nicht tragen.
Wir wurzeln nur noch in Luft,
Aus den gemäßigten Tagen
Sind wir ins Kalte verschlagen -
Verlassen das Haus und die Gruft,
Der Rosen zärtlicher Duft.
Wo wir so lange lebten,
Geht jetzt ein fremder Fuß,
Wo wir in Hoffnung erbebten,
Im Monde der Liebe schwebten -
Hinunter floß auch der Kuß
Den ewig murmelnden Fluß.
Verloren sind wir und irren
Durch die lemurische Nacht,
Hören die Fledermaus schwirren,
Uns die Gedanken verwirren -
Keine Arche als Fracht
Hat uns zum Berge gebracht.
Alle, die fliehen mußten,
Die jemals geflohen sind,
Und die vom Kriegsrauch Berußten,
Ob wir es früher schon wußten -
So wie im Winter der Wind
Weint ein vertriebenes Kind.
ISBN der Quelle: 3926370289
Rubrik: Dichter
Helmut Bartuschek
Mit seinen zehn Zauberfingern
Winkt er den schlafdunklen Merowingern.
Mit seinen Vexier-Instrumenten
Gebietet er Schein-Prätendenten.
Den Schah läßt er sich drehn
Auf den kaaba-starren Zehn...
Er ist ein Traumreich-Verhandler,
Er ist ein Tausend-Verwandler:
Er entzwängt der hürnenen Kluppe
Die Chrysalide, die Puppe -
Aus dem Mumienbänderring
Befreit er den Schmetterling.
So bleibt er, in vielerlei Zeichen,
Er selbst in Toten-Trugreichen!
ISBN der Quelle: 3944064143
Rubrik: Dichter
Helmut Bartuschek
Hinwelkt selbst Salomons Siegel,
Das Katzensilber wird blind:
Der Blick geht in Scherbenspiegel,
Die weltverhangen sind.
Tränen? Wozu noch Tränen,
Ihr Gesicker taugt nichts mehr,
Wo sich die Weiten dehnen
Saharagolden, leer...
Der Auftrag, der dem Dichter -
Wer weiß von wem ihm bleibt:
Hauch, der sich licht und lichter
Ins blaue Nichts hin schreibt.
ISBN der Quelle: 3944064143
Rubrik: Dichter
Helmut Bartuschek
Wiegt sich windtaumlige Drohne
Mit mächtigem Weisel im Tanz
In azurblauer Zone
Goldenen Heliosgespanns,
Wohne der Hochzeit bei, wohne
Ihr weltberückt bei im Glanz:
Rühme in Eltern, im Sohne
Rühme Äonen, sie ganz!
Dichter, und denk nicht wie’s lohne,
Deuter des Zeugungslands:
Dein sei die Erntekrone,
Dein sei der Distelkranz!
ISBN der Quelle: 3944064143
Rubrik: Edelstein
Wolf von Aichelburg
Er sprang vom Finger in die Flut
Und war verklungen und verschwunden.
Ich hielt die Stelle jäh verbunden,
Als stillte ich verströmend Blut.
Ein goldumschlungner Diamant,
Saturn und Sonne, Eis und Feuer,
Nun ohne Licht und ohne Steuer
Versunken tief in Schlaf und Sand.
Er glüht, doch keiner weiß um ihn,
Und keiner wird von ihm erfahren,
Den dunkle Wasser mit den Jahren
Mit Schlamm und Schlacke überziehn.
Er war für eine Weile mein,
Mein Blut, ich konnte ihn nicht halten.
Ihn nahmen schweigende Gewalten
Zurück, und er wird niemands sein.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Liebe
Wolf von Aichelburg
Dein Antlitz ist voll Zauber, nicht zu sagen
Und nicht zu zeichnen, führt ich auch den Strich
Mit viel Genauigkeit, ich täuschte mich
Und würde es ein andermal nicht wagen.
Nein, nicht die Stirne, Wange nicht und Mund,
Auch nicht die Augen - hab ich dich verraten?
Ach sieh, die Blicke sind wie Torentaten,
Und nur der Blick des Blinden macht gesund.
Die andern fassen deinen Zauber nicht.
Vielleicht ist er gehaucht wie Spinngewebe
Und ohne Sein und Dauer. Doch ich lebe
Und blühe auf in deinem Augenlicht.
Und sagt mir wer, du siehst, was gar nicht ist,
So sag ich, daß das Glück allein das Wähnen.
Und rührt mich Eingebildetes zu Tränen,
So weiß ich: alle lügen, du nur - bist.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Landschaft
Wolf von Aichelburg
Allhier stößt du auf Rippen und Gestein.
Die Träne, Sturzbach, spült das Harte rein,
Und wo der Humus und die Lebensweiche
Verspült sind, herrscht das Kantige und Bleiche.
Im Schattenwald gedeiht das Wunderbare,
Doch erst im Sonnenlicht das Bleibend-Klare.
Vieldeutig ist des Lebens Wellenschlag,
Doch eines Sinns der Tote und der Tag.
Die Träne ist des kalten Frührots Siegel,
Im Kelch das dunkle Licht des Taus ihr Spiegel.
Die Rune, die sich langsam eingesenkt,
Ist ohne Leid. Sie heilt nicht zu, sie sprengt.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: China
Wolf von Aichelburg
Der wunderbare Pinsel malt
Aufs Porzellan geschweifte Zeichen.
Das werd ich, sagst du, nie erreichen,
Dies Eins von Sinn und von Gestalt.
Willst du vereinen Zier und Sinn,
So mußt du tiefer in dir graben,
Denn deine kargen Zeichen haben
Nicht Prägekraft von Anbeginn.
In China war kein Sündverbot,
Drum war das Bild schon Kern und Hülle.
Du suchst fernab von Zeichen Fülle,
Senkst in das Wort dein zitternd Lot.
Wofür du nicht ein Zeichen hast,
Das mußt du mühevoll umschreiben.
Wird Sprache Bild, dann muß sie bleiben.
Was Rede, welkt und wird zur Last.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Moderne
Wolf von Aichelburg
Kühne Wager haben dich erflogen,
Dennoch bleibst du Sage, unbewohnt,
Niemals um dein Herrscherrecht betrogen,
Niemals untertan dem Menschen, Mond.
Stapfen, die sie in den Staub getreten,
Bleiben haften mehr als jedes Mal
Irdischen Triumphs. Sie überwehten
Keine Stürme. Wie Granit und Stahl
Hielten sich Konturen, werden halten,
Wenn sich längst die Gier, der Wunsch verzehrt,
Dich nach Menschen-Maßen zu verwalten.
Auch der Fahnenstumpf bleibt unversehrt.
Niemehr wird sie flattern in Gefahren,
Leerer Sieg, von keinem Raub bedroht,
Eine Fahne, auch nach tausend Jahren
Ohne Schicksal, Jubel, Ruhm und Tod.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Klassisches Altertum
Wolf von Aichelburg
Löscht das Feuer, hört den Wind der Nacht,
Wie er geisternd durch die Gärten rauscht,
An der Mauer Atem schöpft und lauscht,
Nur der Brunnen plätschert fort und wacht.
Wir sind Traum, doch unser Heiland geht
Hoch durch unser Schweigen. Seine Schritte
Hallen zögernd nach durch unsre Bitte:
Laß uns nicht, denn es ist worden spät.
Alle Blumen schlafen in den Gräsern,
Taugefunkel hängt im Schlehendorn,
Wo du schreitest durch das weiße Korn,
Geht die Mondessichel kalt und gläsern.
Unsrer Hände Tun ruht in den Ähren.
Unser ist ein armes Ziegeldach.
An der Schwelle über dem Gemach
Bittet dich ein Türspruch einzukehren.
Herr, du hörst die großen Winde singen.
Einsam gehst du durch den hellen Tod.
Weinend brechen wir das letzt Brot,
Hören deinen Schritt im Feld verklingen.
ISBN der Quelle: 392637019X
Rubrik: Amerika
Hermann Lingg
Auf Tempeln Mexikos glüht im Versinken
Die Sonne noch, was zaudert sie so lange?
Sie lauscht der Priester blutigem Gesange,
Zum Opferfest beim Schall der hellen Zinken.
Auf die Gefangnen scheint sie. Federn winken
Von ihrem Haupt, man hat mit goldner Spange,
Mit Blumen sie geschmückt zum letzten Gange;
Jetzt nahn sie, wo die Todesmesser blinken.
Wild jauchzt das Volk; des Opferaltars Kerzen
Glühn höher auf, man hält die blut’gen Herzen
Der Sonne hin, was zaudert sie noch immer?
Des Cortez Schiffe sieht sie längs der Hügel
Tabascos nahn, der Waffen heller Schimmer
Blitzt durch der Segel weiße Racheflügel.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Steinzeit
Uwe Lammla
I
Bei Döbritz muß im Riffgestein
So mancher Traum verborgen sein,
Hier gruben in der Altsteinzeit
Die Jäger ihre Zeichen ein.
Das Hochplateau gemach beschreit,
Der Feldrand sei dir Spur und Leit,
Dann durch die Büsche nach dem Grat,
Bis senkenhin sich Dornicht reiht.
Zur Wüsten Scheuer zieht der Pfad,
Bescheidnes Haus mit Keil und Spat,
Doch Sehnsucht, die jahrtausendalt,
Lockt dich mit Hall und Runenrat.
Hier wird dir selbst im Sommer kalt,
Luft fächelt durch Gesims und Spalt,
Was war, scheint hier nicht abgetan
Und redsam raunt der Seelenwald.
Ob Weisheit dich umsingt, ob Wahn,
Du weißts nicht, doch das Wabern mahn
Dein Herz, daß unser Mühn im Licht
Nur einen Strom durchmißt im Kahn.
Hier gilt ein andres Eich-Gewicht,
Hier macht kein Dämmer Tag zunicht,
Hier haucht sich Gott mit Sternenschein
Und zeigt dir deine kurze Sicht.
II
Ein Luftzug aus dem Karstgelaug,
Verriet dem Forscher in dem Jahr,
Da Deutschland wund doch fruchtbar war,
Daß hier ein Hort zur Einkehr taug.
Er fand den Grottenflur zum Knie,
Mit Feuerstein und Knochenzeug,
Herdstelle in gewundner Beug
Wo noch des Rauchfangs Symphonie
Der Wind zu spieln weiß, der sich fängt
In Pfeifen, glatt im mürben Karst,
Doch aus der Asche, drein du starrst,
Kein Flämmchen Hand und Ärmel sengt.
Manch Tier, in Tafeln eingeritzt,
Wildpferd, Steinbock und Moschusochs,
Hier wird der Kult des großen Bocks
Lebendig und das Aug, das blitzt
Dem Jäger, der nach langer Kar
Die Beute späht am schroffen Hang,
Und heimschafft stolz im Dankgesang,
Was ein Geschenk der Götter war.
Hier hat die Kunst am Totem teil,
Denn mag das Heim bescheiden sein,
So treten doch die Ahnen ein
Und schirmen es mit Mut und Heil.
III
Gerdgrotte heißt der dritte Stern
In Mosaik von Holdersheim,
Erweck auch ihn im rechten Reim
Und deute in der Hut des Herrn.
Wer einst den Ger, mit Müh gefügt
Und reich verziert mit Bann und Glück,
Auf Fahrten trug und reich zurück,
Der Prüfung jeder Zeit genügt.
Denn nicht wer mit Motor und Funk
Zu Leibe rückt dem Schicksalsbann,
Erweist sich als der wahre Mann,
Schafft Neid dem Grottenolm-Geunk.
Im Schlichten und im Ursymbol
Wacht auch die Größe des Geschlechts,
Und die Musik des Gergefechts
Weiht tausend Jahr die klamme Hohl.
Die Waffe, die dem Manne frommt,
Krönt auch den Traum in dieser Schweiz,
Drum nicht mit höchster Rühmung geiz,
Wenn hohen Muts der Krieger kommt.
Er schreitet durch die Schattenwelt
Als Rufer nach dem Schöpfungsschmerz,
Und gleichst du ihm im deutschen Herz,
Dir auch sein alter Herd gefällt.
IV
Du kommst zum Grottengang der Urd,
Zum Heiligtum der Mütterwelt,
Wo Mannesstolz und Himmel fällt,
Da bleibt der Mythos der Geburt.
Dies ist der reichste Höhlenraum,
Denn alle Schöpfung kehrt zum Quell,
Zwar sind verrottet Holz und Fell,
Doch was von Stein, bewahrt den Traum.
Auch Knochen und der Schädel Rund
Sind unverletzt der Zeit bewahrt,
Du stehst am Pol der langen Fahrt
Und glücklich vor dem reichen Fund.
Die einst am Herde Mahl und Mär
Gepfegt der strengen, weisen Norn,
Hat Yggdrasil einst auserkorn,
Zu künden, was da war und wär.
Drum Rat, wenn sich der Mann verirrt,
Sei dorten, wo man flicht und spinnt,
Seidkundig ist das Weibsgesind,
Das Filz und Knäul zum Pfad entwirrt.
Auch unsern Labyrinthen sei
Hier Ausgang und ein reifres Los,
Liguster blüht im Runsenmoos
Und gibt dich grünen Wäldern frei.
V
Eh du dich wendest von dem Riff,
Dein helles Aug den Felsen triff,
Der weithin ragt als Drachenzahn
Mit schroffem Hang und scharfem Schliff.
Ins Saaleland führt deine Bahn,
Der aufgereckte Weiser mahn,
Nur eingedenk des Grottenrats
Sollst du den Wassergeistern nahn.
Was raunte dir aus Schrund und Schlatz,
Erläutert Schühly dir aus Graz,
Der jedes Kräutlein hegt und kennt,
Was du erbatst, er kam und tat’s.
So rüste dich, der Himmel brennt,
Und wer heut noch nicht ausgepennt,
Der ist gewiß kein Wandersmann,
Der Wunder in den Wäldern fänd.
Tannhusers Land hält dich in Bann,
Manch Schwelle überschreit im Tann,
Die Ehrfurcht heischt dem jungen Geist,
Der frühtags kommt und schauen kann.
Die Bilder, die du Gott entleihst,
Durchplätschert eine Quelle meist,
Dazu, was dir der Grünling pfiff,
Und was die Gabelweihe preist.
ISBN der Quelle: 3936455732
Rubrik: Tiere
Rolf Schilling
Dem Schauenden ist alles Kunst und Spiel.
Wer, seiner dunklen Wurzel nur noch leis
Verknüpft, sich halb im Grenzenlosen weiß,
Erfände, hintergründig und subtil,
Den Schlafgesang barocker Schnörkelwesen,
Zur Hochzeit weiß bereitet, zart gewoben
Aus Traum und Dämmer, tagentrückt, erlesen
Im Schimmer ihrer magischen Garderoben.
Die stolzen Neiger, reinem Raum entstiegen,
Sie schaukeln, äußerer Bezüge bar,
Verhüllten Haupts in duftenden Gehegen,
Dem eignen eingebornenen Bewegen
Gemach verhaftet... Wind und Wellen wiegen
Der Träumenden geheimnisreiche Schar.
ISBN der Quelle: 3926370017
Rubrik: Krieg
Rolf Schilling
Der Blutkelch seiner Wunden ist versiegelt,
Und schleimig schön glänzt die zerfetzte Haut,
Die Blasen treibt und blauen Himmel spiegelt,
Der teilnahmslos das Leichenfeld beschaut.
Verschmiert und bitter klebt das Blut am Munde.
Die Augen fließen wie ein klarer Quell
Aus ihren dunklen Löchern, schillern hell
Und perlen wie der Tau zur Morgenstunde.
Ein Schmetterling, berauscht vom süßen Duft
Des Blutes, spreizt die bunten Flügel weit
Voll todesseliger Vergessenheit
Und taumelt trunken in der Sommerluft.
Das Vaterland ist fern. Die Grillen singen
Ein Lied, das keiner kennt und keiner hört.
Die große Ruhe ist in allen Dingen,
Und niemand mehr, der dieses Schweigen stört.
Die Würmer sind jetzt überall. Sie bohren
Sich in sein wundes Herz - er merkt es kaum.
Er schläft, an seine Schattenwelt verloren,
Den letzten Schlaf und träumt den letzten Traum.
ISBN der Quelle: 3926370017
Rubrik: Musiker
Rolf Schilling
Zöpfe, Perücken, bepuderte Quasten -
»Seht doch den kleinen Narziß, wie er spielt!« -
Hand, einsam irrend auf schimmernden Tasten,
Hand, die zu klein war, die nichts mehr behielt.
»Nun aber lustig! Die Beine geworfen!
Singe, Verschnittener! Harlekin, flieg!
Schenk uns, gleichviel, ob die Lippen verschorfen,
Süße Gesänge, zum Scherz die Musik!«
Hat denn die Erde kein Glück als das eine,
Das du dir selber, Verzweifelter, gibst?
Hörst du, mein Gott, was ich winternachts weine?
Laß mich dein Antlitz schaun, wenn du mich liebst!
Gott aber hört nicht, Gott würfelt im Himmel,
Schicksalsmechanik, ein zielloses Rad -
»Allerliebst! Neckisch! Geklirr und Gebimmel!
Töne, du holder Musikautomat!«
Schlußakkord jäh, und das Gastspiel beendet,
Gastspiel auf Erden, drei Akt lang, fini,
Als deiner Hand, allem Schnörkel entfremdet,
Nicht mehr zum Klang geriet, was aus dir schrie.
Aus! - Kein Dacapo. Nur Nacht und Verwesen.
Deckt erst die Erde, was Staub an dir war,
Wird dich (so sagt man) ein Engel erlösen -
Aber der Engel blieb unsichtbar.
ISBN der Quelle: 3926370025
Rubrik: Weltende
Florian Kiesewetter
Ich habe diese Nacht geglaubt,
Das Licht wär mir genommen,
Die Tatkraft wäre mir geraubt,
Die Sinne mir verschwommen,
Ich sah den Sonnenuntergang,
Und aus dem Lethe-Bronnen
Stieg Blut, das war äonenlang
Nach Nebelheim geronnen.
Ich habe diese Nacht gedacht,
Die Urnacht wär gekehret,
Und griffe uns mit einer Macht,
Der kein Geborner wehret.
Und wie an einem Nimbustag
Zerstob die Sonnenhelle,
Bis als der Harfe Goldgeklag
Sie aufstieg aus der Welle.
Ich habe diese Nacht gesehn,
Das Ende aller Zeiten,
Ich sah die Frühwelt auferstehn
Und Drachenflügel breiten,
Und wie die Himmel aufgehellt
Im Glanz aus Urzeitlichtern,
Verzopfte sich die Nebelwelt
Im Sog von Wirbeltrichtern.
Ich habe diese Nacht gewußt,
Pardon wird nicht gegeben,
Doch Abschied, Trauer und Verlust,
Bedingen neues Leben,
Ich sah dein Antlitz auf dem Berg
Erhellt vom Brandaltare
Und spürte wie im Zukunftswerk
Der Schmerz sich offenbare.
ISBN der Quelle: 3926370386
Rubrik: Dank
Rolf Schilling
Wenn Schwinge schattet, Wipfelgold verloht,
Kehr, später Quester, heim ins Abendrot.
Nimm von der Eiche, die der Blitz zerspliß,
Den Mantel, der dich birgt in Finsternis.
Dein Banner, das von Golde troff und Blut,
Gib in der Dunklen unsichtbare Hut.
Laß deinen Hain, von Zeptern Pans bepilzt,
Dem Stern, der sich befiedert, wenn du willst.
Und sieh den Blütenflor und sieh das Kind,
In dem du wiederkehrst, das sich beginnt.
Von ihm behütet, aller Waffen bar,
Am Stab die Schlange, Schilf und Mohn im Haar,
So gehst du deinen unbemeßnen Gang,
Vor dir und hinter dir nichts als Gesang.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Farben
Rolf Schilling
Weiß der Wolke, Weiß der Birkenrinde,
Weißer Fang verwundet weißen Leib,
Weißer Flieder, weißer Blust im Winde,
Weißes Blatt, auf das ich Zeilen schreib.
Weiß der Nordnacht, Weiß von Odins Rossen,
Weiße Schlange, die den Seher speist,
Samen-Weiß, aus dunkler Haft ergossen,
Weiß des Gipfels, den der Aar umkreist.
Weiß der Schnecke, Nußweiß, weiße Seide,
Weißer Albatros und weißer Hai,
Hermelin-Weiß, das im Gold-Geschmeide
Schlummert, weißer Schwan aus weißem Ei.
Milchweiß, Schneeweiß, Weiß des Elephanten,
Weiß des Marmors, Perlweiß, Nebelweiß,
Weiß der Sterne, Weiß des Grals-Gesandten,
Weiß des Einhorns, aller Weisheit Preis.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Farben
Uwe Lammla
Wenn sich das Licht zerteilt und einen Fächer
Gebiert, der sich gefällt im Regenband,
Schaust du beglückt, wie über Hain und Dächer
Der Himmel seine Herrlichkeiten spannt.
Nicht nur das Ganze überragt die Teile,
Auch jeder Teil ist eigentlich und ganz,
Vergeblich ist das Grübeln nach dem Heile,
Jedoch die Schöpfung sagt dir stets, sie kanns.
Was lebt, will Vielfalt, und noch im Bizarren
Erkennst du seine Liebe zum Detail,
Drum sollst du nicht der Offenbarung harren,
Die allensorts, so nur dein Blick verweil.
Die Wiese färbt der Lenz, um uns zu grüßen,
Mit Krokus-Blau und Osterglocken-Gold,
Bald wird dir Mohn die Lust im Korn versüßen,
Und drüber weißen Wolken-Lämmer hold.
Die Farben sind die Schwingungen der Seele,
Das Braun der Erde, die uns trägt und nährt,
Im Bann der Rose stocken Schritt und Kehle,
Doch Flieder macht uns leicht und unbeschwert.
Olivenzweige trägt der greise Seher,
Und Buchenrot gemahnt an Vorwelt-Traum,
Der Ruß weist auf die Runenschrift noch eher,
Als dich das Meer beruft mit Silberschaum.
In Stein und Blume wie in Hof und Ställen
Begleiten dich die Farben durch den Tag,
Ob sie sich leuchtend oder falbend hellen,
Das Aug nicht immer ganz entscheiden mag.
Sie decken nicht, sich andren zu verfeinden,
Das Edle ist dem Schlichten einverleibt,
Der Mensch muß nur sich selber eingemeinden,
Daß ihn der Herr mit Gold und Blut beschreibt.
Sie suchen nicht die Reinheit des Sublimen,
Die Blüte dankt sich Untergang und Mühn,
Und fester als an deinem Sack der Riemen
Gegründet ist das zarte Lindengrün.
Der Grieche sieht im Tod, daß Licht und Farbe
Ihn lassen, und stellt dies der Freude gleich,
Der Christ erkennt in jeder goldnen Garbe
Die ihm gedeiht, das ganze Gnadenreich.
Er stellt sein Tun in lebensfrohe Sphären,
Darin das schmale Feld, das wir bemühn,
Schattierung ist wie Mutterkorn an Ähren
Und läßt sich heiter den Verwandlungsblühn.
ISBN der Quelle: 3926370580
Rubrik: Farben
Uwe Lammla
Dem Tag, der Woche und dem Jahr sind Farben
Verfältig und mit strengem Strich gestellt,
Doch wenn sie blühten oder bald verdarben,
Blieb mir doch eine wert vor aller Welt.
Wenn der Gefährte sich mit Mohnrot schmückte,
So wählt ich stets im Korn das Blaugezack,
Und was mir in den Kindertagen glückte,
Dem jubel ich noch einst als greises Wrack.
Vor jeder Tugend, die die Not bezeugte
Und auch das Glück, wählt ich die Treue stets,
Und wenn Ihr Blau aus reifen Feldern äugte,
Gemahnt es an die Heilkraft des Gebets.
Denn mögen Glück und Freiheit dich verlassen,
Hört doch der Herr dein Wort durch Kerkerwand,
Und kannst auch das Himmelsblau nicht fassen,
So hält es doch der Traum in seiner Hand.
Die Treue ist die fruchtbarste der Gaben,
Sie bringt die Würde, Tat und Stolz hervor,
Sie feit dich, so wie Nektar in den Waben
Beschützt ist und das Heil vom Himmelstor.
Das Blau des Himmels, das sich stets erneute,
Viel länger als ein Auge je es pries,
Das Blau des Meers, das seine reiche Beute
Bewahrt und einzig Weiser spült auf Kies.
Das Blau der Beere, die im Kräuticht reifte,
Die blaue Blume und dein blaues Hemd,
Das Jugendblau, das durch die Wälder schweifte,
Das blaue Licht, dafür man Felsen stemmt.
Der blaue Flachs, drin Ofterdingen ruhte,
Das Blau der Nacht, gewölbt zu stolzem Dom,
Der blaue Reiter, der mit blauem Blute
Durch Städte ritt im Untergangs-Arom.
Dein Segel ist gespannt in blaue Weiten,
Wer wahrhaft treu, den schreckt Verwandlung nicht,
Und mag dich auch das Drachenblau bestreiten,
Schützt dich dein Augenblau im Angesicht.
ISBN der Quelle: 3867035512
Rubrik: Symbole
Uwe Lammla
Im Einzelwesen scheint der Kreis das kleine,
Der Tag, die Woche und die Jahreszeit,
Geburt und Tod dagegen sind gemeine
Erfahrungen im Reich der Endlichkeit.
Doch schaut man die Planeten und die Sterne,
So glänzen sie mit Reim und Wiederkehr,
Und was im Raume fern, ist zeitlich ferne,
Doch sie, ein Rad, bringt alles endlich her.
Und welche Deutung die Kultur bestimme,
Entscheidet sich daran, ob eine Schar
In Ehrfurcht und in Selbstbescheidung glimme,
Oder obs Wahl der allermeisten war.
Bei Goethe reimt sich deutlich, daß die Leute
Nur ihres Teils gewahr und größrem kalt,
So fand mit ihrer Macht und Vielheit heute
Die Linie gar als Fortschritt Zweckgestalt.
Der Fortschritt ist Verbrauch in jeder Weise
Und was er erbt, gibt er zum Abschuß frei,
Er wuchert wie ein Pilz in jede Schneise
Und macht sogar den Himmelsdunst zu Blei.
Das Kreuz ist zwar die Linie vor dem Kreise,
Jedoch die Ebne, die sie selbst nicht schafft,
Erfüllt ihr einer weitren Linie Schneise,
Da sie Geschichte kreuzt mit Gotteskraft.
Dies Bild wird oft von Deutern mißverstanden,
Als ob dies handle von Augustus Zeit,
Der Scheitel doch, da Heil und Zeit sich fanden,
Ist immer und steht jedem Tag bereit.
Also versteh die Zeit als eine Flanke,
Die das Gebot, von Nacht und Licht zu wähln,
Berührt, und deinem Schöpfer ewig danke,
Daß in der Furcht vor der Versucher-Pranke
Nicht nur die Uhren Tag und Taten zähln.
ISBN der Quelle: 3867035512
Rubrik: Klassisches Altertum
Rolf Schilling
Und wenn wir nichts wüßten als dies,
Und wenn uns kein Wurf mehr gelänge:
Von schimmernden Küsten das Vlies
Beglänzte den Saum der Gesänge.
Beglänzte die Lippe, die pries,
Entdeckte dem Fechter die Fänge,
Erweckte, wenn Pan nicht mehr blies,
Auf silbernen Saiten Gesänge.
Und wenn wir nichts fänden als dies:
Das Schweigen am Grund aller Klänge:
Aus lodernden Bränden das Vlies
Beglänzte den Saum der Gesänge.
Beglänzte den Pfeiler, den Fries,
Den Wächter im Winter-Gepränge,
Sein Blut, wenn der Speer ihn durchstieß,
Weckt silberner Saiten Gesänge.
Und wenn wir nichts riefen als dies:
Den Abgrund, der uns verschlänge:
Aus schimernden Tiefen das Vlies
Beglänzte den Saum der Gesänge.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Pflanzen
Rolf Schilling
Wo sich Äste schwärzen
Vor gestürztem Stamm,
Sieh der Königskerzen
Goldenes Geflamm.
Ihre Zeit zu messen,
Bist du nicht bestellt,
Herbst hat sie vergessen,
Schlank im Sonnenzelt
Stehn sie, leise zitternd,
Wenn der Wind sie streift,
Ihren Heimgang witternd,
Doch kein Schatten greift
Heut nach ihren Kronen,
Die so sicher stehn,
Daß die Schnitter schonen,
Was sie längst erspähn.
ISBN der Quelle: 3926370033
Rubrik: Tiere
Rolf Schilling
Aus dem Dunkel Wege weitend,
Spielerin, für dich erkiest:
Sieh sie schwimmend, sieh sie gleitend,
Wo die Binse silbern sprießt.
Ring aus Ring, sich hold verbreitend,
Stunde, die sich selbst genießt,
Welle, mit der Strömung streitend,
Drin die Huldin schimmernd fließt.
Sei, durch ihre Reiche schreitend,
Jener, der die Zeichen liest,
Bis du, sie zur Neige leitend,
Dich dem sanften Bann entziehst.
Ferne Bahnen dir bereitend,
Schlange, die vorüberschießt:
Sieh sie schwimmend, sieh sie gleitend,
Bis das Schilf ihr Bild verschließt.
ISBN der Quelle: 3926370157
Rubrik: Herbst
Rolf Schilling
Pflück einen letzten Sproß vom Rosenbeet
Und heb die Hexen-Eier aus dem Laub.
Was du nicht heimbringst, wird dem Wind zum Raub
Und ist vor Tag verworfen und verweht.
Der Hirsch, in dessen Spur das Wasser steht,
Darin dein Bild verschwimmt, ist blind, nun glaub,
Daß dir das Einhorn aufspring mit Geschnaub,
Wo sich der Wächter mit dem Speer ergeht.
Er wird dir sagen, was der Schatten sprach,
Da schon der Holder, der sein Horn zerbrach,
Die Hand erhob zu traurigem Fahrwohl.
Schließ das Visier und geh der Schlange nach,
So dringst du ein ins innerste Gemach
Mit deinem Helm von rotem Karneol.
ISBN der Quelle: 3926370319
Rubrik: Tiere
Rolf Schilling
Naht sich nachts der Leguan,
Helm-geschmückt im Zackenkragen,
Siehst du Lilien-Speere ragen
Aus der Blätter Filigran.
Naht sich nachts der Leguan,
Wird Apoll dem Schwan entsagen,
Wird der Gott den Kampf nicht wagen
Mit dem Drachen, seinem Ahn.
Naht sich nachts der Leguan,
Wird das Wild den Fänger jagen,
Liegt der Hirt im Wald erschlagen
Und im Hagen der Ulan.
Naht sich nachts der Leguan,
Zier dein Schildhaupt mit dem Schragen,
Durch den Staub der Niederlagen
Ziehst du, Blinder, deine Bahn.
Naht sich nachts der Leguan,
Nährt am Strand der Lotophagen
Dich der Halkyon mit Klagen
Und mit Blut der Pelikan.
Naht sich nachts der Leguan,
Steht der Quester ab vom Fragen,
Doch die Schale, die wir tragen,
Birgt vom Drachengold ein Gran.
ISBN der Quelle: 3926370319
Rubrik: Garten
Rolf Schilling
Blau der Hyazinthen
Lud zur Hochzeit ein,
Wen die Blüher minnten,
Weiß der Traum allein.
Duft der Nachtviolen
Lockt die Schwärmer her,
Eh wir Atem holen,
Sind die Kelche leer.
Zug der Schattenbilder,
Wolkenhoch gebauscht,
Bilsenkraut hat wilder,
Dunkler uns berauscht.
Mohn auf goldnem Linnen
Trägt dem Gärtner Zins,
Eh wir uns besinnen,
Spricht der Gott: Ich bins.
ISBN der Quelle: 3926370319
Rubrik: Klassisches Altertum
Rolf Schilling
Zäumer feurigen Gespanns:
Wird der hohe Sonnenwagen
Dich auf blaue Bahnen tragen,
Träumer mit dem Flammenkranz?
Lenker funkelnden Gefährts,
Silberne Gestirne schirrend,
Doch dem Ares, Eisen-klirrend,
Schenker des gezückten Schwerts.
Zügler, bald schon zügellos:
Eh den Stab der Götterbote
Senkt, bist du der Gold-umlohte
Flügler in den Schattenschoß.
Rager, Sagenglanz-verklärt:
Flammend in der Todeslohe
Bleibst du doch der Sonnen-hohe
Wager, der die Träume nährt.
Würzer bittersüßen Tranks:
Durch die Zeiten, durch die Räume
Stürzer über Wolkensäume
In die Krallen des Gesangs.
ISBN der Quelle: 3926370319
Rubrik: Kreuzzüge
Rolf Schilling
Im Feuer deiner Rosengärten schwärm
Im Prunk des Purpur, Schnee des Hermelins,
Und laß vor dir die Adler von Palerm
Entfliegen zu den Küsten Saladins.
Der Sänger spannt die Saiten vom Gedärm
Des Lamms auf seine Leyer - wo Jasmins
Berauschter Hauch die Wangen streift, erwärm
Dein Herz am weichen Klang des Tamburins.
Die Türme sind sehr alt und sehr erlaucht,
Von denen du durch goldne Nebel spähst,
Dein Reich zu schaun, der Sarazene taucht
Aus Rosen auf und lächelt, doch du säst
Die Perlen des Sonetts, vom Traum behaucht,
Aufs Schwert, das du zu schwingen nicht verschmähst.
ISBN der Quelle: 3926370327
Rubrik: König Artus
Rolf Schilling
Er ist ein Ritter, doch er ist nicht rüde,
Sie schlagen blind im Fieber drein, er nie,
Und jedes andern Kriegers Attitüde
Verblaßt vor seines Winks Bizarrerie.
Wär Leid in Gold zu wiegen, er belüde
Die Schulter, bis er niederbräch ins Knie,
Er trägt den Speer, und sind die Schnitter müde,
Salbt er die Schlafenden und wacht für sie.
Er gürtet sich vor Klingsors Zaubergarten
Zur Prüfung, die kein Quester je bestand,
Sein Herz ist rein, sein Schwert ist ohne Scharten,
Sein Blick ist mutig, sicher seine Hand,
Er reißt die Adler ab von den Standarten,
Streut Funken aus und setzt die Burg in Brand.
ISBN der Quelle: 3926370327
Rubrik: Ritterorden
Rolf Schilling
Spät, aber nicht zu spät, hast du erkannt,
Daß irr und Ritter sein dasselbe sei.
Wer sich allein im Dienst des Traums ermannt,
Zollt auch dem Wahn ein Opfer nebenbei.
Wer trunkenen Muts den Bogen überspannt,
Der sorge, daß der Himmel ihm verzeih,
Doch bleibt du nüchtern auch des Grals Trabant
Und hoffst, daß dich der Herr der Queste weih
- Zu welchem Ziel, vom Lilienwind gewiegt?
Am Quell der Wissenden zu welchem Grad?
Zerbrochnen Schwertes stehst du unbesiegt
Im Dämmer als der Schatten Potentat,
Und wenn die Schlange sich zum Goldreif biegt,
Sei du der Pfau und schlag vor ihr das Rad.
ISBN der Quelle: 3926370327
Rubrik: Landschaft
Joachim Werneburg
I
Wind, mich kühlend, ich grüße dich, den abendlichen!
Da du mich frösteln machst,
Spüre ich einen Hauch der Hünen, welche, alten
Erzählungen getreu,
Ihre Lungen an diesem Landstrich ausprobieret
Mit Felsen leicht wie Staub.
Weh, wer packt mich! Wohin, frag ich, ein Wald sich nähert,
Wohin werd ich entführt?
II
Kommt das Heer der Verstorbenen, ich rate, fliehe,
Wer da lebendig ist.
Rette, falls du begegnest jener Schar, im Teppich
Des Waldes dein Gesicht;
Helden, kopflose, andere ans Rad gebunden,
Sind besser dir verhüllt.
Mußt du ihnen auch zuhören, sie fliegen achtlos
Jetzt über dich hinweg.
III
Hörest, Vogel, nun zu, ein Wort aus meiner Flinte,
Es lud dich auf mein Pferd.
Zwar die Stellung verlor ich, als der Graf erfuhr, wer
Dies Handwerk mich gelehrt;
Schenken wollt’ ich den fetten Hasen, ach, den Bauern,
Sie rannten feig davon.
Merke, Vogel, ich ziehe mit Gesellen, ewig
Der Schuß ins Schwarze trifft.
IV
Leichter denn des Gespenstes Mund ist eifrig blätternd
Ein altes Buch befragt,
Wähne ich und vertiefe mich in weise Sprüche,
Nicht fassend ihren Sinn.
Durch das Fenster Besuch von Raben, ob der Zeichen,
Gemalt auf Pergament;
Rückwärts les ich, die Vögel fliehen, etwas klüger
Verschließe ich das Buch.
V
Fürchte nicht, daß ich, weiß mein Kleid, vor dir erscheine,
Der Mond hat es gebleicht,
Bittend trete ich, Mensch, vor dich um deine Hilfe,
Die heut mich lösen darf.
Sieh die Tanne auf diesem grauen Turme ragen,
Beherzt steig ihn herauf,
Harz in deinem Gefäße ist’s, das, mich entlassend,
Die wunde Seele schließt.
VI
Hoch die Tarnkappe, Volk, mein kleines, mancher denket,
Uns gäb’ es längst nicht mehr!
Leer die Speicher der Burg, der Ritter hat verweigert
Ein täglich Stück Brot.
Wein vom besten, die Gläser, reicht die Brote, frisch aus
Der Backstube gebracht,
Tapfer also hineingebissen. - Ausspuckt! Kümmel
Im Laib ist unser Tod.
VII
Höre nun, mich verlassend in dem Wald, worin ich
Mit hundert Bildern warb,
Wenn mein Haar dir zu schwarz, Gesicht und auch die Rede
Zu dunkel, zünde ich,
Also dir die ersehnte Helligkeit ersetzend,
Die Ländereien an.
Bleibt nur Rauch in Gehöften, drin der Wind sich spielend
Die Zeit vertreiben wird.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Landschaft
Joachim Werneburg
Des Landes Flüsse führen zu schmal für euch,
Ihr möchtet Wassers Ernte wohl fahren ein,
Betrachtet das Gesicht des Meeres,
Inseln bedeuten der Väter Tage:
»Noch treiben Fische willig in Netze fast,
Und Boote kehrn, gewichtig die Ladung, heim
Bis dem Geflüster nachgegeben,
Trockener Geister, der See zu fluchen.
Die lose Rede lockte Poseidon an,
Und also sprach das Meer in den Inselraum.
Ein Thüringer, dem das Wasser bis zum
Halse stand, staunte mit offnem Munde.
Nicht Fisch, mit Schlingen freches Geflügel nun,
Das Wasser, ach, entziehet dem Brunnen tief,
Für Wellen fandet ihr die Räder,
Rollende Kähne, bespannt mit Pferden.«
Zwar klüger jetzt ihr pfleget die Landschaft, doch
Zu stolz, zu stolz nicht halle der laute Ruf.
Im Berge harren Flüsse eu’r und
Möchtet vergehen am Überflusse.
ISBN der Quelle:
Rubrik: Liebe
Florian Kiesewetter
Blau kristallen ruht das Wasser,
Braun zerfallen ragt der Ton,
Blütenfarben werden blasser,
Blühen viel zu lange schon.
Abseits von Tumult und Zischen
Wo sich Linien sanft verwischen,
Schwatzt die Kirsche mit der Pflaume,
Und wir treffen uns im Traume.
Mit den Bienen wettzusummen,
Lächelte der frühe Mai,
Wohl wir sind wie sie verklungen,
Und der Monat ist vorbei.
Doch im Innern loht noch immer
Von dem Wonnemond ein Schimmer,
Der uns sah am Bonsai-Baume,
Da wir lagerten im Traume.
All die Formen, die uns labten,
All die Farben, die uns licht,
An der Herzenskruste schabten,
Daß der Schlag sei hörbar dicht,
Trauer zog die Rötelschwalbe
In die Höh, und alles Falbe
War gelöscht im Gartenraume,
Da wir liebten uns im Traume.
Nebelschwadne Wasserfälle
Mischten Zorn gestauter Kraft
In verspielte Sonnenhelle
Grad wie eine Leidenschaft,
Als ein Rosenblatt so tanzte,
Daß es an der Stirn dir franste
Und der Duft entfloh dem Flaume,
Da wir schwebten fort im Traume.
Später gingen wir im Schweigen
Durch den Wald, im Dämmer rot,
Eichhorn wollte flink sich zeigen,
Und ein Pilz sprach bleich vom Tod.
Wie da mählich losch das Helle
Merkten wir nicht an der Quelle
Und ich hielt die Gier im Zaume,
Da wir wandelten im Traume.
Dann stand Abschied jäh und bitter
Auf dem Zeiger deiner Uhr,
Daß zum Bettler werd der Ritter
Vor der Zeit, unendlich stur,
Doch es nimmt mir keine Stunde,
Was mir loht von deinem Munde
Und mir kehrt am Gartensaume,
Da wir trafen uns im Traume.
ISBN der Quelle: 3926370386